NB steht vor einem schwierigen Spagat
Bild: open AI
Wirtschaft10:00 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 7 Min.0 Kommentare

SNB steht vor einem schwierigen Spagat: Starker Franken, Ölpreise und unsichere Weltwirtschaft

Starker Franken, Ölpreise und US-Zölle stellen die Schweizer Geldpolitik vor neue Herausforderungen.

Lausanne – Die Schweizerische Nationalbank hat derzeit ein Problem, um das andere Länder die Schweiz beneiden könnten: Die Inflation ist tief. Sehr tief sogar. Doch genau das ist für die SNB nicht automatisch eine gute Nachricht.

Denn während die Preise hierzulande vergleichsweise stabil bleiben, steht die Schweizer Wirtschaft gleichzeitig unter dem Einfluss eines starken Frankens, hoher Unsicherheit in der Weltwirtschaft, neuer Handelsbarrieren und schwankender Energiepreise.

Petra Tschudin, Mitglied des SNB-Direktoriums, hat die aktuellen Herausforderungen am 31. August an einem Anlass der EPFL in Ecublens skizziert. Ihre Botschaft lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Die Geldpolitik funktioniert – aber das Umfeld ist unberechenbarer geworden.

Der Leitzins steht bei null

Die SNB hat ihren Leitzins seit Juni 2026 bei 0 Prozent belassen. Damit ist der Spielraum für weitere Zinssenkungen praktisch ausgeschöpft.

Das ist für die Geldpolitik eine besondere Situation. Der Leitzins ist das wichtigste Instrument der SNB. Über ihn beeinflusst sie die Finanzierungskosten in der Schweiz, die Kreditvergabe und indirekt auch den Wechselkurs.

Bei einem Leitzins von null Prozent wird deshalb ein anderes Instrument besonders wichtig: der Wechselkurs des Frankens. Die SNB kann bei Bedarf am Devisenmarkt intervenieren, um einer raschen und übermässigen Aufwertung entgegenzuwirken.

Der Franken ist stark – aber die Geschichte ist komplizierter

Der starke Franken ist für die Schweiz ein zweischneidiges Schwert.

Für Konsumentinnen und Konsumenten hat ein starker Franken zunächst angenehme Seiten. Importe können günstiger werden, ebenso Ferien im Ausland oder Einkäufe in Euro- und Dollar-Ländern.

Für Unternehmen, die Waren ins Ausland verkaufen, sieht die Rechnung anders aus. Schweizer Produkte werden für ausländische Kunden teurer, wenn der Franken gegenüber deren Währung aufwertet.

Die SNB weist allerdings auf einen wichtigen Unterschied hin: Nominal hat der Franken seit 2021 aufgewertet. Real und handelsgewichtet betrachtet war seine Entwicklung deutlich stabiler. Das bedeutet: Die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft lässt sich nicht allein am Wechselkurs gegenüber dem Euro oder Dollar ablesen.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Die Schweiz hatte in den vergangenen Jahren eine deutlich tiefere Inflation als viele andere Länder. Ein Teil der nominalen Frankenaufwertung spiegelt deshalb auch die unterschiedliche Preisentwicklung wider.

Für die Schweiz ist das eine gute und schlechte Nachricht zugleich

Ein starker Franken verbilligt importierte Waren und dämpft damit die Inflation. Das hilft der SNB bei ihrem gesetzlichen Auftrag, die Preisstabilität zu gewährleisten.

Gleichzeitig kann eine starke Währung die Wirtschaft bremsen. Besonders exportorientierte Unternehmen müssen mit einem härteren internationalen Wettbewerb umgehen.

Genau darin liegt der geldpolitische Spagat: Was für die Konsumenten gut ist, kann für Teile der Wirtschaft zum Problem werden.

Die SNB muss deshalb nicht einfach versuchen, den Franken möglichst schwach zu halten. Ihr Auftrag lautet Preisstabilität. Der Wechselkurs ist dabei ein wichtiges Instrument und zugleich ein Faktor, den die Notenbank bei ihren Entscheidungen berücksichtigen muss.

Dann kam der Ölpreis

Eine zweite Unsicherheit kommt von den Rohstoffmärkten.

Die Eskalation im Nahen Osten hat die Energiepreise nach oben getrieben. Die SNB hatte bereits im Juni darauf hingewiesen, dass der Anstieg der Schweizer Inflation damals hauptsächlich auf höhere Preise für Erdölprodukte zurückzuführen war.

