Windkraft in der Schweiz: Der Streit um die Standorte geht in die nächste Runde
Der Bund überarbeitet das Windenergie-Konzept. Künftig könnten mehr Flächen für Windräder infrage kommen. Doch zwischen Stromversorgung, Landschaftsschutz und den Interessen der Gemeinden bleibt der Konflikt gross.

Bern – Wo in der Schweiz künftig Windräder stehen dürfen, könnte sich in den kommenden Jahren deutlich verändern. Der Bund hat die Anhörung zum überarbeiteten Konzept Windenergie gestartet. Kantone, Gemeinden, Parteien, Verbände und die Bevölkerung können nun Stellung nehmen.
Es geht dabei nicht um einzelne Windräder und auch noch nicht um konkrete Baugesuche. Im Zentrum steht eine viel grundlegendere Frage: Welche Gebiete sollen grundsätzlich für die Windenergienutzung infrage kommen – und welche sollen geschützt bleiben?
Das Thema ist politisch brisant. Die Schweiz braucht zusätzlichen erneuerbaren Strom, insbesondere im Winter. Gleichzeitig stehen Windkraftanlagen häufig dort zur Diskussion, wo Landschaften, Wälder, Tiere und die Bevölkerung besonders sensibel reagieren.
Warum der Bund das Konzept jetzt überarbeitet
Das bisherige Konzept Windenergie wurde vom Bundesrat im Jahr 2020 verabschiedet. Seither hat sich die rechtliche Ausgangslage verändert.
Ein entscheidender Schritt war die Volksabstimmung vom Juni 2024. Damals nahm die Schweizer Bevölkerung das Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien mit 68,7 Prozent Ja-Stimmen an. Das Gesetz stärkt den Ausbau erneuerbarer Energien und schafft für bestimmte Anlagen von nationalem Interesse erleichterte Planungsbedingungen.
Hinzu kommen neue beziehungsweise angepasste Regeln für die Planung und Bewilligung grosser Energieanlagen. Seit April 2026 gelten für grosse Solar-, Wasser- und Windenergieanlagen von nationalem Interesse beschleunigte Verfahren.
Der Bund muss deshalb seine Planungsgrundlagen an die neue Rechtslage anpassen.
Es geht um mehr als ein paar neue Windräder
Das Konzept Windenergie ist kein Bauprogramm. Es zeigt vielmehr auf, wie die verschiedenen Interessen bei der Planung berücksichtigt werden sollen.
Dazu gehören unter anderem die Energieversorgung, der Natur- und Landschaftsschutz, der Lärmschutz, die Zivilluftfahrt und die Landesverteidigung.
Für Windparks mit einer Produktion von mindestens 20 Gigawattstunden pro Jahr gilt grundsätzlich ein nationales Interesse. Bei solchen Projekten kann das Interesse an der Stromproduktion deshalb stärker ins Gewicht fallen als bisher.
Genau hier liegt der politische Sprengstoff: Je wichtiger die Windenergie für die Stromversorgung eingestuft wird, desto schwieriger wird es, sie allein mit Verweis auf Landschaft oder lokale Interessen zu verhindern.
Warum Windstrom gerade im Winter interessant ist
Windenergie hat für die Schweiz einen besonderen Vorteil: Sie produziert einen grossen Teil ihres Stroms im Winterhalbjahr.
Das ist wichtig, weil dann gleichzeitig die Nachfrage nach Strom steigt und Photovoltaikanlagen weniger Energie liefern. Auch die Wasserkraft produziert saisonbedingt anders als im Sommer.
Das Bundesamt für Energie bezeichnet Windenergie deshalb als Ergänzung zu Wasser- und Solarenergie.
Für die Schweiz geht es damit nicht nur um Klimaschutz. Es geht auch um die Frage, wie das Land seine Stromversorgung im Winter möglichst sicher und unabhängig vom Ausland organisieren kann.
Doch genau dort beginnt der Konflikt
Windräder brauchen Platz. Und sie stehen häufig an exponierten Standorten – auf Höhenzügen, in Bergregionen oder in anderen Gebieten mit guten Windverhältnissen.
Damit ist der Konflikt vorprogrammiert: Die besten Windstandorte können gleichzeitig landschaftlich wertvoll oder ökologisch sensibel sein.
Beim Bau geht es zudem nicht nur um die Turbine selbst. Es braucht Zufahrtswege, Baustellen, Fundamente und einen Anschluss ans Stromnetz.
Für Naturschutzorganisationen ist deshalb entscheidend, wo Windkraftanlagen gebaut werden und wie früh mögliche Konflikte erkannt werden.
Umweltverbände sagen nicht grundsätzlich Nein
Die Position der Umweltorganisationen ist differenzierter, als es die oft hitzige politische Debatte vermuten lässt.
Die Umweltallianz mit Organisationen wie BirdLife Schweiz und Pro Natura spricht sich grundsätzlich für erneuerbare Energien und einen naturverträglichen Ausbau aus. Gleichzeitig fordert sie eine sorgfältige Planung der Eignungsgebiete und frühzeitige Abklärungen zum Schutz von Arten und Lebensräumen.
Pro Natura hält beispielsweise einen Ausbau der Windenergie für möglich, verlangt aber, dass Schutzgebiete und besonders empfindliche Lebensräume ausgespart werden. Auch die Auswirkungen auf Vögel und Fledermäuse sollen bereits bei der Standortwahl berücksichtigt werden.
Der Streit dreht sich deshalb weniger um die Frage «Windkraft ja oder nein», sondern zunehmend um die Frage: Wo ist Windkraft vertretbar – und wo nicht?
