Internationale Politik17:00 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 4 Min.0 Kommentare

Kanye West spaltet Russland: Konzerte als Politikum

Geplante Stadionkonzerte in Sankt Petersburg sorgen in Russland für Streit – und werfen auch in der Schweiz Fragen auf.

Kanye West
Bild: Open AI

Kanye West und Russland: Geplante Konzerte in Sankt Petersburg sorgen für Streit

Der US-Rapper Ye, früher bekannt als Kanye West, sollte im Oktober zwei Konzerte in Sankt Petersburg geben. Doch inzwischen ist unklar, ob die Auftritte überhaupt stattfinden können. Die Betreiber der Gazprom Arena erklärten, die für den 10. und 11. Oktober angekündigten Konzerte könnten dort nicht stattfinden. Nach Angaben des Stadions wurde kein Mietvertrag mit dem Veranstalter unterzeichnet.

Der Veranstalter Say Agency widerspricht dieser Darstellung. Die Agentur hält an den beiden Konzertterminen fest und erklärte, die notwendigen Verträge sollten noch abgeschlossen werden. Damit ist der Auftritt wenige Wochen vor dem geplanten Termin in der Schwebe.

Stadion zieht Zusage zurück

Die Konzerte waren am 17. August angekündigt worden. Zunächst wurde die Gazprom Arena selbst als Veranstaltungsort genannt und bewarb die Auftritte. Kurz darauf änderte das Stadion seine Position und erklärte, es habe keinen Mietvertrag mit Say Agency abgeschlossen. Die Werbematerialien zu den Konzerten wurden von der Website der Arena entfernt.

Say Agency hält dagegen. Geschäftsführerin Anna Subcheva erklärte, die Konzerte seien nicht abgesagt. Nach Angaben der Agentur sollten die vertraglichen Fragen noch geklärt werden. Damit stehen sich derzeit zwei widersprüchliche Darstellungen gegenüber.

Auch über die Hintergründe wird in Russland spekuliert. Das unabhängige russische Medium Fontanka berichtete unter Berufung auf Quellen, die Entscheidung des Stadions sei nach einem Anruf aus Moskau gefallen. Eine offizielle Bestätigung für einen politischen Eingriff des Kremls gibt es jedoch nicht. Diese Darstellung sollte deshalb nicht als Tatsache behandelt werden.

Tickets waren bereits im Verkauf

Die Veranstalter hatten den Vorverkauf bereits gestartet. Die Preise lagen nach Angaben mehrerer Medien zwischen 9'000 und 160'000 Rubel. Die günstigsten Kategorien waren innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. Wie viele Tickets tatsächlich verkauft wurden, ist derzeit nicht verlässlich bekannt.

Die Dimension der geplanten Konzerte ist trotzdem beträchtlich. Die Gazprom Arena kann rund 80'000 Menschen aufnehmen. Zwei ausverkaufte Abende würden damit theoretisch mehr als 160'000 Zuschauer ermöglichen.

Nach dem Rückzug der Arena erklärte das Moskauer Luzhniki-Stadion inzwischen, grundsätzlich für einen Auftritt von Ye offen zu sein. Ob dieser Hinweis zu einer tatsächlichen Verlegung führen könnte, ist offen.

Ein ungewöhnlicher Auftritt in Russland

Sollte Ye tatsächlich in Russland auftreten, wäre dies ein bemerkenswertes Ereignis. Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine haben sich viele westliche Musiker aus dem russischen Konzertmarkt zurückgezogen.

Ye wäre einer der international bekanntesten westlichen Künstler, die seit Beginn des Krieges in Russland auftreten würden. Der Rapper war bereits 2024 in Moskau, damals allerdings zu einem privaten Anlass. Ein Konzert gab er bei diesem Besuch nicht.

Inzwischen ist der Künstler international stark umstritten. Ye hat in den vergangenen Jahren wiederholt antisemitische Äusserungen gemacht und Adolf Hitler öffentlich gelobt. Wegen dieser Kontroversen wurden 2026 mehrere geplante Auftritte in Europa abgesagt oder verhindert.

