Frequenz-Auktion für fast eine Milliarde: Was der Streit um das Schweizer Mobilfunknetz bedeutet
Swisscom, Sunrise und Salt wehren sich gegen die geplante Frequenzauktion – mit möglichen Folgen für Netzausbau, Wettbewerb und die Mobilfunkkunden.

Ein unsichtbares Gut entscheidet darüber, ob wir auf dem Smartphone telefonieren, Nachrichten verschicken, Videos streamen oder unterwegs arbeiten können: Mobilfunkfrequenzen. Nun wird ein grosser Teil dieses knappen öffentlichen Guts in der Schweiz neu verteilt – und ausgerechnet die drei etablierten Netzbetreiber sind darüber wenig erfreut.
Swisscom, Sunrise und Salt müssen sich auf ein neues Vergabeverfahren einstellen. Die Eidgenössische Kommunikationskommission (ComCom) hat am 1. September 2026 die Ausschreibung für einen wesentlichen Teil der heute genutzten Mobilfunkfrequenzen gestartet. Die Auktion soll voraussichtlich im zweiten Quartal 2027 stattfinden.
Es geht um Frequenzen aus den Bändern 800, 900, 1800, 2100 und 2600 Megahertz. Sie sind für die heutigen Mobilfunknetze von grosser Bedeutung. Die entsprechenden Konzessionen laufen Ende 2028 aus. Die neuen Konzessionen sollen ab 1. Januar 2029 für 15 Jahre gelten.
Mindestens 854,7 Millionen Franken stehen im Raum
Die Dimensionen sind beträchtlich. Die ComCom hat für die Auktion einen Mindestpreis von insgesamt rund 854,7 Millionen Franken festgelegt. Wie viel tatsächlich bezahlt wird, hängt vom Verlauf der Auktion ab.
Zum Vergleich: Bei der letzten grossen Vergabe im Jahr 2019 nahm der Bund rund 379 Millionen Franken ein. Damals wurden unter anderem Frequenzen für den Aufbau der 5G-Technologie vergeben.
Die nun zur Vergabe stehenden Frequenzen sind allerdings nicht einfach «5G-Frequenzen». Die Konzessionen werden technologieneutral vergeben. Die Betreiber können das Spektrum je nach technischer Entwicklung für unterschiedliche Mobilfunktechnologien einsetzen.
Warum der Bund überhaupt versteigert
Die Frequenzen gehören nicht den Telekomunternehmen. Sie sind eine knappe öffentliche Ressource, die der Staat zeitlich begrenzt zur Nutzung freigibt.
Die ComCom begründet die Neuvergabe mit zwei zentralen Zielen: Die Schweiz soll weiterhin über drei leistungsfähige Mobilfunknetze verfügen, gleichzeitig soll der Wettbewerb erhalten und möglichst gefördert werden.
Deshalb wird das Verfahren nicht nur für Swisscom, Sunrise und Salt geöffnet. Grundsätzlich können sich auch weitere Unternehmen bewerben, sofern sie die Voraussetzungen erfüllen. Die ComCom hat zudem Bietbeschränkungen vorgesehen, damit kein Anbieter einen übermässig grossen Teil des Spektrums aufkaufen kann.
Das Verfahren ist damit mehr als eine reine Geldauktion. Es geht auch um die Frage, wer in der Schweiz künftig über die knappen Frequenzen verfügen darf und unter welchen Bedingungen.
Die drei grossen Anbieter hätten lieber eine Verlängerung
Genau hier setzt die Kritik von Swisscom, Sunrise und Salt an. Die Unternehmen hätten sich nach eigenen Angaben eine Verlängerung der bestehenden Konzessionen gewünscht, statt die Frequenzen erneut versteigern zu lassen.
Ihr Argument: Die Betreiber haben in den vergangenen Jahren Milliarden in ihre Netze investiert. Eine Auktion schafft dagegen Unsicherheit darüber, welche Frequenzen ein Unternehmen künftig tatsächlich nutzen kann und zu welchem Preis.
Hinzu kommt die Höhe der Mindestpreise. Sunrise kritisiert beispielsweise, dass die hohen Startpreise Geld binden, das ansonsten für Netzausbau, Innovationen und neue Produkte zur Verfügung stehen könnte.
