Entfremden sich Wählende mit Migrationshintergrund auch in der Schweiz?
Deutschland zeigt einen Wandel. Doch wie sieht es bei Wählenden mit Migrationshintergrund in der Schweiz aus?

Wie wählen Menschen mit Einwanderungsgeschichte? Eine neue Untersuchung aus Deutschland wirft diese Frage erneut auf. Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) hat untersucht, welche Parteien Wahlberechtigte mit und ohne Migrationshintergrund grundsätzlich für wählbar halten – und wie sich diese Einschätzung innerhalb eines Jahres verändert hat.
Die Ergebnisse zeigen eine zunehmende Distanz zu mehreren Parteien. Besonders ausgeprägt ist sie bei Wahlberechtigten mit Bezug zur Türkei, zum Nahen Osten und zu Nordafrika. Für die Schweiz stellt sich damit eine naheliegende Frage: Gibt es hier eine ähnliche Entwicklung?
Mehr als sieben Millionen Wahlberechtigte
Die politische Bedeutung der Gruppe wächst. Laut der Deutschen Welle hatten 2023 rund zwölf Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte. Das entspricht mehr als sieben Millionen Menschen.
Für Parteien ist diese Wählerschaft deshalb längst ein wichtiger Faktor. Gleichzeitig zeigt die DeZIM-Studie, dass sich ihre Bindung an das bestehende Parteiensystem verändert.
Dabei ist eine wichtige Einschränkung zu beachten: Die Untersuchung fragt nicht, welche Partei jemand bei einer konkreten Wahl wählen würde. Erfasst wurde vielmehr die Wahlneigung – also die Frage, ob sich eine Person grundsätzlich vorstellen kann, eine bestimmte Partei irgendwann zu wählen. Eine Person kann dabei mehrere Parteien als wählbar einschätzen.
Die SPD bleibt vorne – verliert aber an Bindung
Die SPD verfügt unter Menschen mit Migrationshintergrund weiterhin über das grösste Wählerpotenzial. Rund zwei Drittel der Befragten halten die Sozialdemokraten grundsätzlich für wählbar. CDU und CSU folgen mit relativ geringem Abstand.
Gleichzeitig zeigt sich eine Veränderung. Besonders bei Menschen mit Bezug zur MENA-Region und zur Türkei sank die Wählbarkeit mehrerer Parteien innerhalb eines Jahres. Bei CDU und CSU fiel sie laut den ausgewerteten Daten von rund zwei Dritteln auf etwa die Hälfte. Bei der SPD ging sie in dieser Gruppe von 71 auf 60 Prozent zurück.
Die Studie liefert allerdings keine abschliessende Erklärung für diesen Rückgang. Die Autoren weisen darauf hin, dass verschiedene Faktoren eine Rolle spielen können. Der Migrationshintergrund allein erklärt das Wahlverhalten nicht.
Besonders gross ist die Ablehnung der AfD
Eine klare Ausnahme bildet die AfD. Sie erfährt unter den untersuchten Gruppen insgesamt die stärkste kategorische Ablehnung. Rund 65 Prozent der Befragten geben an, die Partei keinesfalls wählen zu wollen. Bei Menschen mit Bezug zur MENA-Region und zur Türkei liegt dieser Anteil sogar bei etwa 80 Prozent.
Gleichzeitig ist die AfD nicht bei allen Gruppen gleich schwach. Unter Menschen mit Wurzeln in Russland oder anderen Staaten der früheren Sowjetunion ist ihre Wahlneigung vergleichsweise höher.
Die Deutsche Welle verweist zudem darauf, dass die AfD versucht, Menschen mit Migrationsgeschichte gezielt anzusprechen – unter anderem mit Kommunikation in Herkunftssprachen. Vertreter der Türkischen Gemeinde in Deutschland kritisieren gleichzeitig, dass andere Parteien Themen wie Sicherheit und Diskriminierung aus Sicht migrantischer Wählender zu wenig aufgreifen.
Jüngere Generationen lösen sich stärker von der SPD
Besonders interessant ist die Entwicklung über die Generationen hinweg. Friederike Römer, Co-Autorin der DeZIM-Studie, weist darauf hin, dass ältere Befragte mit Migrationshintergrund weiterhin stärker zur SPD neigen. Die traditionell relativ enge Verbindung zwischen SPD und migrantischen Wählenden scheine sich bei jüngeren Generationen jedoch aufzulösen.
Damit geht es nicht einfach um die Frage, ob Menschen mit Migrationsgeschichte „links“ oder „rechts“ wählen. Vielmehr deutet die Untersuchung darauf hin, dass sich politische Bindungen verändern und traditionelle Parteibindungen schwächer werden können.
Was weiss man darüber in der Schweiz?
Die deutschen Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf die Schweiz übertragen. Allerdings wäre es ebenso falsch zu sagen, dass es hier überhaupt keine Daten gibt.