Auch in der Schweiz wurde ein Konzert abgesagt

Die Kontroverse hat einen direkten Bezug zur Schweiz. Der FC Basel hatte im April einen geplanten Auftritt von Ye im St. Jakob-Park abgesagt. Der Verein erklärte gegenüber Reuters, man habe nach einer Prüfung entschieden, dem Künstler unter diesen Umständen keine Plattform zu bieten.

Auch in anderen europäischen Ländern kam es 2026 zu Absagen oder Problemen mit geplanten Konzerten. Grossbritannien verweigerte Ye die Einreise für einen Festivalauftritt, während geplante Shows unter anderem in Polen und Frankreich ebenfalls auf Widerstand stiessen.

Russland reagiert widersprüchlich

Gerade deshalb ist die geplante Russland-Tour politisch und kulturell bemerkenswert. Einerseits präsentiert sich Russland seit Beginn des Krieges zunehmend als Gegenmodell zum Westen und kritisiert westliche Kultur und gesellschaftliche Werte. Andererseits bietet der russische Konzertmarkt internationalen Künstlern weiterhin eine Bühne.

Der Fall Ye macht diesen Widerspruch besonders sichtbar. Der Rapper ist wegen seiner antisemitischen und nationalsozialistischen Äusserungen selbst im Westen stark umstritten. Gleichzeitig gehört er zu den weltweit bekanntesten Musikern.

In Russland gab es deshalb ebenfalls kritische Stimmen. Einzelne Politiker forderten etwa, Ye solle bei seinem Auftritt russische Musik spielen. Andere stellten seine früheren Äusserungen über Hitler und nationalsozialistische Symbolik infrage.

Kommt es tatsächlich zum Konzert?

Entscheidend ist derzeit die ungeklärte Vertragssituation. Die Gazprom Arena sagt, dass kein Mietvertrag besteht und die Konzerte dort deshalb nicht stattfinden können. Say Agency hält dagegen und kündigt weiterhin die beiden Termine am 10. und 11. Oktober an.

Auch die angebliche politische Einflussnahme aus Moskau ist bislang nicht bestätigt. Fest steht lediglich, dass die Arena ihre ursprüngliche Kommunikation geändert und die Veranstaltungen von ihrer Website entfernt hat.

Damit ist Ye derzeit zwar weiterhin für zwei Oktobertermine in Sankt Petersburg angekündigt – ob er dort tatsächlich auf der Bühne stehen wird, ist aber offen.

Ein Konzert mit politischer Bedeutung

Der Fall zeigt, wie eng Popkultur und Politik in Russland inzwischen miteinander verbunden sind. Ein Auftritt eines international bekannten US-Künstlers wäre nicht nur ein musikalisches Ereignis. Er könnte zugleich als Zeichen dafür interpretiert werden, dass Russland trotz internationaler Isolation weiterhin für grosse westliche Künstler offensteht.

Für Ye wiederum wäre Russland ein ungewöhnlicher Ort für einen Neustart auf der grossen Bühne. Während mehrere europäische Veranstalter seine Auftritte wegen seiner früheren Äusserungen ablehnten, stösst sein Name in Russland auf erhebliches Interesse.

Noch ist allerdings nichts entschieden. Solange die Frage des Veranstaltungsorts und des Mietvertrags nicht geklärt ist, bleiben die beiden für Oktober angekündigten Konzerte mit einem Fragezeichen versehen.

Quellen

  • SRF News: Bericht über die geplanten Ye-Konzerte in Russland
  • Reuters: Ankündigung der Konzerte in Sankt Petersburg
  • The Moscow Times: Berichte zur Ankündigung und zum Streit um die Gazprom Arena
  • The Guardian: Einordnung der geplanten Russland-Auftritte und der Kontroversen um Ye
  • Reuters: Absage des geplanten Ye-Konzerts in Basel

Artikel teilen

Fehler im Artikel melden

Vielen Dank für Ihren Hinweis. Bitte beschreiben Sie den Fehler so genau wie möglich.

PNG, JPG oder WebP, max. 5 MB

Kommentare

Melden Sie sich an, um mitzudiskutieren.

Noch keine Kommentare. Schreiben Sie den ersten.