Die ComCom weist diesen Vorwurf zurück. Ihr gehe es ausdrücklich nicht darum, möglichst viel Geld für den Bund herauszuholen. Die höheren Mindestpreise begründet sie vielmehr mit der hohen Nachfrage nach bestimmten, besonders attraktiven Frequenzen.
Warum diese Frequenzen für uns überhaupt wichtig sind
Für Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzer klingt die Debatte zunächst abstrakt. Frequenzen sieht man nicht, man kann sie nicht anfassen – und doch hängen unsere täglichen Verbindungen davon ab.
Wenn das Smartphone mit einer Mobilfunkantenne kommuniziert, werden Daten über Funkfrequenzen übertragen. Welche Frequenzbereiche einem Betreiber zur Verfügung stehen, beeinflusst unter anderem, wie er sein Netz aufbaut und welche Kapazitäten er an bestimmten Standorten bereitstellen kann.
Gerade tiefere Frequenzen wie 800 oder 900 Megahertz können grosse Gebiete abdecken und sind deshalb auch für die Versorgung ausserhalb dicht besiedelter Regionen wichtig. Höhere Frequenzbereiche können wiederum grosse Datenmengen transportieren, haben aber andere Ausbreitungseigenschaften.
Die Frequenzvergabe ist deshalb ein Stück digitale Infrastrukturpolitik.
Werden die Handy-Abos jetzt teurer?
Das dürfte für die meisten Menschen die wichtigste Frage sein.
Die derzeitige Antwort lautet: eher nicht – zumindest nicht unmittelbar wegen der Auktion.
Nach Einschätzung von SRF dürften die Folgen für Kundinnen und Kunden überschaubar bleiben. Ein neuer Mobilfunkanbieter dürfte angesichts der enormen Kosten für Frequenzen und den Aufbau eines eigenen Netzes kaum in den Schweizer Markt eintreten. Auch bei den Preisen wird derzeit nicht mit einer direkten Folge der Auktion gerechnet.
Bemerkenswert ist zudem: Nach früheren Frequenzauktionen kam es laut SRF nicht zu allgemeinen Erhöhungen der Mobilfunk-Abopreise.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Anbieter die Kosten niemals an ihre Kundschaft weitergeben könnten. Swisscom, Sunrise und Salt stehen schliesslich im Wettbewerb und müssen ihre Investitionen finanzieren. Ob höhere Frequenzkosten letztlich auf die Preise durchschlagen, hängt deshalb auch davon ab, wie stark der Wettbewerb ist und welche Margen die Unternehmen erzielen können.
Das grössere Risiko liegt möglicherweise beim Netzausbau
Interessanter als die Frage nach dem nächsten Handy-Abo könnte deshalb eine andere sein: Was passiert mit dem Geld, das die Telekomunternehmen für die Frequenzen ausgeben müssen?
Jeder Franken, der für eine Konzession bezahlt wird, kann nicht gleichzeitig für einen anderen Zweck eingesetzt werden. Die Anbieter argumentieren deshalb, dass hohe Auktionskosten Investitionen in Netze, Innovationen und zusätzliche Kapazitäten erschweren könnten.
Gerade in der Schweiz ist das relevant. Der Netzausbau ist wegen der Topografie aufwendig. Zwischen Städten, Agglomerationen, Bergregionen und abgelegenen Tälern bestehen sehr unterschiedliche Voraussetzungen.
Die Branche fordert deshalb, dass bei der Frequenzvergabe nicht allein der Auktionserlös betrachtet wird, sondern auch der langfristige Nutzen für Bevölkerung und Wirtschaft.
Der Bund verfolgt eine andere Logik
Aus Sicht der ComCom geht es ebenfalls um den langfristigen Nutzen. Die Behörde will sicherstellen, dass die Frequenzen effizient genutzt werden und der Wettbewerb zwischen den bestehenden Anbietern erhalten bleibt.
Ein zentraler Punkt ist deshalb, dass nicht ein einzelnes Unternehmen den Grossteil des Spektrums erwerben kann. Die vorgesehenen Bietbeschränkungen sollen verhindern, dass sich die Marktstruktur durch die Auktion zulasten des Wettbewerbs verändert.
