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Macht der Klimawandel Flüge über der Schweiz turbulenter?

Internationale Studien zeigen zunehmende Clear-Air-Turbulenzen. Für die Schweiz gibt es zwar Vorfalldaten – ob sich darin bereits ein Klimatrend zeigt, ist jedoch offen.

Klimawandel Flüg
Bild: openAi

Turbulenzen sind in der Schweiz längst messbar

Die Aussage, für die Schweiz gebe es überhaupt keine Zahlen zu Turbulenzen, wäre falsch. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) erfasst Meldungen zu Windscherungen und Turbulenzen.

2023 wurden 6,0 entsprechende Ereignisse pro 10'000 Flugbewegungen registriert. Zum Vergleich: 2021 waren es 6,1, 2022 lag der Wert bei 5,6. Die Zahlen bewegen sich damit über diesen Zeitraum auf einem ähnlichen Niveau.

Auch die Verteilung ist aufschlussreich: Rund 98 Prozent der Meldungen kamen 2023 aus dem kommerziellen Luftverkehr. Rund 65 Prozent der Ereignisse ereigneten sich während Anflug und Landung, 31 Prozent im Reiseflug.

Diese Daten zeigen, dass Turbulenzen und Windscherungen in der Schweizer Luftfahrt systematisch erfasst werden. Sie beantworten aber noch nicht die entscheidende Frage nach dem Klimawandel.

Eine stabile Zahl bedeutet nicht automatisch: kein Klimawandel

Ein Vergleich von Meldungen pro 10'000 Flügen kann zeigen, ob sich die Zahl gemeldeter Ereignisse verändert. Für eine Aussage über den Klimawandel reicht diese Statistik allein jedoch nicht aus.

Dafür müsste untersucht werden, welche Arten von Turbulenzen auftreten, in welcher Flughöhe sie entstehen, wie stark sie sind und unter welchen Wetterbedingungen sie vorkommen. Gleichzeitig müsste berücksichtigt werden, dass sich Flugrouten, Flugbewegungen, Messmethoden und Meldeverhalten über die Jahre verändern können.

Genau hier liegt die wissenschaftliche Herausforderung: Ein kurzfristiger Anstieg der Turbulenzen ist noch kein Beweis für eine langfristige klimatische Veränderung.

Besonders interessant sind Clear-Air-Turbulenzen

Für die Klimaforschung besonders relevant sind sogenannte Clear-Air-Turbulenzen, kurz CAT. Sie treten in grosser Höhe auf und sind nicht zwingend mit sichtbaren Wolken oder Gewittern verbunden.

Eine wichtige Rolle spielen dabei starke Windgradienten und die Jetstreams. Treffen unterschiedliche Luftmassen und Windgeschwindigkeiten aufeinander, können instabile Strömungen entstehen. Für ein Verkehrsflugzeug kann daraus plötzlich eine deutlich spürbare Turbulenz werden.

Für die Passagiere ist das vor allem deshalb unangenehm, weil eine Clear-Air-Turbulenz nicht immer frühzeitig mit blossem Auge erkennbar ist. Das Flugzeug selbst wird dadurch allerdings nicht automatisch in eine gefährliche Situation gebracht.

Internationale Forschung findet einen deutlichen Trend

International ist die Forschung inzwischen weiter als noch vor einigen Jahren. Eine viel beachtete Studie untersuchte die Entwicklung der Clear-Air-Turbulenz zwischen 1979 und 2020.

Über einem Referenzgebiet im Nordatlantik nahm die Dauer leichter oder stärkerer Clear-Air-Turbulenzen in diesem Zeitraum um 17 Prozent zu. Bei moderaten oder stärkeren Turbulenzen betrug der Anstieg 37 Prozent. Besonders starke Turbulenzen nahmen sogar um 55 Prozent zu.

Auch über den kontinentalen USA wurden steigende Werte festgestellt. Die Autoren sehen die Ergebnisse als deutlichen Hinweis darauf, dass Clear-Air-Turbulenzen in mehreren wichtigen Flugregionen bereits zugenommen haben.

