Obdachlosigkeit: Was Grossbritannien anders macht – und was die Schweiz daraus lernen kann
Grossbritannien will Obdachlosigkeit bekämpfen – was kann die Schweiz daraus lernen?

Obdachlosigkeit ist in der Schweiz weniger sichtbar als in vielen Grossstädten Europas. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Problem klein ist. Eine aktuelle Entwicklung in Grossbritannien wirft deshalb eine Frage auf, die auch die Schweiz betrifft: Was passiert, wenn Wohnraum knapp und teuer wird und Menschen ihre Wohnung nicht mehr bezahlen können?
Burnham will Obdachlosigkeit bis Weihnachten bekämpfen
Der neue britische Premierminister Andy Burnham hat ein ehrgeiziges Ziel ausgegeben. Menschen, die auf der Strasse schlafen und Hilfe benötigen, sollen bis Weihnachten einen Weg von der Strasse erhalten. Die Regierung stellt dafür ein Paket von 442 Millionen Pfund bereit.
Burnham setzt dabei nicht allein auf Notunterkünfte. Die Regierung will Menschen langfristig in stabile Wohnverhältnisse bringen und gleichzeitig die Unterstützung für besonders gefährdete Personen ausbauen.
Doch die aktuellen Zahlen zeigen, wie schwierig das Vorhaben ist.
In England steigt das Problem wieder
Nach den offiziellen britischen Zahlen schliefen im Juni 2026 in England geschätzt 8748 Menschen irgendwann im Laufe des Monats auf der Strasse. Das waren 16 Personen mehr als im Juni 2025 und damit ein Rekord für diesen Monat.
Betrachtet man nur eine einzelne Nacht, wurden im Juni 2026 rund 3980 Menschen gezählt. Das waren drei Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Diese Zahlen zeigen zugleich, warum eine einzelne Momentaufnahme das Problem nur unvollständig abbildet. Mehr als doppelt so viele Menschen waren im Laufe des Monats zumindest zeitweise auf der Strasse, als an einem einzelnen Stichtag festgestellt wurden.
Noch grösser ist das Problem unter dem Dach
Besonders aufschlussreich ist ein anderer Wert: Ende März 2026 lebten in England 135'580 Haushalte in temporären Unterkünften. Das war ein neuer Höchststand. Darunter befanden sich 86'460 Haushalte mit Kindern.
Das zeigt einen wichtigen Unterschied: Obdachlosigkeit besteht nicht nur aus Menschen, die sichtbar auf der Strasse schlafen. Viele Betroffene leben vorübergehend in Notunterkünften, Hotels oder anderen Übergangslösungen.
Das eigentliche Problem kann deshalb wesentlich grösser sein als die Zahl der Menschen, die auf der Strasse sichtbar werden.

Und wie sieht es in der Schweiz aus?
Die Schweiz verfügt bis heute nicht über eine laufende gesamtschweizerische Statistik zur Obdachlosigkeit. Eine vom Bundesamt für Wohnungswesen in Auftrag gegebene Studie der Hochschule für Soziale Arbeit Nordwestschweiz kam 2022 jedoch zu einer Schätzung von rund 2200 obdachlosen Menschen.
Weitere rund 8000 Menschen galten als vom Wohnungsverlust bedroht. Die Untersuchung beruhte unter anderem auf Befragungen von Kantonen und Gemeinden. Die Autoren wiesen gleichzeitig darauf hin, dass die Datenlage unzureichend sei und ein nationales Monitoring fehle.
Diese Zahlen sind inzwischen mehrere Jahre alt. Sie dürfen deshalb nicht als aktuelle Bestandsaufnahme verstanden werden. Sie zeigen aber, dass Obdachlosigkeit auch in der Schweiz ein messbares gesellschaftliches Problem ist.
Zürich zählt inzwischen regelmässig
Wie gross die Unterschiede zwischen einzelnen Regionen sind, zeigt Zürich. Die Stadt führt seit 2024 gemeinsam mit dem Sozialwerk Pfarrer Sieber zweimal jährlich Stichtagszählungen durch.
Bei den bisherigen Erhebungen hielten sich in Zürich im Winter durchschnittlich etwa 200 obdachlose Menschen auf, im Sommer rund 125. Gezählt werden sowohl Personen im öffentlichen Raum als auch Menschen in entsprechenden sozialen Einrichtungen.
Gleichzeitig verfügt Zürich über ein breites Netz von Notschlafstellen und weiteren Angeboten. Die Stadt verfolgt zudem einen Ansatz, der international zunehmend an Bedeutung gewinnt: Housing First.
Erst die Wohnung, dann die weiteren Probleme
Beim Housing-First-Modell erhalten langzeitobdachlose Menschen zuerst eine eigene Wohnung. Die soziale Unterstützung folgt nicht erst nach einer erfolgreichen Stabilisierung, sondern begleitet die Betroffenen von Beginn an.
In Zürich läuft seit 2024 ein dreijähriges Pilotprojekt. Eine externe Evaluation kommt zu insgesamt positiven Ergebnissen. Gleichzeitig zeigt sich eine zentrale Schwierigkeit: Geeignete Wohnungen auf dem freien Markt zu finden, ist schwierig.
