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Naturgefahren verursachen Milliarden-Schäden – doch die Entwicklung ist nicht linear

Die Schweizer Zeitreihe seit 1972 zeigt extreme Ausschläge von Jahr zu Jahr. Wenige Grossereignisse verursachen einen grossen Teil der gesamten Schäden.

Hochwasser
Bild: Pyae Sone Kyaw Win / Unsplash

Naturgefahren verursachen Milliarden-Schäden – doch die Entwicklung ist nicht linear

Die Schweizer Zeitreihe seit 1972 zeigt extreme Ausschläge von Jahr zu Jahr. Wenige Grossereignisse verursachen einen grossen Teil der gesamten Schäden.

Seit 1972 erfasst die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) im Auftrag des Bundes Schäden durch Hochwasser, Murgänge, Rutschungen und Sturzprozesse. Die Zeitreihe des Bundesamts für Statistik (BFS) reicht inzwischen bis 2025. Sie zeigt vor allem eines: Die finanziellen Folgen von Naturereignissen schwanken massiv – und einzelne Katastrophen können die Schadensbilanz eines ganzen Jahrzehnts prägen.

Darum geht's

  • Seit 1972: Die WSL erfasst Schäden durch Hochwasser, Murgänge, Rutschungen sowie Fels- und Steinschlag systematisch.
  • Rund 17,5 Milliarden Franken: So hoch ist die teuerungsbereinigte Schadenssumme der erfassten Ereignisse seit 1972.
  • 2024: Mit rund 905 Millionen Franken war das Jahr das schadenreichste seit 2005 und das fünftteuerste der 53-jährigen Beobachtungsreihe.
  • 2005: Das Hochwasser vom August verursachte rund 3 Milliarden Franken Schäden und ist damit das teuerste Ereignis der Datenbank.
  • Wichtig: Die Zeitreihe erfasst nicht sämtliche Naturgefahren. Unter anderem Lawinen, Erdbeben, Hagel, Sturm und Trockenheit sind nicht enthalten.

17,5 Milliarden Franken in mehr als fünf Jahrzehnten

Die Zahlen vermitteln zunächst eine gewaltige Dimension: Seit Beginn der systematischen Erfassung 1972 sind Schäden von rund 17,5 Milliarden Franken zusammengekommen. Die Werte sind dabei teuerungsbereinigt und damit über die Jahrzehnte grundsätzlich vergleichbar.

Doch die Gesamtsumme verteilt sich keineswegs gleichmässig über die Jahre. Die WSL weist ausdrücklich darauf hin, dass wenige grosse Ereignisse einen erheblichen Teil der gesamten Schadenssumme verursachen.

Das macht die Zeitreihe besonders interessant. Sie zeigt nicht einfach eine stetig steigende Schadenskurve, sondern eine Folge von relativ schadensarmen Jahren und einzelnen extremen Ausschlägen.

2005 bleibt das Ausnahmejahr

Besonders deutlich wird dieser Effekt beim Hochwasser vom 21. und 22. August 2005. Das Ereignis verursachte Schäden von rund 3 Milliarden Franken und ist damit das schadenreichste Hochwasser in der Schweizer Datenbank.

Auch das Unwetterjahr 1987 schlug stark zu Buche. Die Schäden beliefen sich damals teuerungsbereinigt auf mehr als 1,1 Milliarden Franken. Zusammen mit weiteren Grossereignissen zeigt sich, wie stark einzelne Katastrophen die langfristige Statistik beeinflussen.

Die WSL kommt deshalb zu einem wichtigen Schluss: Ein grosser Teil der gesamten Schadenssumme geht auf vergleichsweise wenige Grossereignisse zurück.

2024 war das fünftteuerste Jahr

Das jüngste besonders schadensreiche Jahr war 2024. Hochwasser, Murgänge, Rutschungen und Sturzprozesse verursachten Schäden von rund 905 Millionen Franken.

Damit war 2024 das teuerste Jahr seit 2005 und belegte in der 53-jährigen Beobachtungsreihe den fünften Rang. Fast 85 Prozent der geschätzten Schadenssumme entstanden allein im Juni.

Betroffen waren unter anderem das Wallis, das Misox, das Maggiatal und später auch das Berner Oberland. Im Wallis entstanden mehr als 60 Prozent der gesamten Jahresschäden. Allein die Schäden an der Aluminiumindustrie in Sierre machten knapp ein Viertel der Gesamtsumme aus.

