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Tschechien rüstet gegen Russland – was heisst das für die Schweiz?

Tschechien plant für eine mögliche Eskalation – was bedeutet das für die neutrale Schweiz?

Tschechien rüstet auf
Bild: open AI

Während die USA derzeit erneut versuchen, Gespräche über ein Ende des Ukraine-Kriegs in Gang zu bringen, bereitet sich Tschechien gleichzeitig auf ein mögliches Scheitern der Diplomatie vor. Ein neues langfristiges Verteidigungspapier des tschechischen Verteidigungsministeriums beschreibt Russland als grösste Bedrohung für die Sicherheit des Landes und warnt vor einer Verschärfung der europäischen Sicherheitslage.

Der «Langfristige Ausblick für die Verteidigung 2045» ist dabei keine Vorhersage eines Krieges bis 2045. Die Jahreszahl bezeichnet den Planungshorizont des Dokuments. Das Papier soll festlegen, welche militärischen und zivilen Fähigkeiten Tschechien in den kommenden zwei Jahrzehnten benötigt.

Die zentrale Botschaft ist dennoch deutlich: Prag will seine Verteidigungsfähigkeit auf einen möglichen langandauernden Konflikt mit einem technologisch hoch entwickelten Gegner ausrichten.

Für die Schweiz ist daran weniger die tschechische Aufrüstung interessant als die Frage dahinter: Was bedeutet eine dauerhaft verschärfte Sicherheitslage für einen neutralen Staat mitten in Europa?

Prag sieht Russland als grösste Bedrohung

Das tschechische Verteidigungsministerium geht in seinem neuen Strategiepapier davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit komplexer Sicherheitskrisen zunimmt. Dazu zählt ausdrücklich auch die Möglichkeit eines Angriffs auf NATO- und EU-Staaten ohne längere Vorwarnzeit.

Gleichzeitig beschreibt das Dokument eine Verschiebung der Verantwortung für die konventionelle Verteidigung Europas: Die europäischen NATO-Staaten müssten künftig stärker selbst für ihre Sicherheit sorgen.

Tschechien reagiert darauf mit einer langfristig angelegten Verteidigungsplanung. Das Papier wurde vom tschechischen Staatssicherheitsrat gebilligt und soll im Herbst von der Regierung beraten werden. Es baut auf der tschechischen Verteidigungsstrategie von 2023 auf, die Russland bereits als schwerste Bedrohung bezeichnet hatte.

Neben einem möglichen konventionellen Krieg nennt der Entwurf auch Cyberangriffe, Desinformation, Spionage, Sabotage und wirtschaftlichen Druck als sicherheitspolitische Risiken.

Tschechien rüstet auf
Symbolbild · Bild: open AI

Es geht um mehr als Panzer und Kampfflugzeuge

Bemerkenswert ist, wie breit Tschechien den Begriff der Verteidigungsfähigkeit fasst.

Bis 2030 soll ein modernes System zur Sicherheitsvorbereitung der Bevölkerung aufgebaut werden. Bis 2032 ist der Ausbau eigener Fähigkeiten zur Weltraumaufklärung vorgesehen. Bis 2038 sollen zusätzliche Reserven an Waffen, Technik und militärischem Material aufgebaut werden.

Auch die Streitkräfte selbst sollen weiter modernisiert werden. Tschechien hält am Kauf von 24 F-35-Kampfflugzeugen fest und plant zwei modernisierte Brigaden – eine schwere Brigade mit Kampfpanzern und eine mittlere Brigade mit Radschützenpanzern.

Dahinter steht ein grundlegender Gedanke: Ein moderner Konflikt wird nicht allein mit Soldaten und Waffen entschieden. Entscheidend sind ebenso Munition und Ersatzteile, Logistik, industrielle Produktionskapazitäten, Aufklärung, Kommunikation, Cyberabwehr und die Fähigkeit eines Staates, auch unter Krisenbedingungen handlungsfähig zu bleiben.

2045 ist kein Kriegsdatum

Die Jahreszahl im Namen des Dokuments kann leicht missverstanden werden. Tschechien sagt nicht voraus, dass es bis 2045 zu einem Krieg mit Russland kommen wird.

