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KI-Rechenzentren: Die Schweiz baut – doch der grosse Stromboom kommt erst noch

Der Stromverbrauch steigt – doch KI ist in der Schweiz noch nicht der Haupttreiber.

KI Rechenzentren
Bild: open AI

In den USA werden Rechenzentren zunehmend zum lokalen Politikum. Wo neue Anlagen für künstliche Intelligenz entstehen sollen, geht es längst nicht mehr nur um Arbeitsplätze und technologische Wettbewerbsfähigkeit. Anwohner sorgen sich um Stromverbrauch, Wasserbedarf, Landschaft und die Belastung lokaler Infrastrukturen.

Die Entwicklung ist bemerkenswert, weil Rechenzentren lange als unsichtbare Infrastruktur der Digitalisierung galten. Heute werden sie zu Grossprojekten, deren Dimensionen mit Industrieanlagen vergleichbar sind. Besonders die stark wachsende Nachfrage nach Rechenleistung für künstliche Intelligenz beschleunigt diese Entwicklung.

Auch die Schweiz bleibt davon nicht verschont. Neue Anlagen entstehen oder werden geplant, und einzelne Projekte erreichen Dimensionen, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wären.

Doch die Schweizer Zahlen erzählen eine etwas andere Geschichte als die internationale KI-Debatte.

2,1 Terawattstunden für Rechenzentren

Eine im Mai 2026 veröffentlichte Studie im Auftrag des Bundesamtes für Energie (BFE) beziffert den Stromverbrauch der Schweizer Rechenzentren im Jahr 2024 auf knapp 2,1 Terawattstunden (TWh). Das entspricht rund 3,6 Prozent des gesamten Schweizer Stromverbrauchs.

Der Wert ist deutlich höher als noch einige Jahre zuvor. Bei gleicher Systemgrenze lag der Verbrauch 2019 bei rund 1,77 TWh beziehungsweise 3,1 Prozent des damaligen Stromverbrauchs. Damit ist der Verbrauch der Rechenzentren zwischen 2019 und 2024 um rund 18 Prozent gestiegen.

Die wichtigsten Zahlen:

  • 2024: rund 2,1 TWh Stromverbrauch
  • Anteil am Schweizer Stromverbrauch: rund 3,6 Prozent
  • 2019: rund 1,77 TWh bei gleicher Systemgrenze
  • Wachstum 2019–2024: rund 18 Prozent
  • Prognose 2030: 2,5 bis 3,2 TWh
  • Maximalszenario: bis zu 3,5 TWh

Das Wachstum ist damit real. Von einem explosionsartigen Anstieg kann bei Betrachtung der vergangenen fünf Jahre allerdings nicht gesprochen werden.

Die überraschende Zahl: KI ist heute noch nicht der Haupttreiber

Genau hier unterscheidet sich die Schweizer Situation von der internationalen Debatte. Obwohl künstliche Intelligenz weltweit einen enormen Bedarf an Rechenleistung erzeugt, spielt KI beim heutigen Stromverbrauch der Schweizer Rechenzentren laut BFE noch eine untergeordnete Rolle.

Der Grund ist strukturell: Die Schweiz verfügt bislang nicht über grosse Rechenzentren, die auf das Training von Large Language Models – also grossen Sprachmodellen – ausgelegt sind. Solche Anlagen können Leistungen von mehreren hundert Megawatt erreichen.

Stattdessen wird ein grosser Teil der Schweizer Rechenzentrumsinfrastruktur weiterhin für klassische Cloud-Anwendungen, Colocation, Unternehmens-IT und andere digitale Dienstleistungen genutzt.

Das bedeutet nicht, dass KI für die Schweizer Rechenzentren unwichtig wäre. Im Gegenteil: Die Nachfrage nach KI-Rechenleistung könnte in den kommenden Jahren zu einem zusätzlichen Wachstumstreiber werden. Nur ist dieser Effekt in den aktuellen Schweizer Verbrauchszahlen noch nicht der dominante Faktor.