Die Schweizer Wahlstudie Selects untersucht seit 1995 die Wahlteilnahme und das Wahlverhalten bei eidgenössischen Wahlen. Auch der Migrationshintergrund wurde in der Auswertung berücksichtigt. Die Selects-Analyse zu den Nationalratswahlen 2023 zeigt beispielsweise, dass die SP bei Personen mit Migrationshintergrund knapp vor der SVP die wählerstärkste Partei war. Auch die FDP schnitt in dieser Gruppe überdurchschnittlich ab.
Die vorhandenen Schweizer Daten beantworten jedoch eine andere Frage als die aktuelle DeZIM-Studie. Sie zeigen Unterschiede beim Wahlverhalten, liefern aber keine unmittelbar vergleichbare aktuelle Zeitreihe darüber, ob sich die Bindung von Menschen mit Migrationshintergrund an Schweizer Parteien derzeit ähnlich verändert wie in Deutschland.
Ein Vergleich ist auch wegen der Definition schwierig
Schon die Frage, wer überhaupt als Person mit Migrationshintergrund gilt, ist nicht trivial. In der Schweiz verwendet die Wahlforschung entsprechende Definitionen unter anderem auf Grundlage von Geburtsland und Staatsangehörigkeit bei Geburt sowie dem Geburtsland der Eltern.
Hinzu kommt das politische System. Auf Bundesebene sind grundsätzlich Schweizer Bürgerinnen und Bürger stimmberechtigt. Bei kantonalen und kommunalen Wahlen gelten teilweise andere Regeln, weil einzelne Kantone und Gemeinden das Ausländerstimmrecht eingeführt haben.
Wer das politische Verhalten von Menschen mit Migrationshintergrund vergleichen will, muss deshalb zunächst klären, über welche Gruppe gesprochen wird: über die gesamte Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte, über eingebürgerte Schweizerinnen und Schweizer oder über alle Personen, die tatsächlich stimmberechtigt sind.
Die Schweiz hat Daten – aber eine andere Datenlage
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied zur deutschen Untersuchung. Die Schweiz ist keineswegs ein datenfreier Raum. Mit Selects existiert eine etablierte Wahlforschung, die Unterschiede nach Migrationshintergrund untersucht.
Was derzeit fehlt, ist eine Untersuchung, die unmittelbar mit der aktuellen DeZIM-Analyse vergleichbar wäre und über mehrere Erhebungszeitpunkte hinweg zeigen könnte, ob sich die Wahlneigung und Parteibindung von Menschen mit Migrationshintergrund in der Schweiz verändert.
Deshalb wäre es voreilig, aus der deutschen Entwicklung auf die Schweiz zu schliessen. Weder lässt sich sagen, dass sich Schweizer Wählende mit Migrationshintergrund in gleicher Weise von etablierten Parteien entfernen, noch lässt sich das Gegenteil belegen.
Warum die Frage trotzdem relevant ist
Die Entwicklung in Deutschland zeigt, welche politische Bedeutung diese Wählerschaft erreichen kann. Wenn traditionelle Parteibindungen schwächer werden, müssen Parteien umso stärker darum kämpfen, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen anzusprechen.
Das gilt auch für die Schweiz. Migration, Einbürgerung und die politische Integration von Menschen mit Einwanderungsgeschichte sind längst keine Randthemen mehr. Gleichzeitig kann die politische Beteiligung je nach Aufenthaltsstatus, Einbürgerung und kantonalem Stimmrecht sehr unterschiedlich aussehen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Menschen mit Migrationshintergrund als Gruppe „links“ oder „rechts“ wählen. Interessanter ist, ob sich ihre politischen Bindungen verändern – und welche Themen dabei eine Rolle spielen.
Die Schweizer Antwort steht noch aus
Die neue DeZIM-Studie liefert einen wichtigen Hinweis für die politische Debatte in Deutschland: Menschen mit Einwanderungsgeschichte bilden keine dauerhaft an eine bestimmte Partei gebundene Wählerschaft. Ihre politischen Präferenzen können sich verändern.
Für die Schweiz lässt sich daraus jedoch noch keine entsprechende Entwicklung ableiten. Dafür gibt es zwar Daten zum Wahlverhalten, aber keine unmittelbar vergleichbare aktuelle Untersuchung zur Frage der politischen Entfremdung.
Die Titelfrage bleibt deshalb offen: Entfremden sich Wählende mit Migrationshintergrund auch in der Schweiz? Die vorhandenen Schweizer Daten geben erste Hinweise auf Unterschiede beim Wahlverhalten. Ob sich daraus aber ein ähnlicher Wandel wie in Deutschland entwickelt, müsste eine gezielte Untersuchung zeigen.
Quellen
- DeZIM-Institut – Studie «Stabilität und Wandel: Welche Parteien können sich Wähler*innen mit und ohne Migrationshintergrund vorstellen zu wählen?» (31. August 2026)
- Deutsche Welle – «Warum Parteien Wählende mit Migrationshintergrund verlieren» (2. September 2026)
- FORS – Schweizer Wahlstudie Selects, «Eidgenössische Wahlen 2023: Wahlteilnahme und Wahlentscheid» (2024)
- FORS – Informationen zur Schweizer Wahlstudie Selects und zu den aktuellen Paneldaten