2045 ist der langfristige Planungshorizont.

Gerade diese langfristige Perspektive ist sicherheitspolitisch entscheidend. Militärische Fähigkeiten lassen sich nicht innerhalb weniger Monate aufbauen. Kampfflugzeuge, Luftverteidigung, Munition, Fahrzeuge, Kommunikationssysteme und militärische Infrastruktur benötigen Jahre für Planung, Beschaffung, Ausbildung und Aufbau.

Tschechien versucht deshalb, nicht auf einen bestimmten Kriegstermin zu reagieren, sondern seine Fähigkeiten so auszurichten, dass es auch bei einer unerwarteten Verschlechterung der Lage handlungsfähig bleibt.

Trump beurteilt die Gefahr anders

Die tschechische Einschätzung steht zugleich in einem bemerkenswerten Kontrast zu den Aussagen von US-Präsident Donald Trump.

Trump hat zuletzt erklärt, er gehe nicht davon aus, dass Wladimir Putin NATO-Gebiet angreifen werde. Er verwies dabei auf seine direkten Kontakte mit dem russischen Präsidenten.

Damit treffen zwei unterschiedliche Risikoeinschätzungen aufeinander: Washingtons Präsident sieht derzeit keinen Grund, von einem geplanten russischen Angriff auf NATO-Gebiet auszugehen. Prag plant seine Verteidigung dagegen ausdrücklich für den Fall, dass sich die europäische Sicherheitslage weiter verschärft.

Das muss kein Widerspruch sein. Ein Staat kann einen Angriff nicht für unmittelbar bevorstehend halten und trotzdem Vorsorge für ein mögliches langfristiges Risiko treffen.

Die Bedrohung beginnt nicht erst mit einem Krieg

Für Tschechien beschränkt sich die sicherheitspolitische Herausforderung ohnehin nicht auf einen klassischen militärischen Angriff.

Cyberangriffe, Spionage, Desinformation und Sabotage können bereits in Friedenszeiten stattfinden. Gerade diese sogenannten hybriden Bedrohungen machen die Grenze zwischen Frieden und offenem Konflikt weniger eindeutig.

Ein aktuelles Beispiel liefert Deutschland. Am 4. August 2026 wurde am Flughafen Leipzig/Halle eine mit Sprengstoff ausgerüstete Drohne entdeckt. Die deutsche Bundesregierung kam nach eigenen Angaben aufgrund polizeilicher Ermittlungen, Tatmustern und nachrichtendienstlicher Erkenntnisse zum Schluss, dass Russland für den versuchten hybriden Angriff verantwortlich sei. Russland weist die Vorwürfe zurück.

Der Fall zeigt, warum europäische Staaten ihre Sicherheitsplanung inzwischen breiter verstehen. Kritische Infrastruktur, Flughäfen, Energieversorgung, Kommunikationsnetze und Behörden können Ziel von Angriffen werden, ohne dass ein klassischer Krieg erklärt wurde.

Was bedeutet das für die Schweiz?

Die Schweiz ist kein NATO-Mitglied. Sie ist militärisch neutral und kann deshalb nicht auf eine automatische Beistandspflicht eines Bündnisses zählen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass sie sicherheitspolitisch isoliert wäre. Die Schweiz arbeitet mit europäischen Staaten und der NATO zusammen, unter anderem im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden. Für die Jahre 2025 bis 2028 wurden die Ziele der Zusammenarbeit mit der NATO weiter ausgebaut – unter anderem bei Interoperabilität, Weltraum, Resilienz und Kommunikation.

Gleichzeitig hält die Schweizer Sicherheitspolitische Strategie 2026 fest, dass sich das sicherheitspolitische Umfeld deutlich verschlechtert hat. Sie nennt neben militärischen Risiken auch Cyberangriffe, Desinformation, Spionage und Sabotage als Bedrohungen, die die Schweiz betreffen können.

Die Schweiz verfolgt dabei einen Ansatz der umfassenden Sicherheit: Neben der Armee gehören auch zivile Behörden, Kantone, kritische Infrastrukturen und internationale Zusammenarbeit zur Sicherheitsvorsorge.

