
Der Brief wird zum Verlustgeschäft – Pakete halten den Postmarkt in Bewegung
Digitalisierung und Onlinehandel verschieben die Gewichte im Schweizer Zustellmarkt
Die Schweiz verschickt weniger Briefe, bestellt aber mehr Pakete. Was im Alltag banal klingt, verändert die wirtschaftliche Grundlage des gesamten Postsystems. 2025 erzielte der Schweizer Postmarkt mit rund 2,5 Milliarden Sendungen einen Umsatz von 4,3 Milliarden Franken. Der Gesamtumsatz sank leicht um 0,3 Prozent. Hinter dieser Stabilität bewegen sich die einzelnen Bereiche jedoch in entgegengesetzte Richtungen.
Das Volumen adressierter Briefe lag bei etwa 1,5 Milliarden Sendungen und damit rund einen Fünftel tiefer als 2021. Nach Angaben der Eidgenössischen Postkommission deckten die Einnahmen aus dem Briefgeschäft erstmals die Kosten nicht mehr. Gleichzeitig nahmen Kurier-, Express- und Paketsendungen 2025 sowohl beim Volumen als auch beim Umsatz um vier Prozent zu. Besonders die Importsendungen wuchsen um zwölf Prozent.

Das Netz bleibt, die Nutzung verändert sich
Ein Zustellnetz verursacht hohe Fixkosten. Personal, Fahrzeuge, Sortierzentren und Zustellrouten werden nicht automatisch um einen Fünftel billiger, nur weil weniger Briefe im Briefkasten landen. Die Grundversorgung verlangt weiterhin, dass Haushalte in der ganzen Schweiz regelmässig erreichbar sind – auch in Berggebieten oder dünn besiedelten Regionen.
Historisch half das profitable Briefgeschäft, dieses Netz zu finanzieren. Wenn dieser Beitrag wegfällt, wird die Quersubventionierung schwieriger. Pakete wachsen, sind aber aufwendiger: Sie benötigen mehr Platz, häufig persönliche Übergabe und verursachen bei erfolgloser Zustellung zusätzliche Wege. Ausserdem herrscht in diesem Bereich stärkerer Wettbewerb.
Billige Importe haben einen Preis
Der kräftige Zuwachs bei Importsendungen spiegelt den grenzüberschreitenden Onlinehandel. Für Konsumentinnen und Konsumenten sind kleine Direktbestellungen bequem und oft günstig. Für Logistikunternehmen bedeuten sie viele einzelne Sendungen mit hohem Bearbeitungsaufwand. Hinzu kommen Fragen zu Zoll, Produktesicherheit, Verpackungsabfall und fairen Wettbewerbsbedingungen für Schweizer Händler.
Eine wachsende Paketmenge erhöht zudem den Verkehr in Quartieren. Zusteller können diesen Effekt mit gebündelten Lieferungen, Abholstationen und elektrischen Fahrzeugen dämpfen. Wenn mehrere Anbieter dieselbe Strasse nacheinander bedienen, bleiben Effizienzgewinne jedoch begrenzt.
Europa wächst schneller
Im europäischen Vergleich entwickelt sich der Schweizer Markt verhalten. Zwischen 2020 und 2024 stiegen die Postumsätze in vergleichbaren europäischen Märkten durchschnittlich um 5,6 Prozent pro Jahr; in der Schweiz waren es 0,8 Prozent. Wechselkurse und Marktdefinitionen erschweren direkte Vergleiche, doch der Abstand zeigt den strukturellen Druck.
Politisch wird deshalb über den Umfang der Grundversorgung diskutiert. Der Zugang zu Poststellen und Agenturen, die Zustellfrequenz sowie Laufzeitvorgaben kosten Geld. Seit April 2026 müssen 90 Prozent der inländischen Briefe und Pakete fristgerecht ankommen. Gleichzeitig soll in jedem Kanton für 90 Prozent der Bevölkerung eine Zugangsstelle innerhalb von 20 Minuten erreichbar sein – oder innerhalb von 30 Minuten, wenn ein Hausservice angeboten wird.
Was das für Herr und Frau Schweizer bedeutet
Weniger Briefpost kann langfristig höhere Preise, spätere Zustellung oder ein kleineres Filialnetz bedeuten. Besonders betroffen wären ältere Menschen, Vereine, kleine Unternehmen und Regionen, in denen digitale Alternativen oder private Zustelldienste weniger gut funktionieren. Umgekehrt möchten viele Haushalte schnelle und günstige Pakete, ohne zusätzliche Lieferwagen vor der Haustür.
Eine tragfähige Reform muss diese Bedürfnisse offen gewichten. Sie kann digitale Zustellung fördern, darf aber niemanden abrupt ausschliessen. Denkbar sind klar definierte staatliche Leistungen, effizientere gemeinsame Infrastruktur und Preise, die tatsächliche Kosten besser abbilden. Das Ziel sollte nicht sein, den Brief künstlich am Leben zu erhalten. Es sollte sein, verlässliche Kommunikation und Zustellung in allen Regionen zu sichern – auch wenn der klassische Umschlag seine frühere Rolle verliert.



