Politik14:30 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 4 Min.0 Kommentare

Waffenplatz Thun wird zum Defence Cluster – zivile Pläne geraten unter Druck

Der Bund ändert seine Pläne für Thun Nord

Waffenplatz Thun
Bild: openAi

Der Bund ändert seine Pläne für Thun Nord

Der Waffenplatz Thun soll zu einem bedeutenden Verteidigungs- und Innovationsstandort weiterentwickelt werden. Das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) hält deshalb an den bundeseigenen Flächen im Bereich des Entwicklungsschwerpunkts Thun Nord fest.

Eine Abgabe dieser Flächen für rein zivile Nutzungen ist nach Angaben des VBS nicht vorgesehen. Vertreter von armasuisse und der Armee haben die Stadt Thun bereits im August über die neue Ausgangslage informiert.

Damit verschiebt sich die Perspektive für einen Teil des Areals: Aus ursprünglich vorgesehenen Entwicklungsmöglichkeiten für zivile Nutzungen soll zunehmend ein Standort werden, an dem militärische Anforderungen mit Forschung, Industrie und technologischer Entwicklung verbunden werden.

Was hinter dem «Defence Cluster» steckt

Der Begriff Defence Cluster steht dabei nicht einfach für zusätzliche Kasernen oder militärische Infrastruktur. Das VBS will den Standort für verteidigungsrelevante Industrie- und Forschungspartner öffnen.

Im Mittelpunkt stehen Technologien, die für die künftige Verteidigungsfähigkeit der Schweiz wichtig sind. Dazu zählen insbesondere Drohnen und Drohnenabwehr, Robotik, Cybertechnologien sowie weitere Systeme für die Aufklärung, Vernetzung und den Schutz kritischer Infrastruktur.

Die neue Ausrichtung passt damit zur strategischen Neuausrichtung der Armee. Der Bundesrat will die Schweizer Armee von einer primär auf Ausbildung ausgerichteten Organisation zu einer stärker einsatzorientierten Armee weiterentwickeln. Gleichzeitig soll die Zusammenarbeit mit Hochschulen, Industrie und Start-ups ausgebaut werden.

80 Prozent der Investitionen sollen neuen Bedrohungen gelten

Grundlage für die Neuausrichtung sind die vom Bundesrat am 19. Juni 2026 verabschiedeten Leitlinien für die Verteidigung. Sie reagieren auf eine veränderte Sicherheitslage, in der hybride Bedrohungen und Angriffe aus der Distanz als besonders wahrscheinlich eingestuft werden.

Die Rüstungsplanung sieht deshalb vor, dass bis 2039 rund 80 Prozent der Investitionen in die Abwehr dieser wahrscheinlichsten Bedrohungen fliessen. Dazu gehören insbesondere die Luftverteidigung, der Einsatz und die Abwehr von Drohnen sowie der Schutz von Netzwerken, Daten und kritischen Systemen.

Ein erstes Drohnenbataillon soll bis 2028 aufgebaut werden. Die Armee soll dafür enger mit Schweizer Hochschulen, Unternehmen und Start-ups zusammenarbeiten. Thun soll von dieser Entwicklung profitieren und zu einem Ort werden, an dem solche Fähigkeiten nicht nur eingesetzt, sondern auch entwickelt und weiterentwickelt werden.

Waffenplatz Thun
Symbolbild · Bild: openAi

Für Thun verändert sich damit die Stadtentwicklung

Der ESP Thun Nord ist ein rund 62 Hektaren grosses Entwicklungsgebiet zwischen dem Stadtkern und dem Lerchenfeldquartier. Der Standort wurde über Jahre als wichtiger Wirtschafts- und Entwicklungsschwerpunkt aufgebaut.

Die neue Position des Bundes bedeutet allerdings nicht, dass der gesamte ESP Thun Nord künftig militärisch genutzt wird. Entscheidend ist vielmehr, dass bundeseigene Flächen innerhalb des Perimeters nicht mehr für rein zivile Zwecke abgegeben werden sollen.