Die Branche will mehr Tempo
Die Windenergiebranche sieht die Entwicklung naturgemäss anders. Suisse Eole begrüsst den Ausbau und betont vor allem die Bedeutung der Windenergie für die Versorgungssicherheit im Winter.
Aus Sicht der Branche ist eines der grössten Probleme weiterhin die lange Dauer von Planungs- und Bewilligungsverfahren. Selbst wenn ein Standort grundsätzlich geeignet ist, kann es Jahre dauern, bis ein Projekt tatsächlich gebaut werden kann.
Der Bund hat darauf bereits reagiert: Mit dem seit April 2026 geltenden Beschleunigungserlass wurden die Verfahren für grosse Energieanlagen von nationalem Interesse gestrafft.
Damit wird die nächste Frage umso wichtiger: Reicht die neue Beschleunigung aus – oder müssen auch die Planungsgrundlagen grundlegend angepasst werden?
Was bedeutet das für Herr und Frau Schweizer?
Auf den ersten Blick scheint die Debatte weit weg vom Alltag zu sein. Doch die Standortfrage hat direkte Auswirkungen auf die Schweizer Stromversorgung.
Erstens: die Versorgungssicherheit. Mehr heimischer Windstrom könnte dazu beitragen, die Abhängigkeit von Stromimporten im Winter zu reduzieren. Gerade in angespannten europäischen Strommärkten kann zusätzliche Produktion im Inland wertvoll sein.
Zweitens: die Landschaft. Wer in einer Region mit geplanten Windparks lebt, muss damit rechnen, dass sich das Landschaftsbild verändert. Windkraftanlagen sind grosse Bauwerke und können von weitem sichtbar sein.
Drittens: die Gemeinden. Für die Bevölkerung vor Ort geht es nicht nur um Energiepolitik, sondern um die konkrete Frage, was vor der eigenen Haustür gebaut werden soll. Die Mitsprache der Gemeinden bleibt deshalb ein zentraler politischer Streitpunkt.
Viertens: die Strompreise. Mehr Windenergie bedeutet nicht automatisch günstigeren Strom für Haushalte. Die Kosten hängen vom gesamten Energiesystem ab – von Produktion und Netzen bis hin zu Speichern und Importen. Zusätzliche heimische Produktion kann jedoch dazu beitragen, das System im Winter robuster zu machen.
Die Kantone entscheiden letztlich über die konkreten Gebiete
Das neue Konzept bedeutet nicht, dass der Bund morgen irgendwo ein Windrad aufstellen lässt.
Die konkrete Ausscheidung geeigneter Gebiete erfolgt über die kantonale Richtplanung. Das Konzept des Bundes dient dabei als wichtige Grundlage und zeigt auf, welche Bundesinteressen berücksichtigt werden müssen.
Erst danach geht es bei konkreten Projekten um Nutzungsplanung, Bewilligungen und die detaillierte Prüfung von Natur-, Landschafts- und anderen Interessen.
Für die Bevölkerung bedeutet das: Die heutige Anhörung entscheidet noch nicht darüber, wo morgen ein Windrad steht. Sie beeinflusst aber die Spielregeln, nach denen solche Entscheidungen künftig getroffen werden.
Bis Ende Oktober kann sich die Bevölkerung einbringen
Die Anhörung und öffentliche Mitwirkung läuft bis 31. Oktober 2026. Eingaben können von den betroffenen Kreisen und auch aus der Öffentlichkeit eingebracht werden.
Danach wird der Bund die Stellungnahmen auswerten und das Konzept überarbeiten. Ziel ist eine grössere Planungssicherheit für Behörden und Projektträger.
Für die Energiewirtschaft ist das wichtig, weil Windprojekte langfristige Investitionen sind. Für die Naturschutzseite ist es ebenso wichtig, weil Fehler bei der Standortwahl später nur schwer korrigiert werden können.
Der eigentliche Streit beginnt erst
Die Schweiz hat sich mit dem Ja zum Stromgesetz grundsätzlich für einen stärkeren Ausbau der erneuerbaren Energien entschieden. Gleichzeitig bleibt der Schutz von Natur und Landschaft ein politischer Auftrag.
Beim Wind treffen diese beiden Ziele besonders sichtbar aufeinander.
Der Bund versucht deshalb, mit dem neuen Konzept mehr Klarheit zu schaffen: Wo soll Windenergie grundsätzlich möglich sein? Welche Gebiete sind ausgeschlossen? Wo braucht es eine Interessenabwägung?
Ob das gelingt, wird sich nicht allein in Bern entscheiden. Die entscheidenden Diskussionen werden später in den Kantonen und Gemeinden stattfinden – dort, wo die Windräder tatsächlich sichtbar wären.
Die grosse Frage lautet deshalb nicht mehr nur, ob die Schweiz Windenergie ausbauen will. Sie lautet: Wo ist sie bereit, dafür Landschaft zu verändern – und wo zieht sie eine Grenze?
Quellen
- Bundesamt für Raumentwicklung (ARE): Konzept Windenergie und Anhörung 2026
- Bundesamt für Energie (BFE): Informationen zur Windenergie in der Schweiz
- Bundesrat: Beschleunigte Verfahren für grosse Solar-, Wasser- und Windenergieanlagen
- Bund: Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien
- Pro Natura / Umweltallianz: Position zum naturverträglichen Ausbau der Windenergie
- Suisse Eole: Position und Informationen zur Schweizer Windenergie



