Schweiz06:30 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 5 Min.0 Kommentare

Schweiz bleibt bei Copernicus draussen – und verzichtet auf Mitspracherecht

Der Bundesrat lehnt eine Teilnahme am EU-Erdbeobachtungsprogramm für 2028 bis 2034 aus finanziellen Gründen ab. Die Schweiz kann die meisten Rohdaten weiterhin nutzen, bleibt aber von den operativen Diensten, Leitungsgremien und öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen.

Ein Erdbeobachtungssatellit überfliegt Europa mit den schneebedeckten Alpen im Zentrum.
KI-generiert mit OpenAI

Was Copernicus für die Schweiz bedeutet

Copernicus ist das Erdbeobachtungsprogramm der Europäischen Union und wurde gemeinsam mit der Europäischen Weltraumorganisation ESA aufgebaut. Das Programm stellt umfangreiche Informationen über den Zustand der Erde bereit.

Die Daten reichen von Veränderungen der Landoberfläche über die Beobachtung von Meeren und Gletschern bis hin zu Informationen über Atmosphäre, Luftqualität, Trockenheit und Vegetation. Grundlage sind unter anderem die Sentinel-Satelliten sowie weitere Beobachtungen und Messungen.

Die Daten werden in Europa für zahlreiche Anwendungen eingesetzt. Dazu gehören Umwelt- und Klimamonitoring, Landwirtschaft, Katastrophenschutz, Raumplanung und wissenschaftliche Forschung.

Ein Monitor zeigt die Satellitenaufnahme eines Alpengletschers neben einem leeren Besprechungsplatz.
KI-generiert mit OpenAI

Die Schweiz nutzt Copernicus bereits

Dass die Schweiz nicht Mitglied ist, bedeutet deshalb nicht, dass sie auf die Daten verzichten muss. Der Zugang zu nahezu allen Rohdaten ist derzeit offen.

Schweizer Behörden und Forschungseinrichtungen nutzen diese Informationen beispielsweise für Umwelt- und Klimaanalysen. Auch für die Beobachtung von Gletschern, Trockenheit, Landoberflächen und Naturgefahren sind Erdbeobachtungsdaten relevant.

Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen einer Nutzung der Daten und einer Teilnahme am Programm: Die Schweiz kann viele Informationen verwenden, entscheidet aber nicht mit, wie das Programm weiterentwickelt wird.

48 Millionen Franken gegen Mitspracherecht

Der Bundesrat begründet den Verzicht vor allem mit der Finanzlage des Bundes. Eine Teilnahme an Copernicus für die Jahre 2028 bis 2034 würde den Bund nach aktuellen Schätzungen rund 48 Millionen Franken pro Jahr kosten.

Der Bundesrat hält diese zusätzlichen Ausgaben angesichts der angespannten finanzpolitischen Situation derzeit nicht für vertretbar. Die Schweiz war bereits in der laufenden Programmperiode bis Ende 2027 nicht Teil von Copernicus.

Eine neue Entscheidung ist allerdings nicht endgültig vom Tisch. Der Bundesrat will eine mögliche Teilnahme voraussichtlich 2032 erneut prüfen.

Was die Schweiz ohne Mitgliedschaft verliert

Der Verzicht hat allerdings einen Preis, der über den Mitgliedsbeitrag hinausgeht. Die Schweiz kann ohne Teilnahme nicht an den Leitungsgremien von Copernicus mitwirken. Sie kann damit weder über die strategische Weiterentwicklung des Programms mitentscheiden noch dessen Prioritäten mitbestimmen.

Auch bei den operativen Diensten bestehen Einschränkungen. Dazu gehören unter anderem die Möglichkeit, bestimmte Dienste zu aktivieren, Produkte in Echtzeit zu empfangen und an deren Steuerung mitzuwirken.

Für die Schweiz entsteht damit eine besondere Situation: Sie kann einen grossen Teil der Daten verwenden, hat aber keinen entsprechenden Einfluss darauf, wie sich das europäische Erdbeobachtungsprogramm entwickelt.

Auch Schweizer Unternehmen verlieren Chancen

Die Folgen betreffen nicht nur Forschung und Verwaltung. Ohne Teilnahme kann die Schweiz auch nicht von den öffentlichen Aufträgen profitieren, die im Rahmen von Copernicus finanziert werden.

Eine vom Bund in Auftrag gegebene volkswirtschaftliche Analyse schätzt die entgangenen Geschäftsmöglichkeiten für Schweizer Unternehmen auf rund 35 Millionen Franken pro Jahr.

Dabei handelt es sich nicht um eine direkte «Gegenrechnung» zum Mitgliedsbeitrag von 48 Millionen Franken. Die beiden Beträge messen unterschiedliche Dinge: Die 48 Millionen wären öffentliche Ausgaben für die Teilnahme, während die 35 Millionen eine geschätzte wirtschaftliche Chance für Schweizer Unternehmen darstellen.

Dennoch zeigt der Vergleich, dass die Entscheidung nicht nur eine Frage der Bundesausgaben ist. Mit der Nichtteilnahme verzichtet die Schweiz auch auf einen Teil der wirtschaftlichen Möglichkeiten, die mit dem europäischen Programm verbunden sind.