Ein grosser Teil des bisherigen Wachstums hängt vielmehr mit der zunehmenden Verlagerung von IT-Anwendungen in die Cloud und mit dem Ausbau kommerzieller Rechenzentren zusammen.

Cloud statt Serverraum

Hinter dem steigenden Stromverbrauch steckt damit auch eine Veränderung der Schweizer Unternehmenslandschaft.

Unternehmen betreiben ihre IT immer seltener vollständig selbst. Anwendungen, Daten und Rechenleistungen werden zunehmend an spezialisierte Anbieter, Colocation-Rechenzentren und Cloud-Dienste ausgelagert.

Dadurch verschiebt sich der Stromverbrauch: Was früher im eigenen Serverraum eines Unternehmens anfiel, wird heute zunehmend in einem professionellen Rechenzentrum verbraucht.

Diese Entwicklung erklärt auch, weshalb der Verbrauch kommerzieller Rechenzentren deutlich zugenommen hat, während der Stromverbrauch vieler unternehmensinterner Rechenzentren stagniert oder zurückgeht.

Fast 40 Prozent Effizienzpotenzial

Gleichzeitig sieht das BFE noch erhebliches Potenzial, den zusätzlichen Strombedarf zu begrenzen.

Die Studie schätzt das verbleibende Energieeffizienzpotenzial der Schweizer Rechenzentren auf rund 0,8 TWh pro Jahr. Das entspricht fast 38 Prozent des heutigen Stromverbrauchs der Branche.

Potenzial besteht sowohl bei der IT-Ausstattung als auch bei der Gebäudeinfrastruktur, etwa bei Kühlung und Energieversorgung.

Damit ergibt sich eine wichtige politische Frage: Wie stark muss die Schweiz ihre Stromproduktion und Netzinfrastruktur für zusätzliche Rechenzentren ausbauen – und wie viel Wachstum lässt sich durch effizientere Anlagen auffangen?

Die Antwort ist auch deshalb relevant, weil Rechenzentren nicht nur dort Strom benötigen, wo sie gebaut werden. Grosse Anlagen stellen hohe Anforderungen an Netzanschlüsse und können regionale Infrastrukturprojekte notwendig machen.

Bis 2030 könnte der Verbrauch deutlich steigen

Dass der heutige Verbrauch noch nicht das Ende der Entwicklung darstellt, zeigt der Blick auf die Prognosen.

Das BFE erwartet für 2030 einen Stromverbrauch der Schweizer Rechenzentren von etwa 2,5 bis 3,2 TWh. In einem maximalen Szenario könnte der Verbrauch sogar auf rund 3,5 TWh steigen.

Das wären rund 6 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs von 2024.

Die Prognose ist allerdings keine Vorhersage eines bestimmten Verlaufs. Sie zeigt vielmehr, in welchem Bereich sich der Verbrauch entwickeln könnte, wenn sich die Nachfrage und der Ausbau entsprechend fortsetzen.

Gerade die weitere Entwicklung der KI könnte dabei an Bedeutung gewinnen. Denn leistungsintensive KI-Anwendungen benötigen erheblich mehr Rechenleistung als viele klassische Cloud-Dienste.

In Laufenburg entsteht eine andere Grössenordnung

Wie gross die nächste Generation von Rechenzentren werden könnte, zeigt ein Projekt im aargauischen Laufenburg.

Dort baut FlexBase das Technologiezentrum Laufenburg. Bestandteil des Projekts ist ein hochleistungsfähiges KI-Rechenzentrum. Laut Projektangaben soll die Anlage im Endausbau technisch eine Leistung von bis zu 480 Megawatt abrufen können.

Zum Projekt gehört ausserdem ein grosser Redox-Flow-Batteriespeicher. Dieser soll eine Speicherkapazität von mehr als 1,6 Gigawattstunden und eine Leistung von mehr als 800 Megawatt erreichen.

Wichtig: Leistung ist nicht Speicherkapazität.

Die bis zu 480 MW beziehen sich auf die mögliche elektrische Leistung des KI-Rechenzentrums. Die mehr als 1,6 GWh des Batteriespeichers beschreiben dagegen die gespeicherte Energiemenge. Die mehr als 800 MW des Speichers beziehen sich wiederum auf dessen mögliche Leistung.