Das zeigt zugleich eine wichtige Eigenschaft der Statistik: Ein einzelner besonders teurer Schaden an einer Industrieanlage kann die Jahresbilanz erheblich beeinflussen.

Hochwasser
Bild: Hans from Pixabay

Was die Zeitreihe nicht beweist

Die Daten sind eindrücklich – sie liefern aber keinen einfachen Beweis dafür, dass der Klimawandel jedes Jahr grössere Schäden verursacht.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Die Höhe der Schäden hängt nicht nur davon ab, wie häufig oder intensiv ein Naturereignis auftritt. Entscheidend ist auch, welche Gebäude, Verkehrswege, Industrieanlagen und Infrastrukturen in gefährdeten Gebieten stehen.

Wenn in einem gefährdeten Gebiet mehr gebaut wird und der Wert der dort vorhandenen Sachgüter steigt, kann dasselbe Naturereignis heute einen wesentlich höheren finanziellen Schaden verursachen als vor Jahrzehnten.

Die Schadensstatistik misst deshalb nicht nur die Stärke von Naturgefahren. Sie zeigt auch, wie stark die Gesellschaft diesen Gefahren ausgesetzt ist.

Die Zahl der Schäden allein reicht nicht für eine Klimabilanz

Für die Beurteilung des Klimawandels müssen Schadensdaten mit anderen Messreihen kombiniert werden. Dazu gehören beispielsweise Niederschläge, Abflussmengen, Temperaturentwicklung, die Häufigkeit von Extremereignissen und Veränderungen der Landnutzung.

Gerade bei Hochwasser ist die Situation komplex. Klimatische Veränderungen können Starkniederschläge und andere hydrologische Prozesse beeinflussen. Gleichzeitig verändern sich Siedlungen, Infrastruktur und Schutzmassnahmen.

Die WSL hat deshalb bereits untersucht, wie sich Schäden normalisieren lassen. Dabei werden unter anderem gesellschaftliche und räumliche Veränderungen berücksichtigt. Erst solche Analysen erlauben es, Veränderungen des Naturgefahrenrisikos besser von Veränderungen bei den exponierten Sachwerten zu unterscheiden.

Hochwasser dominiert die Schadensbilanz

Nicht alle Naturereignisse tragen gleich stark zur Gesamtsumme bei. Hochwasser und Murgänge verursachen den mit Abstand grössten Teil der erfassten Schäden.

Die WSL weist darauf hin, dass allein Hochwasser seit 1972 Schäden in der Grössenordnung von rund 14 Milliarden Franken verursacht hat. Wenige grosse Ereignisse machen dabei einen besonders grossen Anteil aus.

Rutschungen und Sturzprozesse sind ebenfalls relevant, erreichen in der langfristigen Gesamtsumme aber deutlich geringere Werte.

Eine wichtige Einschränkung der Zeitreihe

Die Statistik erfasst nicht sämtliche Naturgefahren. Nicht berücksichtigt werden unter anderem Schäden durch Lawinen, Schneedruck, Erdbeben, Blitzschlag, Hagel, Sturm und Trockenheit.

Die Bezeichnung «Schäden durch Naturereignisse» darf deshalb nicht mit sämtlichen Naturkatastrophenschäden in der Schweiz gleichgesetzt werden.

Hinzu kommt eine methodische Besonderheit: Felssturz und Steinschlag werden in der BFS-Zeitreihe erst seit 2002 berücksichtigt. Für Vergleiche über die gesamte Periode muss diese Veränderung der Erfassungsgrundlage berücksichtigt werden.

Die Zahlen beruhen teilweise auf Schätzungen

Auch die Schadenssummen sind nicht mit einer exakten Buchhaltung der gesamten Schweiz gleichzusetzen. Die WSL-Datenbank basiert wesentlich auf der systematischen Auswertung von Medienberichten. Erfasst werden Sach-, Infrastruktur-, Wald- und Landwirtschaftsschäden.

Die Methode ist deshalb vor allem für die langfristige Beobachtung und den Vergleich von Ereignissen gedacht. Sie bildet nicht jeden einzelnen Franken ab, der nach einem Naturereignis tatsächlich ausgegeben wird.

