Zürich verliert netto über 1'000 Unternehmen
Zürich verliert Unternehmen – und gerät beim Steuerstandort zunehmend unter Druck.

Der Wirtschaftsstandort Zürich verliert Unternehmen. Zwischen 2018 und 2024 verzeichnete der Kanton laut Handelsregisterstatistik netto mehr als 1'000 Unternehmensabwanderungen. Das bedeutet nicht, dass genau 1'000 Firmen Zürich verlassen haben: Gezählt wird der Saldo aus Wegzügen und Zuzügen.
Die Zürcher Handelskammer (ZHK) wertet die Entwicklung als Warnsignal. Sie macht insbesondere die Unternehmenssteuerbelastung für die Verschlechterung der Standortattraktivität verantwortlich. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung der Steuerbelastung tatsächlich in eine ungünstige Richtung: Zürich liegt im nationalen Vergleich inzwischen am Ende des Rankings.
Ob die Steuern allerdings tatsächlich die entscheidende Ursache für die einzelnen Standortentscheide sind, ist eine andere Frage. Die verfügbaren Wegzugszahlen zeigen, dass Unternehmen den Kanton verlassen. Sie zeigen nicht automatisch, warum jedes einzelne Unternehmen gegangen ist.
Mehr Wegzüge als Zuzüge
Die von der ZHK ausgewertete Handelsregisterstatistik weist für die Jahre 2018 bis 2024 einen negativen Saldo aus. Unter dem Strich verzeichnete Zürich in diesem Zeitraum mehr Wegzüge als Zuzüge.
Die ZHK spricht von netto mehr als 1'000 Unternehmensabwanderungen. Nach ihrer Berechnung entspricht dies einem durchschnittlichen Verlust von rund 200 Arbeitsplätzen pro Jahr.
Bei diesen Zahlen handelt es sich um Sitzverlegungen beziehungsweise Einträge im Handelsregister. Ein Unternehmen, das seinen Sitz von Zürich in einen anderen Kanton verlegt, gilt dabei als Wegzug aus Zürich. Die Statistik sagt jedoch nichts darüber aus, ob ein Unternehmen dadurch seine wirtschaftliche Tätigkeit vollständig aus Zürich abzieht oder weiterhin einen grossen Teil seiner Arbeitsplätze und Aktivitäten im Kanton behält.
Schulthess, Saviva und Sigvaris: Drei konkrete Fälle
Die Entwicklung lässt sich an mehreren bekannten Unternehmen illustrieren.
Der Waschmaschinenhersteller Schulthess verlegte seinen Hauptsitz 2022 von Bubikon in den Kanton Zug. Der Gastro-Grosshändler Saviva zog mit rund 240 Arbeitsplätzen von Regensdorf ins aargauische Brunegg. Der Kompressionsstrumpfhersteller Sigvaris kündigte 2024 den Umzug seines Hauptsitzes von Winterthur nach St. Gallen an.
Alle drei Fälle haben eines gemeinsam: Die Unternehmen verliessen Zürich, aber nicht die Schweiz.
Damit unterscheiden sie sich von einer klassischen Verlagerung ins Ausland. Der Standortwettbewerb spielt in diesen Fällen vor allem innerhalb der Schweiz – und damit zwischen Kantonen mit unterschiedlichen Steuer-, Kosten- und Standortbedingungen.
Welche Faktoren für die einzelnen Entscheidungen ausschlaggebend waren, lässt sich aus den Wegzugszahlen allerdings nicht ablesen. Neben Steuern können beispielsweise Immobilienkosten, verfügbare Flächen, Arbeitskräfte, Infrastruktur, Kundennähe oder die Organisation eines Unternehmens eine Rolle spielen.

Bei den Unternehmenssteuern liegt Zürich am Ende
Die Verschlechterung bei der Steuerbelastung ist dagegen messbar. Zürich lag 2006 im kantonalen Vergleich der Unternehmenssteuerbelastung noch auf Rang 12. Seitdem verlor der Kanton laut seinem Steuerbelastungsmonitor mehrere Positionen.
Im aktuellen Steuerbelastungsmonitor 2026 liegt Zürich bei der Belastung von Unternehmen weiterhin auf dem letzten Platz des nationalen Vergleichs. Grundlage ist dabei ein standardisierter Unternehmensfall. Verglichen werden Gewinn- und Kapitalbelastungen in den Kantonshauptorten.
Wichtig ist allerdings eine Einschränkung: Die Rangierung berücksichtigt die kantonalen Entlastungen durch Instrumente der STAF – etwa Patentbox und Forschungs- und Entwicklungsabzüge – nicht. Für bestimmte Unternehmen kann die tatsächliche Belastung deshalb deutlich tiefer liegen.