Damit stösst die Obdachlosenhilfe an eine Grenze, die auch Grossbritannien kennt: Wer keine bezahlbare Wohnung findet, kann nur schwer dauerhaft von der Strasse oder aus einer Notunterkunft wegkommen.
Treibt die Inflation Menschen aus ihren Wohnungen?
Damit stellt sich die Frage nach den Ursachen. Steigende Mieten, höhere Energie- und Lebenshaltungskosten und sinkende Kaufkraft können Haushalte stärker unter Druck setzen. Besonders gefährdet sind Menschen, die bereits mit tiefen Einkommen, Schulden oder anderen Problemen leben.
Auch Arbeitslosigkeit kann das Risiko eines Wohnungsverlusts erhöhen, weil mit dem Einkommen plötzlich ein wesentlicher Teil der finanziellen Grundlage wegfällt.
Doch daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, dass steigende Inflation oder höhere Mieten direkt zu mehr Obdachlosigkeit führen. Dafür fehlen in der Schweiz vergleichbare Zeitreihen, die Wohnkosten, Einkommen, Arbeitslosigkeit, Mietrückstände und tatsächliche Wohnungslosigkeit über längere Zeit miteinander verbinden.
Die mögliche Verbindung ist plausibel – statistisch ausreichend belegt ist sie für die Schweiz derzeit nicht.
Grossbritannien zeigt ein Warnsignal
Gerade deshalb ist die Entwicklung in Grossbritannien interessant. Dort lässt sich das Problem wesentlich detaillierter beobachten. Die aktuellen Zahlen zeigen gleichzeitig zwei Entwicklungen: Die Zahl der Menschen, die auf der Strasse schlafen, bleibt hoch – und die Zahl der Haushalte in temporären Unterkünften erreicht Rekordwerte.
Das spricht dafür, Obdachlosigkeit nicht isoliert zu betrachten. Wer erst dann reagiert, wenn Menschen auf der Strasse schlafen, greift möglicherweise zu spät ein.
Frühere Hilfe bei Mietrückständen, Schuldproblemen oder drohendem Wohnungsverlust könnte verhindern, dass aus einer finanziellen Krise tatsächlich Wohnungslosigkeit wird.
Macht die Schweiz dieselben Fehler?
Von einem direkten Vergleich kann keine Rede sein. Die politischen Systeme, der Wohnungsmarkt und die Sozialhilfe unterscheiden sich deutlich. Auch die britischen Zahlen beziehen sich hier auf England und sind deshalb nicht direkt mit Schweizer Zahlen vergleichbar.
Trotzdem gibt es eine Gemeinsamkeit: Bezahlbarer Wohnraum ist ein entscheidender Teil der Lösung.
Die Schweizer Bundesstudie von 2022 empfahl bereits eine bessere Datengrundlage, ein Monitoring und eine Strategie für Wohnraum und Unterstützung. Mehrere Jahre später gibt es zwar lokale Erhebungen und neue Ansätze wie Housing First, aber weiterhin keine laufende nationale Statistik.
Die Schweiz weiss zu wenig über das eigene Problem
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus dem Vergleich. Grossbritannien kann inzwischen monatlich zeigen, wie viele Menschen neu auf der Strasse landen, wie viele zurückkehren und wie viele langfristig betroffen sind.
In der Schweiz kennen wir dagegen eine ältere nationale Schätzung und einzelne lokale Erhebungen. Wie sich die Zahl der Betroffenen seit 2022 entwickelt hat, lässt sich deshalb nicht zuverlässig sagen.
Damit bleibt auch die Frage offen, wie stark steigende Wohnkosten, Kaufkraftverlust oder Arbeitslosigkeit tatsächlich zur Wohnungslosigkeit beitragen.
Fazit
Grossbritannien versucht, mit viel Geld und einem klaren politischen Ziel Menschen von der Strasse zu holen. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Zahlen, wie schwierig das ist.
Für die Schweiz lautet die Lehre nicht, dass ein britisches Modell einfach übernommen werden sollte. Viel wichtiger wäre, früher und genauer zu wissen, wie sich Wohnungslosigkeit entwickelt und wer besonders gefährdet ist.
Denn wenn Menschen ihre Wohnung erst einmal verloren haben, wird die Lösung deutlich schwieriger. Eine wirksame Wohnungspolitik beginnt deshalb möglicherweise nicht auf der Strasse, sondern dort, wo der Verlust der Wohnung noch verhindert werden kann.
Quellen
UK Government: Rough Sleeping Data Framework, April bis Juni 2026
UK Government: Statutory Homelessness in England, Januar bis März 2026
UK Government: Nationaler Plan von Premierminister Andy Burnham gegen rough sleeping
Bundesamt für Wohnungswesen: Studie «Obdachlosigkeit in der Schweiz»
Stadt Zürich: Stichtagszählungen und Obdachlosenhilfe
Stadt Zürich: Pilotprojekt Housing First