Damit stehen sich zwei Interessen gegenüber: Die Unternehmen wollen Planungssicherheit und möglichst tiefe Kosten. Der Staat will eine faire und wettbewerbsorientierte Vergabe einer knappen Ressource.
Es geht nicht nur um Swisscom, Sunrise und Salt
Die Ausschreibung könnte theoretisch auch einem neuen Anbieter die Tür öffnen. Praktisch sind die Hürden allerdings hoch.
Wer in der Schweiz ein eigenes Mobilfunknetz betreiben will, braucht nicht nur Frequenzen. Notwendig sind auch Antennenstandorte, Glasfaser- und andere Transportnetze, Rechenzentren, Technik, Personal und ein Kundenstamm.
Die Kosten für einen vollständigen Markteintritt wären entsprechend enorm. Deshalb gilt ein neuer vierter Netzbetreiber derzeit als wenig wahrscheinlich.
Für die Konsumentinnen und Konsumenten ist das eine wichtige Information: Die Auktion bedeutet nicht automatisch mehr Wettbewerb. Sie soll den Wettbewerb sichern – aber ob tatsächlich ein neuer Anbieter auftritt, ist eine ganz andere Frage.
Warum der Ausgang für die Schweiz trotzdem wichtig ist
Die Diskussion zeigt, wie grundlegend Mobilfunk inzwischen für die Schweizer Gesellschaft geworden ist. Das Smartphone ist längst nicht mehr nur ein Gerät zum Telefonieren. Bezahlen, Arbeiten, Navigation, Medienkonsum, Notfallkommunikation und zahlreiche Dienstleistungen hängen von funktionierenden mobilen Netzen ab.
Die Frequenzvergabe entscheidet deshalb indirekt mit darüber, wie leistungsfähig diese Infrastruktur in den kommenden 15 Jahren sein kann.
Für die Bevölkerung dürfte sich am nächsten Tag zunächst wenig ändern. Niemand muss wegen der Auktion sein Handy wechseln oder mit einem schlechteren Netz rechnen. Auch ein sprunghafter Anstieg der Abopreise ist derzeit nicht absehbar.
Langfristig ist die Frage aber wichtiger: Wie schafft die Schweiz den Spagat zwischen günstigen und leistungsfähigen Mobilfunknetzen, Investitionen der Unternehmen und einem fairen Wettbewerb?
Ein Milliardenstreit um etwas, das niemand sieht
Die Frequenzauktion wirkt auf den ersten Blick wie ein Streit zwischen dem Bund und drei grossen Telekomkonzernen. Dahinter steckt jedoch eine Frage, die alle betrifft.
Die Schweiz entscheidet, wer einen Teil der unsichtbaren Infrastruktur nutzen darf, auf der ein grosser Teil unseres digitalen Alltags beruht.
Die Unternehmen wollen dafür möglichst wenig bezahlen und langfristig planen können. Der Bund will eine transparente Vergabe, Wettbewerb und einen angemessenen Erlös für die knappe Ressource.
Für Herr und Frau Schweizer dürfte die Auktion deshalb weniger durch eine sofort höhere Handyrechnung spürbar werden. Entscheidend wird vielmehr sein, was danach mit den Netzen passiert: Wie schnell wird ausgebaut, wie leistungsfähig bleiben die Verbindungen – und wie viel Wettbewerb bleibt auf dem Schweizer Mobilfunkmarkt?
Die Antwort darauf fällt nicht mit dem Zuschlag 2027. Sie wird sich erst in den Jahren danach zeigen.
Quellen
- Bundesamt für Kommunikation (BAKOM) / Eidgenössische Kommunikationskommission (ComCom): Vergabe der ab 2029 verfügbaren Mobilfunkfrequenzen
- ComCom: Ausschreibung der 2029 freiwerdenden Mobilfunkfrequenzen vom 1. September 2026
- BAKOM: Mobilfunkfrequenzen für 5G in der Schweiz vergeben, 2019
- SRF: «Milliarden-Auktion – Swisscom, Sunrise und Salt gegen den Bund», 1. September 2026