Auch international ist das Bild weniger eindeutig. Der Kanton Zürich weist selbst darauf hin, dass seine Unternehmensbesteuerung im Vergleich mit vielen westeuropäischen Ländern weiterhin konkurrenzfähig ist. Der eigentliche Standortnachteil zeigt sich damit vor allem im Schweizer Steuerwettbewerb.
Warum die Steuern trotzdem eine Rolle spielen
Dass die Steuerbelastung nicht automatisch jeden Wegzug erklärt, bedeutet nicht, dass sie für Unternehmen bedeutungslos wäre.
In einer Unternehmensbefragung des Kantons Zürich bezeichneten 64 Prozent der befragten Unternehmen das Steuerumfeld als negativen Standortfaktor. Damit gehört die Besteuerung zu den Faktoren, die Unternehmen am Standort Zürich kritisch beurteilen.
Gleichzeitig gibt es weitere Kostenfaktoren. Zürich ist ein wirtschaftlich erfolgreicher, aber auch teurer Standort. Hohe Lohn- und Mietkosten können für Unternehmen ebenfalls relevant sein. Der Kanton selbst bezeichnet das hohe Kostenumfeld als Folge des wirtschaftlichen Erfolgs und verweist gleichzeitig auf die hohe Standortqualität.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Steuern eine Rolle spielen. Die Daten sprechen dafür, dass sie für viele Unternehmen ein Standortfaktor sind. Die offene Frage ist vielmehr, wie gross ihr Einfluss auf tatsächliche Wegzugsentscheide ist.
Zürich hat die Unternehmenssteuern bereits gesenkt
Politisch hat Zürich auf den Standortwettbewerb bereits reagiert. Am 18. Mai 2025 stimmten die Zürcherinnen und Zürcher der zweiten Etappe der Steuervorlage 17 zu.
Der kantonale Gewinnsteuersatz wurde damit von 7 auf 6 Prozent gesenkt. Ziel der Vorlage war ausdrücklich, den Wirtschaftsstandort Zürich zu stärken, Unternehmen im Kanton zu halten und langfristig die Steuererträge zu sichern.
Die Vorlage wurde mit 306'156 Ja-Stimmen gegen 194'499 Nein-Stimmen angenommen. Die Zustimmung lag damit bei gut 61 Prozent.
Trotz dieser Steuersenkung blieb Zürich im aktuellen Unternehmenssteuervergleich am Ende der kantonalen Rangliste. Der Grund liegt nicht nur in der Entwicklung Zürichs selbst: Andere Kantone haben ihre Belastung ebenfalls gesenkt und teilweise stärker reduziert.
Genau darin liegt das Problem des Steuerwettbewerbs: Eine Steuersenkung verbessert die eigene Position nicht zwingend, wenn andere Kantone gleichzeitig noch stärker entlasten.
Was die Zahlen über Steuerausfälle nicht sagen
Die ZHK warnt vor dem Verlust von Steuereinnahmen. Eine konkrete Gesamtsumme der durch die Wegzüge verlorenen Steuern lässt sich aus ihrer Analyse jedoch nicht ableiten.
Das hat einen einfachen Grund: Ein Unternehmen ist nicht gleich ein bestimmter Steuerbetrag. Die Höhe der Gewinnsteuer hängt unter anderem vom Gewinn, vom Kapital, von der Steuerstruktur und von den anwendbaren Entlastungen ab.
Auch ein Wegzug innerhalb der Schweiz bedeutet nicht, dass sämtliche Steuererträge aus dem Unternehmen verschwinden. Die Steuerhoheit verschiebt sich teilweise vom bisherigen zum neuen Standort.
Für Zürich können bei einem Wegzug jedoch kantonale und kommunale Steuererträge verloren gehen. Auch beim Anteil der Kantone an der direkten Bundessteuer kann sich die Verteilung verändern.
Wie gross die finanziellen Folgen der Nettoabwanderung tatsächlich sind, müsste deshalb anhand der Steuerdaten der betroffenen Unternehmen berechnet werden. Die bisher veröffentlichten Wegzugszahlen reichen dafür nicht aus.
Die grosse offene Frage: Gehen die Unternehmen weiter?
Die ZHK-Analyse betrachtet den Zeitraum bis Ende 2024. Das Zürcher Handelsregisteramt veröffentlicht inzwischen quartalsweise aktualisierte Daten zu Neueintragungen, Löschungen und Sitzverlegungen. Der Datensatz wurde zuletzt im Juli 2026 aktualisiert.
