24,6 Millionen Franken für die Politik: Wie transparent ist die Schweiz?
Die Offenlegungspflicht macht sichtbar, wie sich die Bundesparteien finanzieren. Sie zeigt aber auch, wo das System Lücken hat.

24,6 Millionen Franken. So viel Einnahmen haben neun in der Bundesversammlung vertretene Parteien für das Jahr 2025 gemeldet. Die Zahl klingt beträchtlich – und ist doch nur ein Ausschnitt dessen, was Schweizer Politik finanziert. Denn nicht alle politischen Geldflüsse werden erfasst.
Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) hat die Zahlen am 31. August 2026 veröffentlicht. Im Vorjahr waren noch 25,6 Millionen Franken gemeldet worden. Die Einnahmen der Parteien sind damit um rund eine Million Franken zurückgegangen.
Seit 2022 gelten auf eidgenössischer Ebene neue Transparenzregeln. Seitdem müssen politische Akteure ihre Finanzierung nach klar definierten Vorgaben offenlegen. Bei Parteien betrifft dies die nationalen Organisationen der in der Bundesversammlung vertretenen Parteien.
SP vor FDP und SVP
Die grössten Einnahmen meldete 2025 die Sozialdemokratische Partei der Schweiz. Sie kam auf 7,9 Millionen Franken. Es folgten die FDP mit 4,8 Millionen, die SVP mit 3,8 Millionen und die Mitte mit 2,7 Millionen Franken.
Auch die Grünen und die Grünliberalen überschritten die Marke von einer Million Franken. Die Grünen meldeten 1,8 Millionen, die GLP 1,2 Millionen Franken. Weitere Einnahmen wurden von der EDU, der EVP und dem Mouvement Citoyens Genevois ausgewiesen.
Eine auffällige Lücke bleibt: Die Lega dei Ticinesi, die im Nationalrat vertreten ist, hatte ihre Finanzierung zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht offengelegt.
Die Einnahmen stammen aus unterschiedlichen Quellen. Dazu gehören Mitglieder- und Mandatsbeiträge, Spenden, Veranstaltungen sowie der Verkauf von Waren und Dienstleistungen. Allein die SP nahm 2025 mehr als 2,19 Millionen Franken an Mitgliederbeiträgen ein. Bei den Mandatsbeiträgen lag sie mit rund 484'000 Franken ebenfalls an der Spitze.
Was eine Spende bedeutet – und was nicht
Besonders aufmerksam verfolgt werden grosse Zuwendungen von Unternehmen oder Privatpersonen. Ab einer bestimmten Höhe muss die Herkunft offengelegt werden. Bei Zuwendungen von mehr als 15'000 Franken ist die Identität der Geldgeber grundsätzlich öffentlich.
Das schafft erstmals einen Einblick in einen Bereich, der in der Schweiz lange weitgehend im Dunkeln lag. Gleichzeitig darf eine veröffentlichte Spende nicht automatisch als Beweis für politischen Einfluss interpretiert werden. Dass ein Unternehmen eine Partei finanziell unterstützt, bedeutet nicht, dass diese Partei im Gegenzug bestimmte politische Entscheidungen trifft.
Transparenz zeigt zunächst nur einen Geldfluss. Ob daraus tatsächlich Einfluss entsteht, lässt sich aus der Finanzmeldung allein nicht ableiten.
Die Kontrolle ist nicht vollständig
Die Zahlen beruhen grundsätzlich auf den Angaben der politischen Akteure. Die EFK kontrolliert die Meldungen nicht flächendeckend, sondern stichprobenweise.
Für das Finanzjahr 2025 prüfte sie vier Parteien mit einem Einnahmenvolumen von insgesamt 15,5 Millionen Franken. Das entspricht 63 Prozent der insgesamt gemeldeten Einnahmen. Bei der SP, der FDP und den Grünen stellte die EFK bei der Kontrolle keine Feststellungen fest. Bei der EDU wurden dagegen unter anderem neun ausländische Zuwendungen im Umfang von 505 Franken festgestellt. Zudem mussten Online-Spenden von 62'324 Franken nachgemeldet werden.
Der Vorgang zeigt die Stärke und zugleich die Schwäche des Systems: Es gibt inzwischen eine staatliche Kontrollinstanz und verbindliche Offenlegungspflichten. Gleichzeitig bleibt die erste Verantwortung bei den Parteien selbst.
Die 24,6 Millionen sind nicht «das Geld der Schweizer Politik»
Hier liegt eine der wichtigsten Einschränkungen der neuen Zahlen. Die 24,6 Millionen Franken bilden nicht die gesamte Finanzierung der Schweizer Politik ab.