Die Schweiz sitzt nicht am Tisch

Der politische Kern der Entscheidung liegt deshalb weniger bei den frei zugänglichen Daten als bei der Frage der Mitsprache.

Wer Copernicus nutzt, kann die verfügbaren Informationen für eigene Anwendungen einsetzen. Wer am Programm teilnimmt, kann darüber hinaus an dessen Weiterentwicklung mitwirken, operative Dienste nutzen und sich um bestimmte öffentliche Aufträge bewerben.

Die Schweiz entscheidet sich vorerst für die erste Variante. Sie spart damit die Kosten einer Vollbeteiligung, akzeptiert aber gleichzeitig, dass andere Staaten über die strategische Entwicklung eines Programms entscheiden, dessen Daten auch in der Schweiz eine wichtige Rolle spielen.

Das Parlament will einen anderen Weg

Politisch ist der Entscheid des Bundesrats deshalb noch nicht abgeschlossen. Der Nationalrat hat am 18. Juni 2026 mit 124 zu 63 Stimmen bei 3 Enthaltungen eine Motion angenommen, die den Bundesrat auffordert, seinen Entscheid zu überdenken und eine Teilnahme der Schweiz so rasch wie möglich auszuhandeln.

Die grosse Kammer hatte bereits in den vergangenen Jahren mehrfach einen Beitritt unterstützt. Der Bundesrat hielt dagegen an seiner Linie fest und verwies auf die finanzielle Situation sowie darauf, dass die Schweiz dank des offenen Datenzugangs bereits einen grossen Teil des Nutzens von Copernicus erhalte.

Entscheidend ist nun der Ständerat. Eine Annahme der Motion würde den Bundesrat politisch unter Druck setzen, seine Haltung erneut zu überprüfen. Sie wäre allerdings nicht mit einem automatischen Beitritt gleichzusetzen.

Ein europäisches Programm mit strategischer Bedeutung

Copernicus ist zudem mehr als eine Sammlung kostenloser Satellitenbilder. Das Programm soll Europas unabhängigen Zugang zu Erdbeobachtungsdaten sichern und gleichzeitig die europäische Industrie in den Bereichen Satellitentechnik und Datenverarbeitung stärken.

Mehrere Nicht-EU-Staaten nehmen deshalb an Copernicus teil. Dazu gehören unter anderem Norwegen, Island und Grossbritannien. Die Schweiz wäre somit nicht das einzige europäische Land ausserhalb der EU, das vor der Frage einer Beteiligung steht – sie entscheidet sich allerdings derzeit gegen eine Teilnahme.

Für die Schweiz stellt sich damit eine grundsätzliche Frage: Reicht der offene Zugang zu den Daten aus, oder ist auch die institutionelle Mitwirkung an einem strategisch wichtigen europäischen Weltraumprogramm von Wert?

Der Bundesrat setzt vorerst auf die günstigere Variante

Der Entscheid des Bundesrats ist damit kein vollständiger Rückzug aus der europäischen Erdbeobachtung. Schweizer Behörden und Forschende können die meisten Rohdaten weiterhin verwenden.

Gleichzeitig nimmt die Schweiz bewusst in Kauf, bei strategischen Entscheidungen, operativen Diensten und bestimmten wirtschaftlichen Chancen nicht dabei zu sein. Dem stehen geschätzte jährliche Kosten von rund 48 Millionen Franken gegenüber.

Ob diese Abwägung langfristig aufgeht, hängt davon ab, wie wichtig die Entwicklung von Copernicus für Forschung, Klimabeobachtung, Naturgefahren, Verwaltung und die Schweizer Raumfahrt- und Datenindustrie wird.

Die Schweiz spart derzeit den Mitgliedsbeitrag – sie kauft sich damit aber nicht aus dem europäischen Erdbeobachtungssystem heraus. Sie bleibt Nutzerin von Copernicus, sitzt bei dessen Weiterentwicklung jedoch nicht am Tisch.

Wie es weitergeht

Vorerst bleibt es beim Nein für die Programmperiode 2028 bis 2034. Der Nationalrat hat sich bereits für einen Kurswechsel ausgesprochen, der Ständerat muss noch entscheiden.

Sollte auch die kleine Kammer die Motion annehmen, müsste der Bundesrat seine Haltung erneut politisch begründen und die Frage einer Teilnahme neu beurteilen. Eine endgültige Neubewertung hat er ohnehin für voraussichtlich 2032 angekündigt.

Bis dahin bleibt die Schweiz in einer Zwischenposition: Sie nutzt einen grossen Teil der Daten eines europäischen Milliardenprogramms, beteiligt sich aber nicht an dessen Finanzierung und Entscheidungsstrukturen.

Quellen

- Bundesrat / Eidgenössisches Finanzdepartement, 5. Juni 2026: «Erdbeobachtung: Die Schweiz verzichtet auf Teilnahme am Copernicus-Programm der EU». - Schweizer Parlament, 18. Juni 2026: «Nationalrat fordert Bundesrat erneut zu Copernicus-Beitritt auf». - SRF, 1. September 2026: «Die Schweiz macht bei Copernicus nicht mit – was das bedeutet».

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