
Jugend unter Druck: Schlafprobleme und problematische Social-Media-Nutzung nehmen zu
Der neue Bericht KidsHealthCH bündelt Daten zur Gesundheit junger Menschen. Er zeigt Belastungen, aber keine einfache Schuldfrage.
Schlechter Schlaf, psychische Belastung und ein problematischer Umgang mit sozialen Medien betreffen einen erheblichen Teil der jungen Bevölkerung. Das zeigt KidsHealthCH, ein neuer nationaler Monitoringbericht im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit. Er führt rund 100 Indikatoren zur Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammen.
Eine Zahl sticht heraus: 2022 berichteten 28 Prozent der 15- bis 24-Jährigen von Schlafstörungen. Bei den 11- bis 15-Jährigen wurde bei sieben Prozent eine problematische Nutzung sozialer Medien festgestellt. Der Anteil lag bei Mädchen mit zehn Prozent deutlich höher als bei Jungen mit vier Prozent.
Wichtig ist die zeitliche Einordnung. Der Bericht erschien 2026, viele der darin ausgewerteten Daten stammen jedoch aus dem Jahr 2022. Er beschreibt deshalb nicht sekundengenau die Lage von heute. Sein Wert liegt im systematischen Überblick und in der Möglichkeit, Entwicklungen über mehrere Erhebungen hinweg zu erkennen.
Problematisch ist nicht jede intensive Nutzung
Soziale Medien gehören zum Alltag. Dort pflegen Jugendliche Freundschaften, informieren sich, entwickeln Interessen und finden Gemeinschaft. Viele Stunden vor einem Bildschirm sind nicht automatisch ein Anzeichen für eine Störung.
Als problematisch gilt eine Nutzung erst, wenn Kontrolle verloren geht und andere Lebensbereiche leiden – etwa Schlaf, Schule, Beziehungen oder Freizeit. Im Bericht ist der entsprechende Anteil seit 2018 deutlich gestiegen; bei Mädchen fällt der Anstieg besonders auf. Problematisches Gaming betrifft demgegenüber rund drei Prozent der 14- und 15-Jährigen.
Die Daten zeigen zudem Zusammenhänge zwischen problematischer Mediennutzung, Angst, depressiven Symptomen und Schlafproblemen. Daraus folgt aber nicht, dass das Smartphone allein die Ursache ist. Wer psychisch belastet ist, kann digitale Angebote intensiver nutzen; gleichzeitig können nächtliche Benachrichtigungen, soziale Vergleiche oder Konflikte im Netz Belastungen verstärken. Häufig wirken mehrere Faktoren zusammen.
Schlaf ist keine Nebensache
Jugendliche haben biologisch oft einen späteren Schlafrhythmus. Frühe Schul- und Arbeitszeiten passen dazu nicht immer. Leistungsdruck, Sorgen, Freizeitaktivitäten, Schichtarbeit in der Ausbildung und digitale Kommunikation können die Erholung zusätzlich verkürzen.
Anhaltender Schlafmangel beeinträchtigt Konzentration, Stimmung und körperliches Wohlbefinden. Eine einzelne kurze Nacht ist dagegen noch kein Gesundheitsproblem. Entscheidend sind Dauer, Leidensdruck und Folgen im Alltag.
Für Familien hilft deshalb weniger die pauschale Frage «Wie viele Stunden Bildschirmzeit sind erlaubt?» als eine konkrete Beobachtung: Bleibt genügend Schlaf? Werden Schule, Arbeit, Bewegung und Freundschaften vernachlässigt? Kann das Gerät freiwillig weggelegt werden? Solche Fragen erfassen die Situation besser als eine starre Zahl.
Was im Alltag helfen kann
Klare, gemeinsam vereinbarte Routinen können entlasten. Dazu gehören ausgeschaltete Benachrichtigungen in der Nacht, ein fester Ladeplatz ausserhalb des Schlafzimmers und möglichst ähnliche Schlafzeiten. Erwachsene sind glaubwürdiger, wenn Regeln auch für sie gelten.
Gespräche sollten nicht erst im Konflikt beginnen. Wer nach den genutzten Plattformen, positiven Erfahrungen und belastenden Situationen fragt, signalisiert Interesse statt Kontrolle. Beschämung oder heimliche Überwachung können Vertrauen beschädigen.
Wenn Schlafprobleme über Wochen anhalten, Alltag oder Stimmung deutlich beeinträchtigt sind oder sich ein junger Mensch zurückzieht, ist professionelle Hilfe sinnvoll. Erste Anlaufstellen sind Haus- und Kinderarztpraxen, Schulsozialarbeit, schulpsychologische Dienste und kantonale Beratungsangebote. Bei akuter Selbstgefährdung ist sofortige Hilfe nötig.
Ein Auftrag an Schulen und Politik
Die Verantwortung darf nicht allein bei Jugendlichen und Eltern liegen. Schulen können Medienkompetenz, Schlafwissen und psychische Gesundheit verbinden, statt nur vor «zu viel Bildschirm» zu warnen. Beratungsstellen müssen erreichbar sein, bevor eine Krise entsteht.
Auch Plattformen tragen Verantwortung: verständliche Privatsphäre-Einstellungen, wirksamer Jugendschutz und Designs, die Pausen nicht absichtlich erschweren. Für die Schweiz sind zudem regelmässige, zeitnahe Daten wichtig. Ein Monitoring mit mehrjährigem Abstand erkennt Trends, kann rasche Veränderungen aber erst verzögert abbilden.
KidsHealthCH ist daher weder eine Anklage gegen eine Generation noch ein Freipass für die Tech-Branche. Der Bericht zeigt ein echtes Gesundheitsproblem – und zugleich, warum einfache Schuldzuweisungen zu kurz greifen.
Quellen
- Bundesamt für Gesundheit: KidsHealthCH – Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz (PDF)
- Bundesamt für Gesundheit: Mitteilung zum Monitoringbericht
Stand: 9. September 2026.