Nicht erfasst werden beispielsweise Fraktionsbeiträge. Auch kantonale und kommunale Parteisektionen unterliegen nicht derselben Offenlegungspflicht wie die nationalen Parteien. Wenn Mitgliederbeiträge direkt an eine kantonale Sektion fliessen, erscheinen diese Einnahmen deshalb nicht zwingend im nationalen Register.
Auch das Vermögen einer Partei wird durch die jährliche Meldung nicht erfasst. Die EFK weist selbst darauf hin, dass die Parteifinanzierung eines Kalenderjahres kein Gesamtbild der gesamten Politikfinanzierung oder des Parteivermögens liefert.
Bei parteinahen Organisationen ist die Situation differenzierter, als es auf den ersten Blick erscheint. Eine Zuwendung muss der nationalen Partei zugerechnet und offengelegt werden, wenn erkennbar ist, dass der ursprüngliche Geldgeber gerade diese Partei unterstützen wollte. Ist dieser Zusammenhang nicht erkennbar, besteht unter den gesetzlichen Voraussetzungen keine entsprechende Pflicht zur Offenlegung der ursprünglichen Urheberschaft.
Bei Abstimmungen geht es um deutlich grössere Summen
Wie viel Geld politische Auseinandersetzungen tatsächlich bewegen können, zeigen die Abstimmungskampagnen. Für eidgenössische Abstimmungen müssen Kampagnen ihre Finanzierung offenlegen, wenn sie mehr als 50'000 Franken aufwenden.
Bei der Abstimmung vom 14. Juni 2026 wurden insgesamt 16,78 Millionen Franken an definitiven Einnahmen gemeldet. Davon entfielen 16,27 Millionen Franken auf die Kampagne zur Nachhaltigkeitsinitiative. Für die Änderung des Zivildienstgesetzes wurden 508'729 Franken ausgewiesen.
Die EFK kontrollierte vier der insgesamt 23 gemeldeten Kampagnen. Wertmässig deckten diese Kontrollen 46 Prozent der gesamten Einnahmen ab.
Auch für die nächste eidgenössische Abstimmung zeichnet sich ein beträchtlicher finanzieller Aufwand ab. Für den Urnengang vom 27. September 2026 wurden bis zum 28. August insgesamt 7,86 Millionen Franken an budgetierten Einnahmen offengelegt: 5,51 Millionen für die Neutralitätsinitiative und 2,35 Millionen für die Ernährungsinitiative.
Bei diesen Zahlen ist allerdings Vorsicht geboten: Das von der EFK ausgewiesene Gesamtvolumen kann Doppelzählungen enthalten, wenn Gelder zwischen verschiedenen Kampagnen weitergereicht werden.
Mehr Transparenz – aber keine vollständige Antwort
Die Schweiz weiss heute deutlich mehr darüber, wer politische Parteien und Kampagnen finanziert, als noch vor wenigen Jahren. Das ist ein Fortschritt. Bürgerinnen und Bürger können grosse Geldflüsse nachvollziehen und sich vor Abstimmungen ein genaueres Bild über die finanziellen Kräfte hinter einer Kampagne machen.
Doch Transparenz ist nicht dasselbe wie Kontrolle. Und sie beantwortet auch nicht automatisch die Frage nach dem Einfluss des Geldes.
Gerade das macht die Debatte schwierig. Eine vollständige Offenlegung könnte die demokratische Kontrolle stärken. Gleichzeitig darf nicht jede Spende unter Generalverdacht gestellt werden. Parteien brauchen Geld, um Personal zu beschäftigen, Kampagnen zu führen, politische Bildungsarbeit zu leisten und Wahlen zu bestreiten.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob politische Finanzierung legitim ist. Sie lautet: Wie viel Einfluss durch Geld ist in einer direkten Demokratie akzeptabel – und ab wann braucht es zusätzliche Transparenz?
Die nächste Frage wartet bereits
Die neuen Zahlen sind ein wichtiger Schritt. Sie machen sichtbar, was zuvor weitgehend unsichtbar war. Gleichzeitig zeigen sie die Grenzen des Systems: Nationale Parteien werden erfasst, andere Ebenen der Politik nur teilweise. Kampagnen werden transparent, aber erst ab einem bestimmten Schwellenwert. Die Angaben werden kontrolliert, jedoch nicht vollständig.
Damit bleibt eine zentrale Frage offen: Wie viel Geld bewegt die Schweizer Politik tatsächlich?
Die Antwort lässt sich aus den 24,6 Millionen Franken nicht ablesen. Sicher ist nur: Die Schweiz hat begonnen, genauer hinzusehen. Ob die bestehenden Regeln ausreichen, wird letztlich davon abhängen, ob Transparenz nicht nur Daten produziert, sondern den Bürgerinnen und Bürgern tatsächlich ermöglicht, politische Einflussnahme besser zu verstehen.