Das Projekt zeigt damit, in welche Dimensionen die Verbindung von KI-Infrastruktur und Energieversorgung vorstossen kann. FlexBase plant zudem eine Wasserkühlung und die Nutzung der Abwärme für ein Fernwärmenetz.

Die Bauarbeiten sind inzwischen weit fortgeschritten. Anfang September 2026 teilte FlexBase mit, dass die umfangreichen Aushubarbeiten abgeschlossen seien und nun der Hochbau beginne. Das Unternehmen hatte die vollständige Inbetriebnahme des Technologiezentrums ursprünglich für Sommer 2028 angekündigt.

Beringen zeigt: Der Konflikt ist bereits da

Während Laufenburg vor allem die technologische Dimension der Entwicklung zeigt, macht Beringen im Kanton Schaffhausen deutlich, welche Fragen vor Ort entstehen können.

In Beringen baut Stack Infrastructure ein grosses Rechenzentrum. Die Anlage soll im Endausbau eine elektrische Leistung von rund 30 bis 36 Megawatt erreichen, je nach zugrunde gelegter Planungsstufe.

Besonders kontrovers ist der Wasserbedarf. Die Gemeinde Beringen rechnet mit einem Kühlwasserbedarf von rund 55'000 Kubikmetern pro Jahr. Ursprünglich war sogar ein deutlich höherer Bedarf von 300'000 bis 400'000 Kubikmetern pro Jahr angefragt worden. Nach einer Überarbeitung des Kühlkonzepts konnte dieser Wert laut Gemeinde um rund 86 Prozent reduziert werden.

Die Gemeinde hält fest, dass die vorhandene Wasserversorgung den aktuell erwarteten Bedarf grundsätzlich abdecken könne. Gleichzeitig ist im Wasserliefervertrag geregelt, wie viel Wasser zur Verfügung gestellt werden kann; die Versorgungssicherheit der Bevölkerung hat Vorrang.

Das Thema sorgt dennoch für politischen und gesellschaftlichen Widerstand. Im Juli 2026 protestierten Aktivisten gegen das Rechenzentrum und kritisierten insbesondere dessen Strom- und Wasserbedarf. Ende August wurde Beringen zudem erneut zum Schauplatz einer breiteren Debatte über die Auswirkungen grosser Rechenzentren.

Der Fall zeigt: Die Diskussion über Rechenzentren ist längst nicht mehr nur eine Frage der Digitalisierung. Es geht auch um Wasser, Stromnetze, Raumplanung und die Frage, welchen Nutzen solche Anlagen einer Region bringen.

Strom ist nicht das einzige Problem

Bei der Planung grosser Rechenzentren stehen deshalb mehrere Ressourcen gleichzeitig im Mittelpunkt.

Stromversorgung

Hochleistungsrechenzentren benötigen grosse und möglichst stabile Strommengen. Je höher die Leistung einer Anlage, desto wichtiger werden Netzanschluss, Netzkapazität und die Frage, wer für notwendige Infrastruktur bezahlt.

Kühlung und Wasser

Server erzeugen grosse Mengen Wärme. Diese muss kontinuierlich abgeführt werden. Je nach Kühltechnologie kann dafür erheblich Wasser benötigt werden. Der konkrete Verbrauch hängt unter anderem von der Konstruktion des Rechenzentrums, dem Kühlsystem und den klimatischen Bedingungen ab.

Abwärme

Gleichzeitig entsteht aus Sicht der Energieplanung eine interessante Möglichkeit: Die Wärme, die beim Betrieb der Server anfällt, könnte für Gebäude, Industrie oder Fernwärmenetze genutzt werden.

In der Praxis ist das allerdings nicht automatisch möglich. Es braucht geeignete Abnehmer, Leitungsnetze und eine zeitlich passende Nachfrage. Ein Rechenzentrum kann deshalb zwar kontinuierlich Wärme produzieren, aber nicht jede Region kann diese Wärme sinnvoll verwenden.

