Industrieabwanderung: Verliert die Schweiz ihre Produktion?
Firmen verlagern Produktion ins Ausland – Kriege erhöhen den Standortdruck.

Verlässt die Industrie die Schweiz? Eine vollständige Statistik dazu gibt es nicht. Bund und Behörden führen keine öffentliche Zeitreihe, die sämtliche Produktionsverlagerungen, Firmenwegzüge und die dadurch verlorenen Arbeitsplätze erfasst.
Konkrete Fälle gibt es jedoch. Und eine wichtige KOF-Erhebung zeigt: Schweizer Unternehmen planen zunehmend auch Produktionsinvestitionen im Ausland. Damit verschiebt sich die Frage. Nicht nur: Welche Firmen verlassen die Schweiz? Sondern auch: Wo entsteht die nächste Produktion?
Mehr Produktion im Ausland geplant
In einer KOF-Investitionsumfrage gaben 13 Prozent der Unternehmen an, Direktinvestitionen im Ausland zu planen. Ein Jahr zuvor waren es 4 Prozent. Rund drei Viertel dieser geplanten Auslandsinvestitionen sollten Produktionsaktivitäten dienen.
Das bedeutet nicht automatisch Abwanderung. Ein Unternehmen kann eine neue Fabrik in Deutschland oder Italien bauen und gleichzeitig seinen Schweizer Standort behalten. Es zeigt aber, dass die internationale Verteilung der Produktion für Schweizer Unternehmen wichtiger wird.
Bei einzelnen Firmen wird daraus bereits Realität. Der Schuhhersteller Kybun verlagert einen Teil seiner Produktion von Sennwald nach Italien. Bei Findus wird die Produktion in Rorschach mit 45 betroffenen Vollzeitstellen geschlossen und nach Italien und Spanien verlagert.
Die Gründe sind unterschiedlich. Bei diesen beiden Fällen ist kein Zusammenhang mit dem Iran- oder Ukraine-Krieg belegt. Produktionskosten, Produktivität, Regulierung oder strategische Konzernentscheide spielen ebenfalls eine Rolle.
Der Ukraine-Krieg erhöhte den Druck
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 haben sich die Rahmenbedingungen für die Schweizer Industrie verschärft: Energie- und Rohstoffpreise stiegen, Lieferketten wurden unsicherer und der starke Franken belastete exportorientierte Unternehmen.
Swissmem warnte bereits 2022 vor Auswirkungen auf die Investitionsgüternachfrage sowie vor höheren Energie- und Rohstoffkosten. Eine Zahl, wie viele Schweizer Unternehmen deshalb tatsächlich ihre Produktion ins Ausland verlagerten, lässt sich daraus aber nicht ableiten.
Der Krieg war damit ein zusätzlicher Belastungsfaktor – nicht nachweislich der Auslöser einer bestimmten Abwanderungswelle.

2026 kommt der Iran-Krieg hinzu
Beim Iran-Krieg lässt sich der wirtschaftliche Effekt inzwischen genauer messen. Die KOF verglich Investitionspläne von Unternehmen, die vor beziehungsweise nach dem Angriff vom 28. Februar 2026 befragt wurden.
Vor dem Angriff wollten rund 25 Prozent der Unternehmen ihre Ausrüstungsinvestitionen gegenüber früheren Plänen reduzieren. Danach waren es rund 30 Prozent. Auch bei Bau- und Forschungsinvestitionen zeigte sich ein dämpfender Effekt.
Der Iran-Krieg hat damit nachweislich Investitionsentscheidungen vorsichtiger gemacht. Hinzu kommen höhere Energiepreise, Transportkosten und geopolitische Unsicherheit.
Von einer dadurch ausgelösten Abwanderungswelle kann aber noch nicht gesprochen werden. Denn gleichzeitig erwarten Schweizer Unternehmen für 2026 insgesamt einen Anstieg ihrer Investitionen um 10,2 Prozent. Auch das verarbeitende Gewerbe rechnet nach einem Rückgang im Vorjahr wieder mit höheren Investitionen.
Die Schweiz verliert nicht einfach ihre Industrie
Das Bild ist deshalb widersprüchlich. Unternehmen verlagern einzelne Produktionsschritte ins Ausland und planen häufiger dort zu investieren. Gleichzeitig bleiben die Schweiz und ihre Industrie attraktiv für Forschung, Entwicklung, hochwertige Produktion und spezialisierte Fachkräfte.
Die entscheidende Gefahr liegt deshalb möglicherweise nicht in einem plötzlichen Exodus. Sie liegt darin, dass neue Produktionskapazitäten zunehmend ausserhalb der Schweiz entstehen.
Bleiben bestehende Fabriken zwar erhalten, werden neue Anlagen aber vor allem im Ausland gebaut, verschiebt sich die industrielle Wertschöpfung langsam – ohne dass jedes Mal ein Unternehmen seinen Schweizer Hauptsitz aufgeben muss.
Was bedeuten die beiden Kriege?
Der Ukraine-Krieg hat den Standortdruck seit 2022 erhöht – vor allem über Energie, Rohstoffe, Lieferketten und geopolitische Unsicherheit. Eine direkte Beschleunigung der Unternehmensabwanderung lässt sich jedoch nicht beziffern.
Der Iran-Krieg wirkt 2026 ähnlich, aber mit einem messbaren zusätzlichen Effekt auf Investitionen: Unternehmen korrigieren ihre Investitionspläne nach unten und kämpfen mit höheren Energie- und Transportkosten.
Beide Kriege sind damit wichtige Belastungsfaktoren. Sie erklären aber nicht jede Produktionsverlagerung. Kosten, Regulierung, Fachkräfte, der Franken und der Zugang zu internationalen Märkten bleiben ebenfalls entscheidend.
Fazit
Die Schweiz erlebt derzeit keinen belegten Exodus der Industrie. Dafür fehlen belastbare Gesamtzahlen. Es gibt aber konkrete Produktionsverlagerungen und deutlich mehr geplante Produktionsinvestitionen im Ausland.
Der Ukraine-Krieg hat den Druck auf den Werkplatz Schweiz seit 2022 erhöht. Der Iran-Krieg verschärft ihn 2026 und bremst Investitionsentscheidungen messbar.
Die entscheidende Frage für die Schweiz lautet deshalb nicht nur, wie viele Unternehmen das Land verlassen. Sie lautet: Wo wird die nächste Fabrik gebaut?
Denn wenn Schweizer Unternehmen ihre bestehenden Standorte behalten, neue Produktionskapazitäten aber zunehmend im Ausland aufbauen, kann die Schweiz auch ohne grosse Abwanderungswelle schrittweise industrielle Wertschöpfung verlieren.
Quellen
- KOF/ETH Zürich: Investitionsentwicklung 2026 und Auswirkungen des Iran-Kriegs
- KOF/ETH Zürich: Auslandsinvestitionen Schweizer Unternehmen
- Swissmem: Auswirkungen von Ukraine- und Iran-Krieg auf die Schweizer Tech-Industrie
- Unternehmensangaben zu Kybun und Findus