Wichtig: Diese Ergebnisse lassen sich nicht einfach auf die Schweiz übertragen. Ein globaler oder nordatlantischer Trend ist kein Beweis dafür, dass auch der Schweizer Luftraum im gleichen Ausmass betroffen ist.

Auch die ETH untersucht das Phänomen

Schweizer Forschung trägt inzwischen ebenfalls dazu bei, besser zu verstehen, wie Clear-Air-Turbulenzen entstehen.

Eine 2025 veröffentlichte Studie unter Beteiligung der ETH Zürich analysierte 4'880 Ereignisse mit moderater oder stärkerer Clear-Air-Turbulenz aus den Jahren 2019 bis 2022. Die Forscher kombinierten Messungen von Verkehrsflugzeugen mit meteorologischen Reanalysedaten.

Die Untersuchung zeigt unter anderem, dass unterschiedliche Wetterlagen verschiedene Arten von Clear-Air-Turbulenzen begünstigen. Eine wichtige Rolle spielen grossräumige atmosphärische Strukturen, starke horizontale Verformungen der Luftströmung und Prozesse im Umfeld von Warmfrontsystemen.

Die Studie untersucht jedoch die nördliche Hemisphäre und ist keine Messreihe des Schweizer Luftraums. Auch deshalb lässt sich daraus nicht ableiten, dass Schweizer Flüge heute häufiger turbulenter sind als früher.

Klimawandel Flüg
Symbolbild · Bild: openAi

Warum die Schweiz besonders schwierig zu beurteilen ist

Die Schweiz hat eine Besonderheit: die Alpen.

Gebirge können Luftströmungen erheblich verändern. Dazu kommen Föhnlagen, Gewitter, starke Höhenwinde, Jetstreams und andere meteorologische Prozesse. Turbulenzen können deshalb aus sehr unterschiedlichen Gründen entstehen.

Eine langfristige Klimaanalyse müsste diese natürlichen Schwankungen von einem möglichen Klimasignal unterscheiden.

Ein einzelnes turbulentes Jahr wäre deshalb ebenso wenig ein Beweis für den Klimawandel wie ein Jahr mit besonders ruhigen Flügen ein Beweis gegen ihn.

Mehr Turbulenzen bedeuten nicht automatisch mehr Unfälle

Für Passagiere ist eine wichtige Unterscheidung entscheidend: Turbulenz und Gefahr sind nicht dasselbe.

Das BAZL weist darauf hin, dass Turbulenzen für die Flugzeugstruktur normalerweise kein kritisches Problem darstellen. Das grössere Risiko besteht für Menschen an Bord, wenn sie nicht angeschnallt sind.

Deshalb gilt eine einfache Regel unabhängig davon, ob sich der Klimawandel auf die Turbulenzhäufigkeit auswirkt: Der Sicherheitsgurt sollte auch während des Reiseflugs möglichst angelegt bleiben.

Was sich für den Flugbetrieb ändern könnte

Sollte sich künftig bestätigen, dass bestimmte Formen von Turbulenzen häufiger oder stärker werden, könnte dies Auswirkungen auf den Flugbetrieb haben.

Fluggesellschaften könnten Routen und Flughöhen stärker anpassen, Wetterprognosen und Turbulenzmodelle weiterentwickeln und bestimmte Gebiete häufiger umfliegen. Auch die Flugplanung könnte dadurch aufwendiger werden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Flüge künftig grundsätzlich gefährlicher werden. Die Luftfahrt verfügt bereits heute über Verfahren, Wetterdaten und technische Systeme, um auf schwierige Bedingungen zu reagieren.

Verspätungen sind eine andere Frage

Auch die häufige Vermutung, mehr Turbulenzen würden automatisch zu mehr Verspätungen führen, lässt sich für die Schweiz derzeit nicht seriös beziffern.

