Ernährungsinitiative: Was 70 Prozent Selbstversorgung für die Schweiz bedeuten würden
70 Prozent Selbstversorgung in zehn Jahren: Die Initiative will Landwirtschaft und Ernährung grundlegend verändern.

Was bedeutet überhaupt 70 Prozent Selbstversorgung?
Die Zahl klingt zunächst einfach: 70 Prozent der in der Schweiz konsumierten Lebensmittel sollen aus dem Inland kommen. Ganz so einfach ist die Berechnung allerdings nicht.
Der Selbstversorgungsgrad wird nicht anhand des Gewichts oder der Menge der Lebensmittel berechnet, sondern anhand ihres Kaloriengehalts. Entscheidend ist also, wie viel des Energiebedarfs der Schweizer Bevölkerung durch die inländische Landwirtschaft gedeckt werden kann.
Zudem wird zwischen Brutto- und Netto-Selbstversorgungsgrad unterschieden. Beim Netto-Wert wird berücksichtigt, dass ein Teil der Schweizer Tierproduktion auf importiertem Futter basiert. Die daraus entstandenen Lebensmittel werden entsprechend angerechnet.
Der Netto-Selbstversorgungsgrad lag im Durchschnitt der Jahre 2022 bis 2024 bei rund 45 Prozent. Die Initiative will diesen Wert auf mindestens 70 Prozent erhöhen.
Warum die Initianten mehr pflanzliche Lebensmittel wollen
Der zentrale Gedanke der Initiative lautet: Mit der gleichen landwirtschaftlichen Fläche lassen sich mehr Menschen ernähren, wenn ein grösserer Teil der Pflanzen direkt für die menschliche Ernährung verwendet wird, statt zunächst Tiere zu füttern.
Deshalb sollen künftig mehr Getreide, Hülsenfrüchte, Gemüse und andere pflanzliche Lebensmittel produziert werden. Gleichzeitig soll die Produktion von Fleisch, Milch und Eiern relativ an Bedeutung verlieren.
Die Initiative schreibt allerdings nicht vor, dass Schweizer Bauernhöfe bestimmte Kulturen anbauen oder dass Konsumentinnen und Konsumenten bestimmte Lebensmittel essen müssen. Sie gibt vielmehr ein Ziel vor und verpflichtet den Bund, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen.
Für die Initianten ist genau das der entscheidende Punkt: Die heutige Landwirtschaft sei zu stark auf eine Produktion ausgerichtet, die teilweise von importiertem Tierfutter abhängig ist. Mehr pflanzliche Lebensmittel aus Schweizer Böden könnten die Abhängigkeit vom Ausland reduzieren.
Der historische Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg
Ein Argument der Gegner spielt auf die Geschichte an. Einen Netto-Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent erreichte die Schweiz zuletzt während des Zweiten Weltkriegs.
Damals lebten rund 4,5 Millionen Menschen in der Schweiz. Heute sind es deutlich mehr. Gleichzeitig ist ein Teil der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche verloren gegangen.
Bauernverbandspräsident Markus Ritter hält den historischen Vergleich deshalb für problematisch. Aus seiner Sicht kann das Produktionsniveau der Kriegsjahre nicht einfach als Ziel für die heutige Schweiz verwendet werden.
Die Befürworter argumentieren dagegen, dass sich die Landwirtschaft seit damals grundlegend verändert hat. Höhere Erträge, andere Anbaumethoden und vor allem eine stärkere Ausrichtung auf pflanzliche Lebensmittel könnten die Produktivität der vorhandenen Flächen verändern.
Genau hier beginnt der eigentliche Streit: Ist die Schweiz heute trotz weniger Fläche und mehr Einwohner in der Lage, ihre Ernährung deutlich stärker aus eigener Produktion zu decken?
Mais für Tiere oder Lebensmittel für Menschen?
Ein wesentlicher Teil der Debatte dreht sich um die Nutzung des Ackerlands. Befürworter der Initiative verweisen darauf, dass ein grosser Teil der Ackerflächen direkt oder indirekt der Tierproduktion dient.
Ihre Schlussfolgerung: Wenn auf einem Teil dieser Flächen weniger Futtermittel und mehr Lebensmittel für Menschen angebaut würden, könnte die Schweiz ihre Ernährung stärker aus eigener Produktion decken.
Als Beispiele werden Hülsenfrüchte wie Linsen sowie Gemüse und Getreide genannt. Aus Sicht der Initianten geht es deshalb nicht zwingend darum, mehr Landwirtschaftsfläche zu schaffen, sondern darum, welche Lebensmittel auf der vorhandenen Fläche produziert werden.
Der Bauernverband widerspricht dieser vereinfachten Darstellung. Nicht jede Fläche eignet sich für Ackerbau. Zudem gehören bestimmte Kulturen zur Fruchtfolge, und ein Teil des Futters stammt von Wiesen und Flächen, die nicht ohne Weiteres für den Anbau von Lebensmitteln genutzt werden können.
