TARDOC: Krankenkassen kündigen Rückforderungen an – Spezialisten im Fokus
Erste Abrechnungsdaten deuten darauf hin, dass einzelne Spezialgebiete stärker profitieren als vorgesehen. Gleichzeitig bleibt die Aufwertung der Hausarztmedizin bisher aus. Die Versicherer prüfen deshalb Tarifeffekte und auffällige Abrechnungsmuster.

TARDOC sollte Spezialisten bremsen und Hausärzte stärken
TARDOC ist Teil des neuen Gesamt-Tarifsystems für ambulante ärztliche Leistungen. Seit Anfang 2026 werden diese Leistungen entweder über TARDOC oder über ambulante Pauschalen abgerechnet. Das neue System ersetzt TARMED, das seit 2004 in Kraft war.
Ein wichtiges Ziel der Reform war, die Tarifstrukturen stärker an der tatsächlichen medizinischen Leistung auszurichten und Fehlanreize des alten Systems zu korrigieren. Gleichzeitig sollte die Grundversorgung gestärkt werden.
Dahinter steht ein gesundheitspolitisches Problem: Spezialmedizin kann höhere Vergütungen generieren, während Hausärztinnen und Hausärzte eine zentrale Rolle in der Grundversorgung übernehmen und gleichzeitig ein Mangel an ihnen besteht.
Die ersten Monate mit TARDOC zeigen nun, dass sich die gewünschte Verschiebung nicht automatisch einstellt.

Einzelne Spezialgebiete entwickeln sich stärker als erwartet
Nach ersten Abrechnungsdaten der Versicherer liegen die Vergütungen in mehreren spezialisierten Fachrichtungen über dem Niveau vor der Einführung von TARDOC. SRF nennt unter anderem Dermatologie, Ophthalmologie, Urologie und Chirurgie.
Saskia Schenker, Direktorin des Krankenkassenverbands prio.swiss, spricht von Bereichen, die «überschiessen». Besonders bei der Augenmedizin und – weniger sichtbar – bei der Dermatologie beobachte man eine stärkere Entwicklung als erwartet.
Warum es dazu kommt, ist allerdings noch nicht abschliessend geklärt. Nach Einschätzung der Versicherer kommen mehrere Erklärungen infrage: Einzelne Tarifpositionen könnten zu grosszügig bewertet sein, die Zahl der erbrachten Leistungen könnte zugenommen haben oder es könnten unzulässige Abrechnungsmuster vorliegen. citeturn0news9turn0search0
Hausarztmedizin profitiert bisher nicht wie geplant
Gleichzeitig zeichnet sich bei der Hausarztmedizin nicht die gewünschte Verbesserung ab. Der Haus- und Kinderärzteverband Schweiz kritisiert, dass die Grundversorgung durch TARDOC nicht ausreichend aufgewertet worden sei.
Der Verband spricht von einer deutlichen Kostensteigerung im ambulanten Bereich, während die erwartete Aufwertung der Hausarztmedizin ausgeblieben sei. In einzelnen Kantonen sei sogar eine Abwertung festzustellen. Eine moderate Verbesserung zeige sich lediglich bei Kinderärztinnen und Kinderärzten sowie bei praktischen Ärztinnen und Ärzten.
Für die Hausärzte ist das politisch brisant: Sollte das neue Tarifsystem die Unterschiede zwischen Grundversorgung und Spezialmedizin nicht verringern, könnte ein wesentliches Ziel der Reform verfehlt werden. citeturn0search3
Die Versicherer sehen mehrere mögliche Ursachen
Noch ist nicht klar, ob die Entwicklung tatsächlich auf einen Fehler im Tarif zurückzuführen ist. Genau diese Unterscheidung ist entscheidend.
Eine Möglichkeit besteht darin, dass einzelne Leistungen im TARDOC zu hoch bewertet wurden. Laut prio.swiss könnten bei bestimmten Spezialgebieten beispielsweise veraltete Datengrundlagen hinterlegt sein. Wenn sich medizinische Abläufe und die dafür benötigte Zeit verändert haben, können hinterlegte Zeitwerte zu hoch ausfallen.
Eine zweite Möglichkeit wäre eine Mengenausweitung: Wenn mehr Leistungen erbracht oder häufiger abgerechnet werden als bisher, können die Gesamtkosten steigen, ohne dass eine einzelne Tarifposition zwingend falsch bewertet sein muss.
Als dritte Möglichkeit untersuchen die Versicherer Abrechnungsmuster, die gegen die Tarifregeln verstossen könnten.
Behandlungen über zwei Tage statt über einen
Ein Beispiel nennt Saskia Schenker im Zusammenhang mit bestimmten Pauschalen. Diese seien so ausgestaltet, dass eine Behandlung grundsätzlich innerhalb eines Tages erfolgen sollte. In einzelnen Fällen würden Patientinnen und Patienten jedoch an zwei verschiedenen Tagen aufgeboten, sodass die entsprechende Pauschale zweimal verrechnet werden könne.
Schenker bezeichnet dieses Vorgehen als nicht zulässig. Die Versicherer wollen solche Muster anhand der Abrechnungsdaten identifizieren und im Rahmen ihrer Wirtschaftlichkeitskontrollen überprüfen. citeturn0search0turn0news9
Wichtig ist dabei die Unterscheidung: Bisher handelt es sich um von den Versicherern festgestellte oder vermutete Auffälligkeiten. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass eine bestimmte Fachrichtung oder gar die Ärzteschaft insgesamt systematisch falsch abrechnet.
