Künstliche Intelligenz19:45 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 4 Min.0 Kommentare

KI beim Online-Dating: Verbreitet, aber wenig beliebt

Algorithmen prägen die Partnersuche – das Vertrauen bleibt zurück

Eine Hand hält ein Smartphone mit aktivem Bildschirm. Das Bild symbolisiert digitale Kommunikation und die Nutzung von Apps.
Bild: stevepb / Pixabay

Online-Dating gehört in der Schweiz längst zum Alltag. Die Plattformen setzen seit Jahren auf Algorithmen, um Nutzer zu verkuppeln. Inzwischen kommt eine neue Dimension hinzu: Künstliche Intelligenz verfasst Profile, wählt Fotos aus und schreibt erste Nachrichten. Das bleibt meist unbemerkt – und sorgt für ein zwiespältiges Echo.

Offizielle Zahlen zur KI-Nutzung fehlen. Das Bundesamt für Statistik (BFS) erhebt die Nutzung von Online-Dating-Plattformen, aber nicht die dahinterstehende Technik. Fachleute gehen davon aus, dass die meisten grossen Anbieter KI-Tools integrieren. Dass generative KI auch in der Schweiz zum Einsatz kommt, berichtete das SRF bereits mehrfach.

Unsichtbare Helfer im Profil

Tinder, OkCupid und andere Plattformen investieren stark in künstliche Intelligenz. Tinder nutzt maschinelles Lernen, um die besten Fotos eines Profils auszuwählen. OkCupid berechnet Übereinstimmungen anhand von Algorithmen. Diese Systeme arbeiten im Hintergrund – die User merken davon oft nichts. Eine sichtbare Anwendung ist dagegen die KI-Unterstützung beim Texten: Generatoren wie ChatGPT erstellen in wenigen Sekunden einen Steckbrief oder einen Gesprächsöffner. Wie die Technik konkret funktioniert, zeigt dieser Überblick.

Die Nachfrage ist altersübergreifend. Wer mit dem eigenen Profil unzufrieden ist, probiert es mit einem Bot. Die Anweisungen reichen von «schreibe humorvoll» bis «formuliere zurückhaltend». Viele Nutzer räumen ein, dass die KI ihnen hilft, ins Gespräch zu kommen – auch wenn sie die Sätze später nicht als die eigenen ausgeben würden. Menschen mit sozialen Ängsten berichten, dass die KI den Einstieg erleichtert.

In der Schweiz mit ihrer eher zurückhaltenden Dating-Kultur wird der Einsatz von KI manchmal als Widerspruch zur authentischen Begegnung gesehen. Man will den Menschen sehen, wie er ist – nicht, wie der Prompt ihn beschreibt. Diese Haltung spielt in vielen Diskussionen eine Rolle. In den Kommentaren auf unserer Seite wird das deutlich.

Vertrauen ist die grosse Hürde

Trotz der Verbreitung bleibt die Skepsis gross. Ein Algorithmus könne keine Chemie messen, lautet eine verbreitete Ansicht. Nutzer berichten, dass sich Profile mit ähnlichen Vorlieben ähneln wie ein Ei dem anderen. Die mathematische Suche nach Übereinstimmungen produziert schnell Klone – und die wirken nicht gerade aufregend.

Eine Beobachtung ist, dass Männer KI häufiger zum Verfassen von Nachrichten nutzen als Frauen. Während Männer auf mehr Antworten hoffen, fürchten Frauen, dass dadurch die Authentizität verloren geht. Diese unterschiedlichen Perspektiven spiegeln sich auch in den Nutzerbewertungen der Apps wider.

Dazu kommt die Sorge um die Intimsphäre. Dating-Apps sammeln sensible Daten: sexuelle Orientierung, politische Einstellung, Krankheiten. Mit KI werden diese Daten noch gezielter ausgewertet. Wer im Profil angibt, dass er Tiere mag, bekommt womöglich bald nur noch Vorschläge mit Katzenbildern. Das ist nicht per se schlecht, aber es zeigt, wie intransparent die Entscheidungen der Plattformen sind.

Risiken durch Fake-Profile und Datenlecks

Ein praktisches Risiko sind gefälschte Identitäten. Mit generativer KI lassen sich täuschend echte Personen erzeugen – inklusive Bildern und Lebenslauf. Das Nationale Zentrum für Cybersicherheit (NCSC) warnt vor Betrugsmaschen, bei denen die Täter über Wochen eine Beziehung vortäuschen und dann um Geld bitten. KI macht solche Angriffe effizienter, weil sie automatisiert ablaufen können. Deepfake-Videos sind derzeit noch selten, aber die Technik macht es möglich, in Echtzeit zu chatten und dabei das Gesicht einer anderen Person zu zeigen.

Datenschutz ist das zweite grosse Thema. Dating-Plattformen sind wegen ihrer sensiblen Daten ein beliebtes Ziel für Hacker. Immer wieder kommt es zu Sicherheitsvorfällen, bei denen Passwörter und Nachrichten entwendet werden. Hinzu kommt: Wenn ein System mit den Texten der Nutzer trainiert wird, können persönliche Angaben in fremden Outputs auftauchen. Eine Erkennung ist für die Betroffenen kaum möglich.

Transparenz schafft Vertrauen

Was wäre nötig? Fachleute fordern, dass Dating-Apps transparent machen, wo KI eingesetzt wird. Einige Plattformen arbeiten an Kennzeichnungen für KI-generierte Profilbilder oder -texte. In der Schweiz gibt es dafür noch keine gesetzliche Grundlage. Internationale Beispiele zeigen, dass Regulierung möglich ist: Die EU hat in ihrer KI-Verordnung Anforderungen an die Transparenz von KI-Systemen festgelegt. Die Schweiz ist zwar nicht Mitglied der EU, orientiert sich aber bei vielen Regelungen am EU-Recht. Wie die Schweiz auf den EU-AI Act reagiert, lesen Sie hier.

Eine Checkliste hilft, Risiken zu minimieren:

  • Profile mit unpersönlichen Bildern und glatten Texten unter die Lupe nehmen.
  • Vor dem ersten Treffen ein Videochat vereinbaren.
  • Kein Geld überweisen und keine Kontodaten preisgeben.
  • In den App-Einstellungen prüfen, ob KI-Funktionen abgeschaltet werden können.
  • Verdächtige Profile bei der Plattform und beim NCSC melden.

Diese Vorsicht ist keine Angst, sondern ein gesunder Umgang mit einer Technik, die noch ihre Tücken hat. Lesen Sie dazu auch den Ratgeber der Redaktion zu Fallstricken beim Online-Dating.

Künstliche Intelligenz wird die Partnersuche weiter verändern. Sie kann helfen, eine grosse Auswahl vorzusortieren – den letzten Schritt, das echte Treffen, muss aber die persönliche Anziehung entscheiden. Wer KI als Hilfsmittel betrachtet und nicht als Heilsbringer, wird klüger wählen. Der Algorithmus ist kein Liebesorakel, sondern ein Werkzeug. Denn was die Algorithmen nicht zeigen können, ist das Kribbeln, das man nur spürt, wenn man sich unvorbereitet begegnet.

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