Damit lässt sich der Standorttrend grundsätzlich weiterverfolgen. Für eine abschliessende Beurteilung wäre entscheidend, ob sich die Nettoabwanderung nach 2024 fortgesetzt, abgeschwächt oder umgekehrt hat.
Gerade diese Entwicklung ist politisch relevant: Wenn die Steuervorlage 17 den Standort stärken sollte, müsste sich langfristig auch zeigen, ob sich die Unternehmenswanderung stabilisiert.
Zürich bleibt ein starker Wirtschaftsstandort
Die Nettoabwanderung darf zudem nicht mit einem allgemeinen Niedergang des Wirtschaftsstandorts verwechselt werden.
Im Kanton Zürich sind weiterhin rund 112'500 Unternehmen aktiv. 99 Prozent davon sind KMU. Grossunternehmen machen zwar weniger als ein Prozent der Unternehmen aus, beschäftigen aber rund 40 Prozent der Arbeitnehmenden und tragen einen ähnlich hohen Anteil zur kantonalen Wertschöpfung bei.
Der Standort verfügt damit weiterhin über eine aussergewöhnlich grosse wirtschaftliche Basis. Die Frage ist nicht, ob Zürich noch attraktiv ist. Die interessantere Frage lautet, wie attraktiv Zürich im Vergleich zu anderen Schweizer Standorten ist.
Genau hier wird die Steuerbelastung relevant. Ein Unternehmen kann in Zürich von einem grossen Arbeitsmarkt, einer starken Infrastruktur, Hochschulen, internationalen Verbindungen und einem dichten Wirtschaftsnetz profitieren. Gleichzeitig kann ein anderer Kanton bei Steuern oder Kosten attraktiver sein.
Ein Warnsignal – aber kein Beweis für eine Steuerflucht
Die verfügbaren Daten ergeben deshalb ein differenziertes Bild.
Erstens: Zürich hat zwischen 2018 und 2024 netto mehr als 1'000 Unternehmen durch Sitzverlegungen verloren.
Zweitens: Die Unternehmenssteuerbelastung hat sich im Schweizer Vergleich deutlich verschlechtert. Zürich liegt inzwischen am Ende des Rankings.
Drittens: Unternehmen selbst beurteilen das Steuerumfeld häufig kritisch.
Viertens: Zürich hat 2025 mit einer weiteren Senkung der Gewinnsteuer reagiert.
Fünftens: Aus den Wegzugszahlen allein lässt sich nicht beweisen, dass die Steuerbelastung die Hauptursache der einzelnen Standortentscheide ist.
Genau diese letzte Einschränkung ist entscheidend. Die Zahlen belegen eine Nettoabwanderung. Sie belegen aber keine «Steuerflucht» im engeren Sinn.
Fazit: Zürich steht unter Standortdruck
Zürich verliert netto Unternehmen, während der Kanton bei der Unternehmenssteuerbelastung schweizweit am Ende liegt. Das ist ein relevantes Warnsignal für den Wirtschaftsstandort – aber noch kein Beweis dafür, dass hohe Steuern die Ursache der Abwanderung sind.
Die Steuern sind nachweislich ein wichtiger Standortfaktor: 64 Prozent der befragten Zürcher Unternehmen sehen das Steuerumfeld kritisch. Gleichzeitig konkurriert Zürich nicht nur über Steuersätze, sondern auch über Arbeitskräfte, Infrastruktur, Immobilien, Lebensqualität und die Nähe zu Kunden und Geschäftspartnern.
Die Steuervorlage 17 zeigt zudem, dass Zürich politisch bereits gegengesteuert hat. Ob diese Massnahmen ausreichen, wird sich nicht allein am Steuerranking entscheiden. Entscheidend ist, ob Zürich künftig mehr Unternehmen halten und neue anziehen kann, als den Kanton verlassen.
Die Nettoabwanderung bis 2024 ist deshalb vor allem eines: ein Warnsignal, das eine genauere Analyse der Gründe und der Entwicklung nach 2024 verlangt.
Quellen
- Zürcher Handelskammer: Analyse der Unternehmensabwanderung im Kanton Zürich.
- Kanton Zürich, Finanzdirektion: Steuerbelastungsmonitor 2026.
- Kanton Zürich, Amt für Wirtschaft: Unternehmensbefragung 2024 und Wirtschaftsmonitoring 2026.
- Kanton Zürich, Handelsregisteramt: Quartalsweise Daten zu Neueintragungen, Löschungen und Sitzverlegungen.
- Kanton Zürich: Abstimmungsergebnis zur Steuervorlage 17 vom 18. Mai 2025.