Das Problem für die Geldpolitik: Steigendes Öl verteuert nicht nur Benzin und Heizenergie. Höhere Energiekosten können sich über Transport, Produktion und Dienstleistungen weiter durch die Wirtschaft ziehen.

Gleichzeitig schwächen hohe Energiepreise die Kaufkraft der Haushalte. Wer mehr für Treibstoff, Energie oder bestimmte Waren bezahlen muss, hat weniger Geld für andere Ausgaben.

Die SNB muss deshalb zwei Entwicklungen gleichzeitig beobachten: Steigt die Inflation nachhaltig – oder handelt es sich lediglich um einen vorübergehenden Schub bei den Energiepreisen?

Die Inflation ist trotzdem weit von einer ausser Kontrolle geratenen Teuerung entfernt

Hier unterscheidet sich die Schweiz deutlich von vielen anderen Ländern.

Die SNB definiert Preisstabilität als eine Teuerung von weniger als zwei Prozent, wobei sie auch eine gewisse negative Teuerung nicht ausschliesst. Ihre aktuelle bedingte Inflationsprognose liegt über den gesamten Prognosezeitraum im Bereich der Preisstabilität.

Im Juni erwartete die SNB im Jahresdurchschnitt 0,6 Prozent Inflation für 2026, 0,6 Prozent für 2027 und 0,7 Prozent für 2028.

Die Präsentation von Petra Tschudin Ende August bestätigt: Der mittelfristige Inflationsdruck hat sich gegenüber der letzten Lagebeurteilung kaum verändert. Die SNB geht weiterhin von einer Inflation innerhalb ihres Bereichs der Preisstabilität aus.

Von einer neuen Inflationswelle kann deshalb derzeit keine Rede sein.

Warum die SNB trotzdem nicht einfach die Zinsen senkt

Bei einer schwachen Wirtschaft und tiefer Inflation wäre eine Zinssenkung normalerweise ein naheliegender Schritt. Sie würde Kredite tendenziell günstiger machen und die Wirtschaft stimulieren.

Doch der SNB-Leitzins steht bereits bei null Prozent.

Eine weitere Lockerung wäre damit schwieriger und müsste über andere Instrumente oder über den Wechselkurs wirken. Gleichzeitig könnte eine noch expansivere Geldpolitik bestimmte Risiken verstärken.

Deshalb hält die SNB derzeit an ihrer bestehenden Ausrichtung fest. Sie bezeichnet die monetären Bedingungen als angemessen und will die Situation weiter beobachten.

Was bedeutet das für Herr und Frau Schweizer?

Die Geldpolitik der SNB klingt zunächst nach einem Thema für Banken, Börsen und Ökonomen. Tatsächlich wirkt sie bis in den Alltag hinein.

Wer eine Hypothek hat, beobachtet die Zinsen besonders genau. Der SNB-Leitzins beeinflusst die kurzfristigen Geldmarktzinsen und damit insbesondere die Finanzierungskosten bei Geldmarkthypotheken. Festhypotheken hängen stärker von den Erwartungen an die künftigen Zinsen und den Kapitalmärkten ab.

Wer Geld auf dem Sparkonto hat, spürt die andere Seite der Nullzinspolitik. Banken haben weniger Anreiz, hohe Sparzinsen anzubieten. Für Sparerinnen und Sparer bedeutet das: Die Rendite auf klassische Kontoguthaben bleibt tendenziell tief.

Wer ins Ausland reist, kann dagegen vom starken Franken profitieren. Ein Euro oder Dollar kostet vergleichsweise wenig Franken, was Ferien und bestimmte Einkäufe im Ausland verbilligen kann.

Wer in der exportorientierten Industrie arbeitet, erlebt die Situation möglicherweise ganz anders. Ein starker Franken kann die Wettbewerbsfähigkeit von Schweizer Unternehmen belasten. Das kann Investitionen, Margen und langfristig auch Beschäftigung beeinflussen.

Und für alle Haushalte gilt: Eine stabile Inflation schützt die Kaufkraft. Wenn die Preise nur langsam steigen, verliert das Einkommen weniger schnell an Wert.

Auch die USA spielen für die Schweizer Geldpolitik eine Rolle

Die Schweiz kann ihre Geldpolitik nicht völlig unabhängig von der Weltwirtschaft betrachten.

Besonders wichtig sind die USA und Europa. Wenn sich die Inflation dort deutlich anders entwickelt als in der Schweiz, verändern sich die internationalen Zinsdifferenzen. Das wiederum kann Kapitalströme und Wechselkurse beeinflussen.