Turbulenzen können dazu führen, dass ein Flugzeug seine Flughöhe oder Route verändert. Für eine Verspätung sind jedoch viele andere Faktoren entscheidend: Gewitter, Nebel, Schneefall, starke Winde, Kapazitätsengpässe an Flughäfen, technische Probleme oder Einschränkungen im europäischen Luftraum.

Eine Schweizer Statistik, die den Anteil der Verspätungen eindeutig den Turbulenzen zuordnet und gleichzeitig einen langfristigen Klimatrend abbildet, liegt derzeit nicht vor.

Was die Daten heute tatsächlich sagen

Die Faktenlage lässt sich deshalb in drei Ebenen aufteilen.

Was wir wissen

  • Turbulenzen und Windscherungen werden im Schweizer Luftverkehr erfasst.
  • Das BAZL veröffentlicht entsprechende Vorfalldaten.
  • Clear-Air-Turbulenzen können ohne sichtbare Wolken auftreten.
  • Internationale Studien zeigen in mehreren Regionen zunehmende Clear-Air-Turbulenz.
  • Schweizer beziehungsweise ETH-Forschung untersucht die physikalischen Ursachen des Phänomens.

Was wir noch nicht wissen

  • Ob Clear-Air-Turbulenzen über der Schweiz langfristig häufiger werden.
  • Ob sie im Schweizer Luftraum stärker werden.
  • Wie gross der Anteil des Klimawandels gegenüber natürlichen Schwankungen ist.
  • Ob daraus in der Schweiz messbar mehr Flugverspätungen entstehen.

Die entscheidende Datenreihe fehlt noch

Für eine belastbare Antwort müsste eine langfristige Schweizer Zeitreihe mehrere Datenquellen miteinander verbinden: Turbulenzmessungen aus Flugzeugen, meteorologische Beobachtungen, Höhenwinddaten, Wettermodelle und Flugbewegungen.

Erst dadurch liesse sich unterscheiden, ob eine Veränderung tatsächlich mit dem Klimawandel zusammenhängt oder beispielsweise durch veränderte Flugrouten, Wetterlagen oder das Meldeverhalten verursacht wird.

Genau deshalb wäre es voreilig, bereits heute von einem «turbulenteren Schweizer Luftraum» zu sprechen.

Die Antwort lautet derzeit: möglich, aber für die Schweiz nicht bewiesen

Die Forschung liefert inzwischen deutliche Hinweise darauf, dass Clear-Air-Turbulenzen in mehreren Regionen der Welt zugenommen haben. Der Klimawandel gilt dabei als wichtiger Faktor, weil Veränderungen von Temperaturunterschieden und atmosphärischen Strömungen die Bedingungen für bestimmte Turbulenzarten verändern können.

Für die Schweiz ist die Situation komplizierter. Es gibt Messungen und Meldedaten, doch sie zeigen bislang keinen eindeutig belegten langfristigen Klimatrend. Die Alpen, unterschiedliche Wetterlagen und Veränderungen im Flugverkehr machen eine eindeutige Zuordnung schwierig.

Die Aussage «Der Klimawandel macht Schweizer Flüge turbulenter» wäre deshalb heute zu weitgehend. Genauso falsch wäre aber die Behauptung, es gebe dafür keinerlei wissenschaftliche Hinweise.

Der aktuelle Stand der Forschung ist nüchterner: Weltweit gibt es zunehmend Hinweise auf mehr Clear-Air-Turbulenzen. Ob dieser Trend auch den Schweizer Luftraum erreicht hat, muss eine langfristige Auswertung noch zeigen.

Quellen

  • Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL): Windscherung und Turbulenz
  • Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL): Jahresbericht Flugbetrieb 2025
  • ETH Zürich / Weather and Climate Dynamics: Clear-Air Turbulence, 2025
  • Prosser et al.: Evidence for Large Increases in Clear-Air Turbulence Over the Past Four Decades, Geophysical Research Letters, 2023
  • MeteoSchweiz: Grundlagen und Entstehung von Turbulenzen

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