Jüngere und ältere Personen nutzen digitale Geräte in einer Schweizer Alltagssituation.
KI-generiert mit OpenAI
Schweiz22:00 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 4 Min.0 Kommentare

Digitale Kluft: 38 Prozent fehlen grundlegende Kompetenzen

Fast alle sind online, aber längst nicht alle können digitale Dienste sicher und selbständig nutzen. Die neue Trennlinie verläuft bei Wissen, Vertrauen und Unterstützung.

Die klassische digitale Kluft liess sich leicht beschreiben: Die einen hatten Internet, die anderen nicht. In der Schweiz ist dieser Graben weitgehend verschwunden. Praktisch alle Haushalte verfügen über einen Zugang. Doch dahinter hat sich eine anspruchsvollere Trennlinie geöffnet – zwischen Menschen, die digitale Angebote sicher und selbständig nutzen können, und jenen, die dabei regelmässig an Grenzen stossen.

Laut dem DigitalBarometer 2026 fehlen 38 Prozent der Bevölkerung ausreichende digitale Grundkompetenzen. Das betrifft nicht nur den Umgang mit einem Gerät. Gemeint sind Fähigkeiten wie Informationen beurteilen, Passwörter schützen, Onlineformulare ausfüllen oder erkennen, ob eine Nachricht manipuliert ist.

Zugang ist nicht gleich Teilhabe

Ein Smartphone in der Tasche beweist noch keine digitale Souveränität. Viele Anwendungen sind einfach zu bedienen, solange alles funktioniert. Schwieriger wird es bei einem gesperrten Konto, einer gefälschten Nachricht, einer neuen Behördenanmeldung oder einer automatisierten Entscheidung, die erklärt werden soll.

Gerade bei wichtigen Lebensbereichen steigen die Anforderungen. Banken verlagern Dienstleistungen ins E-Banking, Versicherungen kommunizieren über Kundenportale, Arzttermine werden online gebucht und Verwaltungen digitalisieren Gesuche. Wer dabei unsicher ist, braucht länger, macht eher Fehler oder verzichtet ganz.

Die Folgen sind sozial ungleich verteilt. Besonders gefährdet sind Menschen mit niedriger formaler Bildung, Personen in Armut und sehr alte Menschen. Ihnen fehlen häufiger Geräte, Weiterbildungsmöglichkeiten oder eine Person, die bei Problemen hilft.

Alter erklärt viel – aber nicht alles

Eine Studie der Universität Zürich zeigte 2025 deutliche Altersunterschiede. 91 Prozent der 20- bis 29-Jährigen schätzten ihre Internetfähigkeiten als gut oder ausgezeichnet ein. Bei den über 70-Jährigen waren es 59 Prozent. Das ist eine grosse Lücke, zugleich aber kein Grund für pauschale Altersbilder: Eine Mehrheit der Älteren kommt gut zurecht, während auch junge Menschen bei Datenschutz oder Quellenprüfung überfordert sein können.

Digitale Kompetenz ist kein einmal erworbenes Wissen. Technologien und Betrugsformen verändern sich. Wer vor fünf Jahren sicher unterwegs war, kann heute an Passkeys, Deepfakes oder KI-generierten Phishing-Mails scheitern. Weiterbildung muss deshalb als laufende Infrastruktur verstanden werden – ähnlich wie Sprachkenntnisse oder berufliche Qualifikation.

Künstliche Intelligenz beschleunigt den Wandel

Besonders schnell wächst die Nutzung generativer KI. Laut DigitalBarometer stieg der Anteil der Nutzerinnen und Nutzer innert zwei Jahren von 50 auf 75 Prozent. Anwendungen verfassen Texte, übersetzen, erklären Dokumente oder erstellen Bilder. Sie senken Hürden, schaffen aber neue.

Wer Ergebnisse ungeprüft übernimmt, kann falsche Informationen verbreiten. Wer vertrauliche Daten in einen öffentlichen Dienst eingibt, riskiert Datenschutzprobleme. Und wer nicht erkennt, dass ein Bild oder eine Stimme künstlich erzeugt wurde, ist leichter manipulierbar.

Die digitale Kluft trennt daher nicht mehr nur Nutzer und Nichtnutzer. Sie verläuft zwischen Menschen, die Werkzeuge kritisch einsetzen, und solchen, die ihnen blind vertrauen oder sie aus Angst vollständig meiden.

Der Staat trägt eine besondere Verantwortung

Digitale Verwaltungsangebote können Zeit und Geld sparen. Sie sind rund um die Uhr erreichbar und reduzieren Papierarbeit. Doch staatliche Dienstleistungen sind keine gewöhnlichen Apps. Bürgerinnen und Bürger können auf Steuererklärungen, Bewilligungen oder Sozialleistungen nicht einfach verzichten.

Darum braucht es ein Prinzip der gleichwertigen Zugänglichkeit. Digitale Wege dürfen Standard werden, aber analoge oder persönliche Unterstützung muss erreichbar bleiben. Eine Telefonnummer, ein Schalter oder eine verständliche Anleitung ist kein Rückschritt, sondern Teil einer inklusiven Digitalisierung.

Ebenso wichtig ist die Gestaltung. Klare Sprache, wenige Schritte, barrierefreie Oberflächen und nachvollziehbare Fehlermeldungen helfen nicht nur älteren Menschen. Sie verbessern einen Dienst für alle.

Was Unternehmen und Schulen tun können

Arbeitgeber sollten digitale Kompetenz nicht mit dem Besitz eines Laptops gleichsetzen. Schulungen müssen an konkreten Aufgaben ansetzen: Daten sicher teilen, KI-Ergebnisse prüfen, Betrugsversuche erkennen und bei Unsicherheit Hilfe holen. Gerade kleine Betriebe profitieren von einfachen Regeln und klaren Ansprechpersonen.

Schulen wiederum müssen neben Bedienwissen stärker Medien- und Urteilskompetenz vermitteln. Jugendliche lernen schnell neue Apps, sind aber nicht automatisch geübt darin, Quellen, Interessen und technische Grenzen zu beurteilen. Auch Eltern und Lehrpersonen benötigen Weiterbildung, wenn sie glaubwürdig begleiten sollen.

Bibliotheken, Gemeinden und Vereine können niedrigschwellige Lernorte bieten. Besonders wirksam sind Angebote, bei denen reale Probleme gelöst werden – etwa ein Behördenlogin, eine sichere Zahlung oder das Erkennen einer gefälschten Nachricht.

Was das für den Alltag bedeutet

Für Herrn und Frau Schweizer wird digitale Selbstverteidigung zur Grundkompetenz. Dazu gehören einzigartige Passwörter oder Passkeys, Zwei-Faktor-Anmeldung, regelmässige Updates und Skepsis bei Zeitdruck oder Zahlungsaufforderungen. Bei KI gilt: nützlich als Assistentin, ungeeignet als letzte Instanz.

Wer Unterstützung braucht, sollte sie erhalten, ohne sich schämen zu müssen. Digitale Unsicherheit ist kein persönliches Versagen. Häufig sind Systeme unnötig kompliziert oder setzen Wissen voraus, das nie vermittelt wurde.

Die Schweiz ist technisch hervorragend vernetzt. Ob sie auch gesellschaftlich digital integriert ist, entscheidet sich jedoch nicht an der Netzabdeckung. Entscheidend ist, ob Menschen einen Dienst verstehen, kontrollieren und notfalls einen anderen Zugang wählen können. Erst dann wird aus technischer Verbindung echte Teilhabe.

Quellen

Stand: 9. September 2026.

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