Die Schweizer Frage lautet nicht nur: Wie viele Soldaten?

Die Diskussion über Tschechiens Aufrüstung könnte deshalb zu kurz greifen, wenn sie in der Schweiz allein auf die Grösse der Armee übertragen wird.

Für einen neutralen Staat stellen sich mehrere Fragen gleichzeitig: Kann die Schweiz ihren Luftraum ausreichend schützen? Verfügt sie über genügend Mittel für die Bodenverteidigung? Sind Munitions- und Materialreserven ausreichend? Wie widerstandsfähig sind Stromversorgung, Kommunikation und andere kritische Infrastrukturen?

Und wie schnell könnte die Schweiz ihre Fähigkeiten im Fall einer plötzlichen Verschärfung der Lage ausbauen?

Genau hier liegt eine der grössten Herausforderungen langfristiger Sicherheitspolitik. Eine Armee lässt sich nicht kurzfristig auf eine neue Bedrohungslage umstellen.

Die Schweiz hat bereits reagiert

Die Schweiz hat ihre Sicherheitsplanung in den vergangenen Jahren bereits angepasst. Das VBS verweist auf eine Reihe von Grundlagenarbeiten zur Luftverteidigung, zu den Bodentruppen, zum Cyberraum und zur künftigen Ausrichtung der Armee.

Auch die Rüstungspolitik wurde neu ausgerichtet. Der Bundesrat will die verbleibende verteidigungskritische Industriebasis in der Schweiz erhalten und die sicherheitsrelevante Technologie- und Industriebasis stärken. Forschung, Entwicklung und internationale Rüstungskooperation sollen ausgebaut werden.

Die Frage lautet deshalb weniger, ob die Schweiz auf die veränderte Sicherheitslage reagiert. Das tut sie bereits.

Die politische Auseinandersetzung dreht sich vielmehr darum, wie weit diese Reaktion gehen soll – und wie viel sie kosten darf.

Auch die Bevölkerung denkt über Sicherheit neu nach

Wie stark sich die Wahrnehmung verändert hat, zeigt die Studie «Sicherheit 2026» der Militärakademie der ETH Zürich und des Center for Security Studies.

83 Prozent der Befragten halten die Schweizer Armee für unbedingt oder eher notwendig. Gleichzeitig bewerten 86 Prozent die weltpolitische Lage als pessimistisch oder sehr pessimistisch.

Auch die Frage nach der internationalen Zusammenarbeit verändert sich: 56 Prozent sprechen sich für eine Annäherung an die NATO aus. Gleichzeitig bleibt die Zustimmung zur Neutralität mit 85 Prozent hoch.

Genau darin zeigt sich das Schweizer Dilemma. Die Bevölkerung hält an der Neutralität fest, sieht aber gleichzeitig einen wachsenden Bedarf an internationaler sicherheitspolitischer Zusammenarbeit.

Neutralität bedeutet nicht sicherheitspolitische Isolation

Die Schweizer Neutralität schliesst internationale Zusammenarbeit nicht grundsätzlich aus. Der Bund hält ausdrücklich fest, dass ein neutraler Staat an internationalen militärischen Übungen ausserhalb eines Kriegskontexts teilnehmen kann. Auch eine Zusammenarbeit mit anderen Staaten zur Verteidigung der Schweiz wäre im Fall eines bewaffneten Angriffs möglich.

Entscheidend ist deshalb die Frage, welche Fähigkeiten die Schweiz selbst bereitstellen muss und welche sie gemeinsam mit Partnern aufbauen kann.

Genau diese Balance dürfte in den kommenden Jahren wichtiger werden: eigenständige Verteidigungsfähigkeit auf der einen Seite, internationale Kooperation auf der anderen.

Was Tschechien der Schweiz tatsächlich zeigt

Der tschechische Verteidigungsplan ist deshalb kein Modell, das die Schweiz einfach übernehmen könnte. Tschechien ist NATO-Mitglied und kann seine Verteidigungsplanung auf die kollektive Sicherheit des Bündnisses ausrichten. Die Schweiz verfolgt dagegen einen neutralen sicherheitspolitischen Kurs.