Auch die Nachfrage spielt eine Rolle: Schweizer Haushalte konsumieren weiterhin Fleisch, Milchprodukte und Eier. Die Landwirtschaft produziert deshalb einen erheblichen Teil dessen, was der Markt nachfragt.
Was müsste sich bei der Ernährung ändern?
Genau hier wird die Initiative besonders weitreichend.
Nach Einschätzung des Bundesrats lässt sich ein Netto-Selbstversorgungsgrad von 70 Prozent nicht allein durch eine andere Flächennutzung erreichen. Dafür müsste sich auch die Zusammensetzung der Schweizer Ernährung deutlich verändern.
Der Anteil pflanzlicher Lebensmittel müsste steigen, während der Konsum von Fleisch, Milch und Eiern zurückgehen müsste. Gleichzeitig müsste die landwirtschaftliche Produktion entsprechend umgestellt werden.
Der Bundesrat warnt deshalb vor einem erheblichen staatlichen Einfluss auf Landwirtschaft und Ernährung. Welche konkreten Instrumente nach einem Ja eingesetzt würden, wäre allerdings erst in der Umsetzung zu entscheiden. Die Initiative selbst schreibt nicht vor, dass der Staat den Konsum einzelner Lebensmittel verbieten oder rationieren müsste.
Der entscheidende Punkt: Die 70 Prozent sind kein Ziel, das allein durch zusätzliche Produktion erreicht werden kann. Die Rechnung hängt auch davon ab, was die Schweiz produziert, wie die Fläche genutzt wird und welche Lebensmittel die Bevölkerung konsumiert.
Die Initiative will mehr als nur Selbstversorgung
Die Abstimmung dreht sich deshalb nicht ausschliesslich um die Zahl 70. Die Initiative verbindet die höhere Selbstversorgung mit mehreren weiteren Zielen.
Der Bund soll dafür sorgen, dass die Produktion nachhaltiger wird, die Trinkwasserressourcen geschützt werden und die Bodenfruchtbarkeit sowie die Biodiversität erhalten bleiben. Gleichzeitig sollen die Umweltziele für Pflanzenschutzmittel und Dünger eingehalten werden.
Damit entsteht ein zusätzlicher Zielkonflikt: Die Landwirtschaft soll mehr Lebensmittel produzieren, gleichzeitig aber weniger Umweltbelastung verursachen.
Die Initianten sehen darin keinen Widerspruch. Eine stärkere pflanzliche Produktion könne mit einer nachhaltigeren Landwirtschaft verbunden werden. Der Bundesrat hält dagegen, dass die Kombination der Ziele innerhalb von nur zehn Jahren sehr anspruchsvoll wäre.

Warum Bundesrat und Parlament Nein sagen
Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative ab. Der Bundesrat anerkennt zwar die Anliegen der Vorlage – insbesondere eine stärkere Ernährungssicherheit und eine nachhaltigere Landwirtschaft. Er hält aber die Kombination der Ziele und die Frist von zehn Jahren für nicht realistisch.
Nach Einschätzung der Landesregierung wären tiefgreifende Veränderungen in der landwirtschaftlichen Produktion, der Lebensmittelverarbeitung und beim Konsum notwendig. Gleichzeitig müssten bestehende Investitionen der Landwirtschaft berücksichtigt werden.
Eine schnelle Umstellung könnte zudem zusätzliche Kosten verursachen. Der Bund müsste nach Einschätzung des Bundesrats die landwirtschaftlichen Betriebe finanziell unterstützen, damit die notwendige Umstellung sozialverträglich erfolgen kann.
Statt eines abrupten Kurswechsels setzt der Bundesrat auf eine schrittweise Weiterentwicklung der Agrarpolitik. Er will den Netto-Selbstversorgungsgrad langfristig erhöhen und gleichzeitig die Umweltbelastung der Landwirtschaft reduzieren.
Die Befürworter sehen gerade darin das Problem
Das Initiativkomitee hält die bisherigen Schritte für unzureichend. Aus seiner Sicht ist die Schweiz zu stark von Importen abhängig und damit anfällig für internationale Krisen, unterbrochene Lieferketten und steigende Lebensmittelpreise.
Eine höhere inländische Produktion soll deshalb nicht bedeuten, dass die Schweiz vollständig unabhängig vom Ausland wird. Vielmehr soll die Abhängigkeit reduziert und die Versorgung in Krisenzeiten widerstandsfähiger gemacht werden.
Die Befürworter verbinden damit auch den Schutz der natürlichen Ressourcen. Fruchtbare Böden, sauberes Trinkwasser und Biodiversität seien Voraussetzungen dafür, dass die Schweiz auch langfristig Lebensmittel produzieren könne.
Die Landwirtschaft ist selbst gespalten
Die Landwirtschaft spricht nicht mit einer Stimme. Der Schweizer Bauernverband bekämpft die Initiative und führt die Nein-Kampagne an. Er hält das 70-Prozent-Ziel innerhalb von zehn Jahren für unrealistisch.
Gleichzeitig unterstützen einzelne Bäuerinnen und Bauern die Vorlage. Bio Suisse und die Kleinbauern-Vereinigung haben Stimmfreigabe beschlossen und empfehlen damit weder ein Ja noch ein Nein.