Die Schweiz muss nicht vor der KI davonlaufen – aber sie muss vorausplanen

Die aktuellen Zahlen geben keinen Anlass, den Schweizer Rechenzentrumsmarkt als akute Stromkrise darzustellen. Mit rund 3,6 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs ist der Anteil relevant, aber noch weit entfernt von einer Situation, in der Rechenzentren das Schweizer Stromsystem dominieren würden.

Gleichzeitig wäre es falsch, die Entwicklung zu unterschätzen. Die Branche wächst, einzelne Neubauten erreichen eine völlig andere Grössenordnung als frühere Anlagen, und der weltweite Ausbau von KI-Infrastruktur könnte die Nachfrage nach Rechenleistung weiter erhöhen.

Genau deshalb dürfte die entscheidende Frage nicht lauten, ob die Schweiz Rechenzentren zulassen oder verhindern soll.

Die entscheidende Frage ist vielmehr, unter welchen Bedingungen sie gebaut werden.

Dazu gehören transparente Angaben zum Strom- und Wasserbedarf, eine frühzeitige Abstimmung mit der Netzinfrastruktur, möglichst effiziente Kühlung und verbindliche Konzepte für die Nutzung von Abwärme. Ebenso stellt sich die Frage, welchen wirtschaftlichen und infrastrukturellen Nutzen eine Region von einem Grossprojekt tatsächlich hat.

Der grosse KI-Stromschub könnte noch bevorstehen

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der neuen BFE-Studie liegt deshalb nicht allein in den 2,1 TWh Stromverbrauch.

Sie liegt in der Kombination aus zwei Entwicklungen: Die Schweizer Rechenzentren verbrauchen bereits viel Strom – aber der heutige Verbrauch wird noch nicht hauptsächlich durch KI bestimmt.

Das könnte sich ändern.

Wenn grosse KI-Rechenzentren tatsächlich in der Schweiz Fuss fassen, könnte sich die Dynamik deutlich verändern. Projekte wie jenes in Laufenburg zeigen bereits, welche Leistungsklassen technisch möglich sind.

Noch ist die Schweiz von einem flächendeckenden KI-Stromboom weit entfernt. Doch die Infrastruktur dafür entsteht bereits.

Für Politik, Energieversorger und Gemeinden bedeutet das: Wer erst reagiert, wenn die grossen Rechenzentren am Netz sind, reagiert möglicherweise zu spät.

Die Schweiz hat deshalb weniger ein akutes KI-Stromproblem als eine Planungsaufgabe. Sie muss entscheiden, wie viel digitale Infrastruktur sie künftig will – und welche Bedingungen für deren Strom-, Wasser- und Wärmeverbrauch gelten sollen.

Auf einen Blick

  • Schweizer Rechenzentren verbrauchten 2024 rund 2,1 TWh Strom.
  • Das entspricht rund 3,6 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs.
  • Seit 2019 ist der Verbrauch bei vergleichbarer Systemgrenze um rund 18 Prozent gestiegen.
  • KI spielt beim heutigen Schweizer Stromverbrauch der Rechenzentren laut BFE noch eine untergeordnete Rolle.
  • Bis 2030 werden 2,5 bis 3,2 TWh erwartet; im Maximalszenario bis zu 3,5 TWh.
  • Das geschätzte Effizienzpotenzial liegt bei rund 0,8 TWh.
  • In Laufenburg entsteht ein KI-Rechenzentrum mit einer geplanten Leistung von bis zu 480 MW.
  • In Beringen werden rund 55'000 m³ Kühlwasser pro Jahr erwartet.

Quellen

Bundesamt für Energie (BFE): «Rechenzentren in der Schweiz: Stromverbrauch und Effizienzpotenziale», 7. Mai 2026.

FlexBase Group: Angaben zum Technologiezentrum Laufenburg und zum KI-Rechenzentrum.

Gemeinde Beringen: Beantwortung der Interpellation «Wasserverbrauch Datencenter in Beringen».

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF): Berichterstattung zu den Rechenzentren in Beringen, 2026.

Keystone-SDA / Swissinfo: Berichterstattung zu Protesten gegen das Rechenzentrum in Beringen, Juli 2026.

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