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KI-Entlassungswelle bei Versicherern? Was wirklich belegt ist

Raiffeisen spart, Swiss Life prüft – doch der KI-Bezug fehlt. Eine Einordnung mit Blick auf den Arbeitsmarkt.

Entlassungswelle
Bild: open AI

Die Ankündigung kam überraschend: Raiffeisen Schweiz will bis zu 180 Stellen streichen. Das gab die Bank am 26. August 2026 bekannt. In der öffentlichen Diskussion wird der Schritt oft mit Künstlicher Intelligenz in Verbindung gebracht. Doch die Begründung der Bank lautet anders: Effizienzsteigerung und Kostensenkung, nicht Maschinen.

Raiffeisen hat im ersten Halbjahr 2026 einen Gewinn von 659,3 Millionen Franken erzielt. Das Geschäft läuft gut – und dennoch will sich die Bank neu organisieren. Das Sparprogramm hat ein Volumen von rund 60 Millionen Franken. Der Abbau soll über natürliche Fluktuation, unbesetzte Stellen, die Reduktion externer Arbeitskräfte und Frühpensionierungen erfolgen. «Unser Geschäft entwickelte sich im ersten Halbjahr sehr erfolgreich: Wir haben unser Geschäftsvolumen ausgebaut und konnten sowohl das Zinsergebnis als auch das Kommissions- und Dienstleistungsergebnis gegenüber dem Vorjahr deutlich steigern», sagt Gabriel Brenna, CEO von Raiffeisen Schweiz.

Raiffeisen spart, ohne KI zu erwähnen

In der offiziellen Mitteilung von Raiffeisen kommt das Wort «Künstliche Intelligenz» nicht vor. Als Gründe nennt die Bank eine schlankere Organisation und tiefere Kosten. Das ist ein wichtiger Befund: Nicht jede Umstrukturierung ist ein KI-Projekt. Der Einsatz von Automatisierung mag in der Finanzbranche zunehmen – doch die konkreten Entscheide folgen oft betriebswirtschaftlichen Zielen, nicht der Technologie.

Auch bei Swiss Life zeichnet sich ein Sparkurs ab. Bereits im März 2026 hat das Unternehmen laut Medienberichten ein internes Sparprogramm angekündigt. Die Unternehmensberatung McKinsey soll die Prozesse im Backoffice durchleuchten. Ein Termin für eine allfällige Kommunikation des Stellenabbaus ist nicht bekannt. Klar ist nur: Auch Swiss Life steht unter Kostendruck – ob KI dabei eine Rolle spielt, ist offen.

Was wirklich belegt ist – und was nicht

In den sozialen Medien und Teilen der Presse kursieren derzeit Behauptungen, die einer Prüfung nicht standhalten. So sollen Swica und Generali bereits KI im telefonischen Kundendienst einsetzen. Dafür gibt es keine Belege. Auch die Geschichte, dass Kundenanfragen per E-Mail bei einem Schweizer Versicherer durch KI beantwortet werden, ist nicht verifiziert. Die Redaktion hat die vorliegenden Quellen ausgewertet – ein Nachweis fehlt. Solche Meldungen sollten daher mit Vorsicht behandelt werden.

Unbestritten ist hingegen, dass KI den Arbeitsmarkt verändern wird. Eine Studie von Angestellte Schweiz zeigt: 28 Prozent der untersuchten Arbeitsplätze in der Schweiz sind stark von KI betroffen – das entspricht rund 850'000 Stellen. Besonders betroffen sind administrative und büro-nahe Tätigkeiten, zu denen auch Berufe in Banken und Versicherungen zählen. Die Autoren der Studie betonen allerdings, dass KI nicht automatisch zu Entlassungen führt. Oft verändert sie die Aufgabenprofile, sodass neue Fähigkeiten gefragt sind.

KI verändert Arbeit, nicht automatisch die Personalzahlen

Marco Huwiler, Chef von Accenture Schweiz, sagt dazu: «Punktuell wird das passieren, ja. Beispiel Callcenter: Die Mitarbeitenden werden heute schon massiv von KI unterstützt und teils auch ersetzt.» Diese Einschätzung deckt sich mit der Studie. Für den Schweizer Arbeitsmarkt heisst das: Es wird weniger routinehafte Tätigkeiten geben, aber auch neue Aufgaben entstehen. Der Fachkräftemangel bleibt eine grosse Herausforderung – gerade in technischen Berufen.

Umso wichtiger ist die Weiterbildung. Eine Umfrage von Accenture zeigt eine grosse Kluft: 94 Prozent der Führungskräfte halten ihr Unternehmen für KI-bereit, aber nur 27 Prozent der Mitarbeitenden teilen diese Einschätzung. Diese Differenz muss dringend verringert werden. Unternehmen sind gefordert, ihre Belegschaft auf die neuen Anforderungen vorzubereiten. Sonst droht eine Spaltung zwischen jenen, die von KI profitieren, und jenen, die durch sie verdrängt werden.

Die Versicherungsbranche gilt als besonders anfällig für Automatisierung. Viele Prozesse sind standardisiert – von der Schadenbearbeitung bis zum Kundenservice. Genau diese Bereiche stehen im Fokus der Unternehmen. Doch die Entscheidung, Stellen abzubauen, hängt nicht allein von der Technologie ab. In der Schweiz spielen Sozialpartnerschaft und Kündigungsschutz eine wichtige Rolle. Auch ein genossenschaftlich verankertes Unternehmen wie Raiffeisen muss seine Entscheide sorgfältig kommunizieren.

Für die Versicherungsbranche bedeutet das: Der Stellenabbau bei Raiffeisen und Swiss Life hat handfeste finanzielle Gründe. KI spielt dabei nach aktuellem Kenntnisstand keine treibende Rolle. Die Redaktion wird die Entwicklung weiter beobachten und über konkrete Entscheide berichten. Bis dahin gilt: Eine KI-Entlassungswelle ist nicht belegt – sie bleibt eine Hypothese.

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