Andere Produzentenorganisationen lehnen die Initiative ab. Der Konflikt verläuft damit nicht nur zwischen Landwirtschaft und Umweltverbänden. Er betrifft auch die Frage, wie sich die Landwirtschaft selbst in den kommenden Jahrzehnten entwickeln soll.
Was ein Ja konkret verändern würde
Ein Ja würde zunächst die Bundesverfassung ändern. Der Bund müsste anschliessend die gesetzlichen und agrarpolitischen Rahmenbedingungen so anpassen, dass der Netto-Selbstversorgungsgrad innerhalb von zehn Jahren auf mindestens 70 Prozent steigt.
Dafür müsste die Politik entscheiden, mit welchen Instrumenten sie das Ziel erreicht. Denkbar wären Änderungen bei Direktzahlungen, Produktionsanreizen, Forschung, Beratung, Verarbeitung und Absatzförderung. Auch die Förderung pflanzlicher Lebensmittel könnte eine grössere Rolle spielen.
Die Initiative schreibt jedoch nicht jedes einzelne Instrument vor. Wie stark der Staat tatsächlich eingreifen müsste, würde deshalb erst die anschliessende Gesetzgebung zeigen.
Sicher ist aber: Ein Ja wäre kein kleiner Kurswechsel. Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung und Konsum müssten sich innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums deutlich stärker auf die inländische Versorgung ausrichten.
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Können wir es?
Die Abstimmung lässt sich deshalb nicht auf die Frage reduzieren, ob 70 Prozent technisch möglich sind.
Entscheidend ist auch, welchen Preis die Schweiz für dieses Ziel zu zahlen bereit wäre.
Eine stärkere inländische Produktion könnte die Abhängigkeit von Importen reduzieren. Sie könnte aber gleichzeitig höhere Produktionskosten verursachen und damit Auswirkungen auf Lebensmittelpreise und Bundesausgaben haben.
Eine stärkere pflanzliche Ausrichtung könnte die Kalorienproduktion pro Fläche erhöhen. Sie würde aber auch die heutige Struktur der Tierhaltung und Teile der Lebensmittelwirtschaft verändern.
Und ein schneller Umbau könnte die Landwirtschaft vor erhebliche Investitions- und Anpassungsprobleme stellen.
70 Prozent sind deshalb vor allem eine politische Entscheidung
Die Schweiz muss am 27. September nicht darüber abstimmen, ob Ernährungssicherheit wichtig ist. Darin sind sich Befürworter und Gegner weitgehend einig.
Die eigentliche Entscheidung lautet: Wie viel mehr Selbstversorgung will die Schweiz – und wie schnell soll sie dieses Ziel erreichen?
Die Befürworter sagen: Die Abhängigkeit vom Ausland ist zu gross, und die Landwirtschaft muss stärker auf die Ernährung der Bevölkerung ausgerichtet werden. Der notwendige Umbau sei möglich und angesichts von Krisen und Klimawandel sinnvoll.
Die Gegner sagen: Ernährungssicherheit sei bereits ein Ziel der Schweizer Agrarpolitik. Ein Sprung von rund 45 auf mindestens 70 Prozent innerhalb von zehn Jahren gehe jedoch zu weit und erfordere zu starke Eingriffe in Produktion und Konsum.
Am Ende geht es um die Frage, wie viel Selbstversorgung die Schweiz will
Die Ernährungsinitiative stellt eine grundsätzliche Frage: Soll die Schweiz ihre Landwirtschaft stärker danach ausrichten, möglichst viele Kalorien für die eigene Bevölkerung im Inland zu produzieren – auch wenn dafür Produktion, Konsum und Agrarpolitik deutlich verändert werden müssen?
Die Ausgangslage ist klar: Der Netto-Selbstversorgungsgrad liegt bei rund 45 Prozent. Das angestrebte Ziel von 70 Prozent wäre ein erheblicher Sprung. Dass eine stärkere pflanzliche Ausrichtung die Ernährungssicherheit erhöhen kann, ist der zentrale Ansatz der Initianten. Ob dieser Umbau innerhalb von zehn Jahren realistisch und wirtschaftlich tragbar ist, ist dagegen der Kern des politischen Streits.
Am 27. September entscheidet die Schweiz damit nicht nur über eine Zahl. Sie entscheidet darüber, welchen Stellenwert die eigene Lebensmittelproduktion künftig haben soll – und wie weit der Staat dafür in Landwirtschaft und Ernährung eingreifen soll.
Quellen
- Bundeskanzlei: Erläuterungen zur Ernährungsinitiative, Abstimmung vom 27. September 2026
- Bundesrat: Bundesrat lehnt Ernährungsinitiative ab, 11. August 2026
- Bundesamt für Landwirtschaft (BLW): Dossier Ernährungsinitiative
- SRF: «Ernährungsinitiative – Selbstversorgungsgrad: Kalorien bestimmen den Wert», 12. August 2026
- SRF: «Ernährungsinitiative – Was soll auf Schweizer Äckern wachsen?», 7. September 2026