Schenker betont selbst, dass die grosse Mehrheit der Ärztinnen und Ärzte korrekt arbeite.
Rückforderungen sollen folgen
Die Krankenkassen wollen die Abrechnungsdaten der ersten Monate zunächst vollständig auswerten. Werden dabei unzulässige Abrechnungen bestätigt, sollen die entsprechenden Beträge zurückgefordert werden.
Schenker spricht in diesem Zusammenhang ausdrücklich von «Betrugsbekämpfung». Der Begriff bedeutet allerdings nicht, dass bereits feststeht, dass die untersuchten Ärztinnen und Ärzte Betrug begangen haben. Zunächst müssen die einzelnen Fälle geprüft und die jeweiligen Abrechnungen beurteilt werden.
Genau deshalb ist auch offen, wie gross das Problem tatsächlich ist. Weder die Zahl der betroffenen Praxen noch die Höhe der möglichen Rückforderungen lässt sich derzeit zuverlässig beziffern.
Auch der Tarif selbst steht auf dem Prüfstand
Die Diskussion dürfte deshalb nicht allein um mögliches Fehlverhalten einzelner Leistungserbringer gehen. Auch die Konstruktion des TARDOC könnte angepasst werden müssen.
Das neue Tarifsystem ist ausdrücklich als lernendes System angelegt. Korrekturen sind möglich und sollen auf Basis der Erfahrungen mit der praktischen Anwendung vorgenommen werden. Laut prio.swiss ist bereits eine Revision für 2027 eingereicht.
Gleichzeitig gelten Vorgaben zur Kostenneutralität. Der Bundesrat verlangt, dass die Einführung des neuen Tarifsystems nicht allein durch die neue Tarifstruktur zu ungerechtfertigten Mehrkosten führt. Für die Zeit nach der Einführung gibt es deshalb einen Wachstumskorridor und Korrekturmechanismen, wenn die Kostenentwicklung den vorgegebenen Rahmen überschreitet. citeturn0search4
Die Daten sind noch nicht endgültig
Bei aller Brisanz der ersten Zahlen gibt es eine wichtige Einschränkung: Die Datenlage befindet sich noch am Anfang.
Die FMH erklärte am 3. September 2026, dass ihr derzeit noch keine ausreichend robusten Daten vorlägen, um die Auswirkungen von TARDOC auf einzelne Fachgebiete verlässlich zu beurteilen. Gleichzeitig unterstützt der Ärzteverband das Ziel, die Haus- und Kinderarztmedizin zu stärken. citeturn0search2
Damit stehen sich derzeit zwei Aussagen gegenüber: Die Versicherer erkennen in ihren ersten Auswertungen bereits deutliche Auffälligkeiten, während die Ärzteschaft vor voreiligen Schlussfolgerungen warnt.
Beide Positionen können gleichzeitig zutreffen. Erste Daten können auf ein Problem hinweisen, ohne bereits zu beweisen, warum dieses Problem entstanden ist oder wie gross es tatsächlich ist.
Was TARDOC bisher nicht erreicht hat
Nach den ersten Monaten lässt sich deshalb vor allem eines festhalten: Die angestrebte Verschiebung zugunsten der Grundversorgung ist bisher nicht klar erkennbar.
Gleichzeitig entwickeln sich einzelne Spezialgebiete stärker als erwartet. Ob dafür eine fehlerhafte Tarifbewertung, eine Mengenausweitung, besondere Praxisstrukturen oder unzulässige Abrechnungen verantwortlich sind, muss die weitere Auswertung zeigen.
Das ist für die weitere Entwicklung des Tarifs entscheidend. Denn eine lineare Abwertung aller Fachrichtungen wäre ebenso wenig sachgerecht wie ein Festhalten an Tarifpositionen, die einzelne Leistungen dauerhaft zu hoch vergüten.
Die nächsten Monate werden entscheidend
Die Krankenkassen wollen die Abrechnungsdaten weiter auswerten und bei bestätigten Verstössen Rückforderungen stellen. Gleichzeitig müssen die Tarifpartner klären, ob einzelne Positionen des TARDOC angepasst werden müssen.
Für die Hausarztmedizin geht es um die Frage, ob die versprochene Aufwertung tatsächlich erreicht werden kann. Für die Spezialgebiete stellt sich umgekehrt die Frage, ob bestimmte Vergütungen sachgerecht sind oder korrigiert werden müssen.
Noch ist deshalb nicht bewiesen, dass TARDOC als Ganzes gescheitert ist. Die ersten Daten zeigen aber, dass die mit der Reform angestrebte Neuverteilung der Vergütungen nicht automatisch eingetreten ist.
Entscheidend wird nun sein, was die vollständigen Abrechnungsdaten zeigen – und ob sich die Auffälligkeiten durch Anpassungen am Tarif, durch eine veränderte Leistungserbringung oder durch tatsächlich unzulässige Abrechnungen erklären lassen.
Quellen
- SRF, 5. September 2026: «Neues ambulantes Tarifsystem – Unnötige Praxisbesuche, damit der Spezialarzt mehr verdient». - SRF, 3. September 2026: «Tardoc: Hausärzteverband sieht Hausarztmedizin benachteiligt». - FMH, 3. September 2026: «Ambulante ärztliche Tarifrevision auf verlässlicher Datengrundlage pflegen». - Bundesamt für Gesundheit: Informationen zum ambulanten Arzttarif und zu TARDOC.



