Kinderärztemangel: Warum der Wohnkanton entscheidend sein kann
Eine neue Studie zeigt massive Unterschiede bei der pädiatrischen Versorgung – und überraschende Gründe dafür.

Für Familien kann es einen grossen Unterschied machen, wo sie in der Schweiz leben. Eine neue Studie der Universität Bern und von pädiatrie schweiz zeigt, dass die Dichte der kinderärztlichen Grundversorgung zwischen den Kantonen massiv variiert.
Im Jahr 2024 arbeiteten in der Schweiz insgesamt 1'499 Kinderärztinnen und Kinderärzte in der Grundversorgung. Umgerechnet auf Vollzeitstellen waren es rund 1'017 Vollzeitäquivalente. Damit kam im Schweizer Durchschnitt eine vollzeitäquivalente Kinderarztstelle auf rund 1'600 Kinder unter 18 Jahren.
Zwischen Genf und Appenzell liegen Welten
Besonders deutlich werden die Unterschiede beim Vergleich der Kantone. In Genf kommt eine vollzeitäquivalente Kinderarztstelle auf rund 750 Kinder. Auch Basel-Stadt, Waadt und Tessin weisen eine vergleichsweise hohe Versorgungsdichte auf.
Ganz anders sieht es in Appenzell Ausserrhoden aus: Dort kommen rund 4'750 Kinder auf eine Vollzeitstelle. In Obwalden sind es etwa 4'150, in Schaffhausen 3'550 und im Thurgau 3'100.
Damit kommen in Appenzell Ausserrhoden rechnerisch mehr als sechsmal so viele Kinder auf eine vollzeitäquivalente Kinderarztstelle wie in Genf.
Rund zwei Drittel der befragten Kinderärztinnen und Kinderärzte gaben zudem an, dass in ihrer Region ein Mangel an pädiatrischer Grundversorgung bestehe. Besonders häufig wird dieser in ländlichen Gebieten wahrgenommen.
Schweizer Durchschnitt liegt über einem US-Richtwert
Die Studienautoren vergleichen die Schweizer Situation unter anderem mit einer US-Empfehlung von 1'200 bis 1'400 Kindern pro Kinderarzt. Der Schweizer Durchschnitt von rund 1'600 Kindern pro Vollzeitstelle liegt darüber.
Zum Vergleich: Für die Erwachsenenmedizin empfiehlt die FMH einen Hausarzt beziehungsweise eine Hausärztin pro 1'000 Einwohner. Untersuchungen von Kindern benötigen allerdings häufig mehr Zeit als Konsultationen bei Erwachsenen.
Teilzeit ist nicht die ganze Erklärung
Ein häufig genannter Grund für den Kinderärztemangel ist die zunehmende Teilzeitarbeit. Tatsächlich arbeiten 87 Prozent der Praxispädiaterinnen und Praxispädiater weniger als 95 Prozent. Das Median-Pensum liegt bei 70 Prozent.
Interessant ist jedoch das Ergebnis der statistischen Analyse: Die Höhe der durchschnittlichen Arbeitspensen erklärt die Unterschiede zwischen den Kantonen nicht systematisch.
Zwei Drittel der Befragten sind zwar der Meinung, dass Teilzeitarbeit den Mangel verstärkt. Die Daten zeigen aber nicht, dass Kantone mit besonders vielen Teilzeitpensen automatisch schlechter versorgt sind.
Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Die Kinderärztinnen und Kinderärzte arbeiteten im Median 35 Stunden pro Woche. Auf ein Vollzeitpensum hochgerechnet entspricht dies rund 50 Stunden. Teilzeit bedeutet deshalb nicht zwangsläufig eine geringe tatsächliche Arbeitsbelastung.
Die Vergütung spielt eine Rolle
Einen stärkeren statistischen Zusammenhang fanden die Forschenden bei der Vergütung. Höhere kantonale Taxpunktwerte im damals geltenden Tarif Tarmed waren mit einer höheren Dichte an Kinderärztinnen und Kinderärzten verbunden.
Rein statistisch stand dieser Faktor mit knapp 40 Prozent der kantonalen Unterschiede bei der Pädiaterdichte in Zusammenhang. Das ist allerdings keine Aussage darüber, dass höhere Tarife automatisch zu einer bestimmten Zahl zusätzlicher Kinderärzte führen.
Die Studie nennt daneben weitere Faktoren, darunter die zunehmende administrative Belastung, steigende Erwartungen von Eltern und das finanzielle Risiko einer eigenen Praxis.
In schlecht versorgten Kantonen behandeln Ärzte mehr Kinder
Die Unterschiede zeigen sich nicht nur in der Statistik, sondern auch im Praxisalltag. In Kantonen mit weniger als 0,5 Vollzeitstellen pro 1'000 Kinder behandeln Kinderärztinnen und Kinderärzte im Median rund 25 Patienten pro Tag. In besser versorgten Kantonen sind es 17.
Auch bei Vorsorgeuntersuchungen gibt es einen Unterschied: In schlecht versorgten Kantonen sind dafür im Median rund 30 Minuten vorgesehen, in gut versorgten Kantonen etwa 40 Minuten.
Noch deutlicher wird der Engpass bei der Aufnahme neuer Patienten. In schlecht versorgten Kantonen nehmen nur 18 Prozent der Praxen alle neuen Patientinnen und Patienten auf. In gut versorgten Kantonen sind es 51 Prozent.
Was bedeutet das für Familien?
Für Eltern kann eine geringe Kinderarztdichte längere Anfahrtswege, Schwierigkeiten bei der Suche nach einer Praxis oder Ausweichmöglichkeiten auf andere medizinische Angebote bedeuten.
Die Universität Bern weist darauf hin, dass Eltern und Fachpersonen bereits seit einigen Jahren von Schwierigkeiten berichten, einen Kinderarzt zu finden oder bei akuten Problemen rasch einen Termin zu erhalten. Viele Familien würden deshalb auch bei weniger schweren Fällen auf Notfallstationen von Kinderspitälern ausweichen.
Direkte Wartezeiten wurden in der Studie allerdings nicht untersucht. Aus den Zahlen zur Ärztedichte lässt sich deshalb nicht unmittelbar ableiten, wie lange eine Familie in einem bestimmten Kanton auf einen Termin warten muss.
Der Ball liegt nun bei der Politik
Die Untersuchung liefert vor allem eine detaillierte Bestandsaufnahme. Sie zeigt, dass der Kinderärztemangel nicht überall gleich gross ist und dass einfache Erklärungen wie die Teilzeitarbeit zu kurz greifen.
Die Forschenden sehen Ansatzpunkte unter anderem bei den finanziellen Rahmenbedingungen, beim Abbau administrativer Belastungen sowie bei der Aus- und Weiterbildung in der pädiatrischen Grundversorgung.
Für die Politik stellt sich damit eine konkrete Frage: Wie lässt sich die kinderärztliche Versorgung dort stärken, wo Familien heute besonders wenig Zugang zu pädiatrischen Praxen haben?
Eine Folgestudie soll zudem die Sicht der Eltern untersuchen. Damit könnte künftig genauer beurteilt werden, wie sich die regionalen Unterschiede tatsächlich auf die Versorgung der Familien auswirken.
Quellen
- Universität Bern: «Berner Studie zeigt: Kinderärztinnen und -ärzte fehlen – je nach Kanton massiv», 1. September 2026
- Swiss Medical Weekly: «Shortages of Pediatric Primary Care and Contributing Factors in Switzerland», 2026
- Medinside: «Pädiatrie-Versorgung ist Glückssache», 2. September 2026