Gerade für Grossereignisse werden die Schadenssummen nachträglich weiter aufgearbeitet. Die Werte sind deshalb als Schätzungen der volkswirtschaftlichen Schäden zu verstehen.

Warum die Daten für die Schweiz wichtig sind

Trotz dieser Einschränkungen hat die Zeitreihe einen hohen praktischen Wert. Die WSL bezeichnet ihre Unwetterschadens-Datenbank als wichtige Grundlage für die Gefahrenbeurteilung. Behörden und Fachstellen können daraus Erkenntnisse über die räumliche Verteilung, das Ausmass und die Ursachen vergangener Ereignisse gewinnen.

Solche Informationen fliessen unter anderem in Gefahrenkarten und die Planung von Schutzmassnahmen ein. Dazu gehören Hochwasserschutz, Schutzwald, Rückhalteanlagen oder bauliche Massnahmen gegen Murgänge und Rutschungen.

Das Prinzip ist einfach: Je besser bekannt ist, wo welche Naturgefahren bereits Schäden verursacht haben, desto gezielter können Risiken reduziert werden.

Naturgefahren treffen auf eine dichter genutzte Schweiz

Die langfristige Entwicklung muss deshalb aus zwei Perspektiven betrachtet werden. Einerseits verändern sich die natürlichen Gefahren. Andererseits wächst und verdichtet sich die Nutzung des Landes.

In einem dicht besiedelten Land wie der Schweiz können Naturereignisse deshalb besonders teuer werden. Verkehrsachsen, Kraftwerke, Industrieanlagen, Wohngebiete und touristische Infrastruktur befinden sich teilweise in Regionen, in denen Naturgefahren bekannt sind.

Die Schadensentwicklung ist damit auch eine Frage der Raumplanung: Wo gebaut wird, entscheidet mit darüber, wie teuer ein zukünftiges Ereignis werden kann.

Die grosse Aussage der Zeitreihe

Die mehr als fünf Jahrzehnte umfassende Statistik zeigt nicht, dass die Schäden jedes Jahr kontinuierlich zunehmen. Sie zeigt etwas anderes – und für die Risikoplanung mindestens ebenso Wichtiges.

Einzelne Extremereignisse können innerhalb weniger Tage Schäden in Milliardenhöhe verursachen.

2005 steht dafür ebenso wie 1987. 2024 hat gezeigt, dass auch heute wieder ein einzelnes Unwetterjahr Schäden von beinahe einer Milliarde Franken verursachen kann.

Gleichzeitig macht die Zeitreihe deutlich, dass eine einzelne Jahreszahl nicht genügt, um langfristige Entwicklungen zu beurteilen. Dafür müssen Naturgefahren, Klimadaten, Siedlungsentwicklung, Sachwerte und Schutzmassnahmen gemeinsam betrachtet werden.

Was die Schweiz aus 53 Jahren Daten lernen kann

Die wichtigste Erkenntnis aus der BFS- und WSL-Zeitreihe ist deshalb nicht, dass Naturgefahren einfach «immer teurer» werden. Dafür ist die Entwicklung zu stark von einzelnen Extremereignissen geprägt.

Die Daten zeigen vielmehr, wie verletzlich eine hoch entwickelte und dicht genutzte Gesellschaft gegenüber Naturgefahren ist. Selbst wenn ein Grossereignis selten bleibt, können seine finanziellen Folgen enorm sein.

Für die Schweiz bedeutet das: Prävention bleibt eine langfristige Aufgabe. Gefahrenkarten, Schutzbauten, Raumplanung und Frühwarnsysteme müssen regelmässig überprüft und an veränderte klimatische und gesellschaftliche Bedingungen angepasst werden.

Die Zeitreihe seit 1972 liefert dafür das Gedächtnis. Sie zeigt, was bereits passiert ist – und warum sich die Frage nach dem Schutz vor dem nächsten Grossereignis nicht erst dann stellen sollte, wenn das Wasser bereits steigt.

Quellen

  • Bundesamt für Statistik (BFS): «Schäden durch Naturereignisse – Hochwasser, Murgänge, Rutschungen, Felssturz und Steinschlag – Millionen Franken – 1972–2025»
  • Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL): Unwetterschadens-Datenbank Schweiz
  • WSL: «Unwetter 2024: viele Todesopfer und hohe Kosten»
  • WSL: «Unwetterschäden in der Schweiz 2024», Wasser Energie Luft, 2025

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