Welche konkreten Grundstücke und Projekte davon betroffen sein könnten, ist derzeit noch nicht abschliessend geklärt. Genau diese Fragen sollen nun gemeinsam mit der Stadt Thun und weiteren Beteiligten untersucht werden.

Militärstandort oder Wirtschaftsfaktor?

Für Thun bringt die neue Ausgangslage deshalb nicht nur Einschränkungen, sondern auch eine mögliche wirtschaftliche Chance. Ein Defence Cluster könnte Unternehmen aus der Sicherheits- und Rüstungsindustrie, Forschungseinrichtungen und Technologieunternehmen anziehen.

Das entspricht auch der übergeordneten Rüstungspolitik des Bundes. Die Schweiz will ihre sicherheitsrelevante Technologie- und Industriebasis im Inland stärken und Forschung, Entwicklung und Innovation ausbauen. Ziel ist unter anderem, kritische Fähigkeiten und Technologien stärker im eigenen Land verfügbar zu halten.

Für Thun stellt sich damit eine neue Frage: Kann aus dem militärisch geprägten Waffenplatz ein Innovationsstandort entstehen, der auch wirtschaftlich Bedeutung gewinnt?

Der Dialog mit der Stadt beginnt erst

VBS und Stadt Thun wollen die neue Ausgangslage gemeinsam weiterentwickeln. Für die kommenden 12 bis 24 Monate ist ein Dialog vorgesehen, in den neben der Stadt auch weitere Anspruchsgruppen einbezogen werden sollen.

Dabei dürfte es vor allem um die konkrete Nutzung der Flächen, bestehende Planungen und die Frage gehen, wie sich militärische und zivile Interessen miteinander verbinden lassen.

Noch ist deshalb offen, wie stark sich das Gesicht von Thun Nord tatsächlich verändern wird. Fest steht jedoch: Der Bund betrachtet die Flächen inzwischen nicht mehr primär als mögliche Reserve für zivile Stadtentwicklung, sondern als strategische Ressource für die künftige Verteidigungsfähigkeit der Schweiz.

Thun wird Teil einer neuen Verteidigungsstrategie

Die Entscheidung für Thun steht damit für einen grösseren Wandel. Angesichts der verschärften Sicherheitslage sollen militärische Fähigkeiten, Technologie und industrielle Kapazitäten in der Schweiz enger miteinander verbunden werden.

Der Waffenplatz Thun könnte dabei eine besondere Rolle übernehmen. Wo früher vor allem die Frage im Vordergrund stand, wie militärische Flächen für die Stadtentwicklung verfügbar gemacht werden können, geht es nun zunehmend darum, wie aus dem bestehenden Militärstandort ein Verteidigungs- und Innovationszentrum entstehen kann.

Ob daraus tatsächlich ein leistungsfähiger Defence Cluster entsteht oder ob militärische und zivile Interessen aneinandergeraten, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Die entscheidenden Gespräche zwischen Bund und Stadt haben gerade erst begonnen.

Quellen

  • VBS: «VBS stärkt Standort Thun für Verteidigung und Innovation», 7. September 2026.
  • Bundesrat/VBS: «Leitlinien für die Verteidigung: Bundesrat richtet Armee auf Verteidigungsfähigkeit aus», 19. Juni 2026.
  • VBS: Leitlinien des Bundesrates für die Verteidigung.
  • Bundesamt für Rüstung armasuisse: Rüstungspolitische Strategie des Bundesrates.
  • ESP Thun Nord: Informationen zum Entwicklungsschwerpunkt.

Artikel teilen

Fehler im Artikel melden

Vielen Dank für Ihren Hinweis. Bitte beschreiben Sie den Fehler so genau wie möglich.

PNG, JPG oder WebP, max. 5 MB

Kommentare

Melden Sie sich an, um mitzudiskutieren.

Noch keine Kommentare. Schreiben Sie den ersten.