Dennoch ist die strategische Lehre vergleichbar: Verteidigungsfähigkeit entsteht nicht erst dann, wenn eine Krise beginnt.

Wer sich gegen einen möglichen Konflikt wappnen will, muss lange vorher in Personal, Material, Infrastruktur, Industrie, Ausbildung und Resilienz investieren.

Das gilt auch für Bedrohungen unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges. Cyberangriffe, Sabotage und Desinformation verlangen andere Fähigkeiten als ein klassischer militärischer Angriff – aber auch sie lassen sich nicht erst im Ernstfall aus dem Boden stampfen.

Europa verhandelt – und rüstet gleichzeitig auf

Gerade im Zusammenspiel mit den aktuellen diplomatischen Bemühungen um den Ukraine-Krieg wird die tschechische Strategie interessant.

Dass die USA wieder mit Moskau und Kyjiw über eine mögliche Beendigung des Krieges sprechen, bedeutet nicht automatisch, dass Europa seine langfristigen Verteidigungsplanungen zurückfahren kann.

Umgekehrt bedeutet eine verstärkte Verteidigungsplanung nicht, dass ein Krieg als unvermeidlich gilt.

Diplomatie und Abschreckung verfolgen unterschiedliche Ziele – und können gleichzeitig Teil derselben Sicherheitspolitik sein.

Genau das zeigt derzeit Tschechien. Prag bereitet sich auf einen möglichen Ernstfall vor, ohne einen Krieg als feststehende Zukunft zu behandeln.

Die eigentliche Frage für die Schweiz

Für die Schweiz liegt die entscheidende Frage deshalb nicht darin, ob sie Tschechiens Verteidigungsmodell kopieren soll.

Sie lautet vielmehr: Wie viel eigene Widerstandsfähigkeit braucht ein neutraler Staat, wenn sich die Sicherheitsordnung Europas dauerhaft verändert?

Die Antwort betrifft nicht nur die Armee. Sie reicht von Luftverteidigung und Munitionsreserven über Cyberabwehr und kritische Infrastruktur bis zur internationalen Zusammenarbeit.

Tschechien hat seinen Planungshorizont auf zwei Jahrzehnte ausgeweitet. Die Schweiz steht vor einer ähnlichen strategischen Aufgabe – allerdings unter völlig anderen politischen und rechtlichen Voraussetzungen.

Die zentrale Lehre aus Prag lautet deshalb nicht, dass ein Krieg bevorsteht. Sie lautet, dass Verteidigungsfähigkeit Jahre braucht – und dass Staaten ihre Sicherheitsvorsorge festlegen müssen, bevor eine Krise sie dazu zwingt.

Auf einen Blick

  • Russland: Tschechien bezeichnet Russland im neuen langfristigen Verteidigungsausblick als grösste Bedrohung.
  • 2045: Das Jahr bezeichnet den Planungshorizont des Dokuments, nicht ein erwartetes Kriegsdatum.
  • 2030: Tschechien will ein modernes System zur Sicherheitsvorbereitung der Bevölkerung schaffen.
  • 2032: Der Ausbau eigener Fähigkeiten zur Weltraumaufklärung ist vorgesehen.
  • 2038: Zusätzliche Reserven an Waffen, Technik und militärischem Material sollen aufgebaut sein.
  • Luftwaffe: Tschechien hält am Kauf von 24 F-35-Kampfflugzeugen fest.
  • Schweiz: Die Sicherheitspolitische Strategie 2026 sieht eine verschlechterte Sicherheitslage und zunehmende hybride Bedrohungen.
  • NATO: Die Schweiz bleibt neutral, baut aber ihre sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit der NATO weiter aus.

Quellen

Tschechisches Verteidigungsministerium / iROZHLAS.cz: «Dlouhodobý výhled pro obranu 2045».

Schweizerisches Staatssekretariat für Sicherheitspolitik (SEPOS): Sicherheitspolitische Strategie 2026.

VBS: Studie «Sicherheit 2026».

VBS: Zusammenarbeit Schweiz–NATO 2025–2028.

Bundesregierung Deutschland: Reaktion auf den versuchten hybriden Angriff am Flughafen Leipzig/Halle.

VBS: Rüstungspolitische Strategie des Bundesrates.

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