Die SNB weist zudem auf die Auswirkungen der amerikanischen Handelspolitik hin. Hohe US-Zölle und die damit verbundene Unsicherheit können den Welthandel belasten und damit auch die Schweizer Exportwirtschaft treffen. Gleichzeitig haben sich die Schweizer Exporte nach einem deutlichen Rückgang 2025 wieder erholt.

Für die Schweiz ist das besonders relevant, weil sie stark vom internationalen Handel abhängig ist.

Die SNB hat noch ein Instrument in der Hinterhand

Wenn der Franken plötzlich stark aufwerten würde, könnte die Nationalbank am Devisenmarkt intervenieren.

Das bedeutet vereinfacht: Die SNB kann Fremdwährungen kaufen und damit Franken verkaufen. Dadurch kann sie dem Aufwertungsdruck entgegenwirken.

Sie hat dieses Instrument in den vergangenen Jahren bereits eingesetzt und hält sich auch heute ausdrücklich die Möglichkeit dazu offen.

Doch Interventionen sind kein Freipass. Die SNB muss genau abwägen, wann ein Eingreifen sinnvoll ist. Eine zu starke oder dauerhaft falsche Reaktion könnte neue Probleme schaffen.

Der nächste Zinsentscheid wird deshalb genau beobachtet

Die nächste geldpolitische Lagebeurteilung wird zeigen, ob sich die Einschätzung der SNB verändert hat. Entscheidend werden unter anderem die weitere Entwicklung der Inflation, der Energiepreise, des Frankens und der Weltwirtschaft sein.

Eine automatische Zinserhöhung lässt sich aus den aktuellen Aussagen der SNB jedenfalls nicht ableiten. Ebenso wenig gibt es derzeit ein Signal für eine unmittelbar bevorstehende Senkung.

Die Botschaft ist vielmehr: Die Nationalbank will sich alle Optionen offenhalten.

Ein ungewöhnlich schwieriges Gleichgewicht

Die Schweiz befindet sich damit in einer besonderen Lage. Die Inflation ist niedrig, der Franken ist stark, die Zinsen stehen bei null – und gleichzeitig sind die Risiken von aussen erheblich.

Für die SNB bedeutet das: Sie muss aufpassen, nicht auf ein einzelnes Problem zu reagieren und dabei ein anderes zu verschärfen.

Ein stärkerer Franken kann die Inflation bremsen, aber Exporteure belasten. Höhere Ölpreise können die Inflation antreiben, gleichzeitig aber die Kaufkraft der Haushalte schwächen. Niedrige Zinsen stützen die Wirtschaft, helfen aber nicht unbedingt den Sparern.

Genau deshalb ist die aktuelle Geldpolitik weniger eine Frage des richtigen Knopfs als eine Frage des richtigen Zeitpunkts.

Für Herr und Frau Schweizer bedeutet das vor allem eines: Die derzeitige Ruhe bei der Inflation ist eine gute Nachricht. Sie ist aber nicht garantiert. Die SNB muss gleichzeitig den Franken, Energiepreise, internationale Handelskonflikte und die Konjunktur im Auge behalten.

Solange die Inflation tief bleibt, gibt es keinen unmittelbaren Grund für einen abrupten Kurswechsel. Sollte sich das Umfeld jedoch deutlich verändern, könnte der Franken wieder stärker in den Mittelpunkt rücken – und damit auch die Frage, ob die SNB am Devisenmarkt eingreifen muss.

Die nächste Zinsentscheidung wird deshalb nicht nur für die Finanzmärkte wichtig sein. Sie betrifft indirekt auch Hypotheken, Sparzinsen, Konsum, Exporte und damit den wirtschaftlichen Alltag in der Schweiz.

Quellen

  • Schweizerische Nationalbank (SNB): «Current challenges of monetary policy», Petra Tschudin, 31. August 2026
  • Schweizerische Nationalbank: Geldpolitische Lagebeurteilung vom 18. Juni 2026
  • Schweizerische Nationalbank: Interview mit Petra Tschudin, 24. August 2026

Artikel teilen

Fehler im Artikel melden

Vielen Dank für Ihren Hinweis. Bitte beschreiben Sie den Fehler so genau wie möglich.

PNG, JPG oder WebP, max. 5 MB

Kommentare

Melden Sie sich an, um mitzudiskutieren.

Noch keine Kommentare. Schreiben Sie den ersten.