Schweiz19:00 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 6 Min.0 Kommentare

Rüstungsboom: Trotz Rekordausgaben bleiben Waffen knapp

Weltweit fliessen 2,9 Billionen Dollar in die Streitkräfte – doch Produktionskapazitäten, Fachkräfte und Lieferketten kommen kaum hinterher. Auch die Schweiz wartet bei der Luftverteidigung jahrelang auf neue Systeme.

Wenige Metallbauteile liegen auf einer langen, ansonsten leeren industriellen Fertigungslinie.
KI-generiert mit OpenAI

Fast drei Billionen Dollar – aber nicht für Waffen allein

Die Rekordsumme von 2,887 Billionen Dollar klingt zunächst nach einer gewaltigen Ausweitung der weltweiten Rüstungsproduktion. Doch Militärausgaben umfassen weit mehr als den Kauf neuer Waffen.

Nach Angaben von SIPRI fliesst im Durchschnitt nur etwa ein Drittel der Militärausgaben in Waffen, militärische Ausrüstung und Forschung und Entwicklung. Ein grosser Teil wird für Sold, Betrieb, Wartung, Infrastruktur und andere laufende Kosten benötigt.

Selbst wenn Staaten ihre Verteidigungsbudgets massiv erhöhen, steht deshalb nicht automatisch mehr Produktionskapazität für Raketen, Luftabwehrsysteme, Artilleriemunition oder Kampfflugzeuge zur Verfügung.

Leere Lagerregale stehen neben vorgelieferten Kabeln und Flugzeugteilen in einer Fabrik gegenüber.
KI-generiert mit OpenAI

Der Rüstungsboom hat sich 2025 sogar verlangsamt

Trotz des neuen Rekordwerts lohnt sich ein genauer Blick auf die Entwicklung. Die weltweiten Militärausgaben stiegen 2025 real um 2,9 Prozent. Im Jahr zuvor hatte der Anstieg noch 9,7 Prozent betragen.

Der langfristige Trend bleibt dennoch eindeutig: Zwischen 2016 und 2025 erhöhten sich die weltweiten Militärausgaben laut SIPRI um 41 Prozent. Die Welt gab 2025 damit so viel für das Militär aus wie nie zuvor in der SIPRI-Zeitreihe.

Besonders stark wächst die Nachfrage in Europa. Die europäischen Militärausgaben stiegen 2025 um 14 Prozent auf 864 Milliarden Dollar. Auch in Asien und Ozeanien legten sie um 8,1 Prozent auf 681 Milliarden Dollar zu.

Europa bestellt gleichzeitig – die Industrie kann nicht beliebig schnell wachsen

Genau hier entsteht ein zentraler Engpass. Viele europäische Staaten erhöhen ihre Verteidigungsausgaben gleichzeitig und wollen ihre Bestände auffüllen. Gleichzeitig muss die Industrie Produktionslinien ausbauen, neue Fachkräfte finden und ihre Lieferketten sichern.

Das Problem ist historisch gewachsen. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden in vielen westlichen Staaten Produktionskapazitäten abgebaut, Fabriken geschlossen und Lagerbestände reduziert. Die Rüstungsindustrie stellte sich auf einen deutlich geringeren Bedarf ein.

Besonders deutlich zeigt sich die Konzentration in den USA. Nach der Darstellung von SRF sank dort die Zahl der grossen Luftfahrt- und Rüstungskonzerne durch Zusammenschlüsse von 51 auf fünf. Gleichzeitig sind viele Hersteller heute auf dieselben Zulieferer angewiesen.

Fehlen Fachkräfte, elektronische Komponenten, Rohstoffe oder spezialisierte Produktionsanlagen, lässt sich die Fertigung deshalb nicht kurzfristig vervielfachen. Eine Fabrik kann nicht einfach über Nacht von Friedensproduktion auf maximale Kriegsproduktion umgestellt werden.

Eine Bestellung ist noch keine einsatzbereite Waffe

Zwischen einer politischen Entscheidung und einem einsatzbereiten Waffensystem können Jahre liegen. Komplexe Systeme wie Luftverteidigung, Kampfflugzeuge oder weitreichende Präzisionswaffen bestehen aus zahlreichen Komponenten, die teilweise von unterschiedlichen Herstellern und Zulieferern stammen.

Dazu kommen Tests, Zertifizierungen, Ausbildung und die Integration in bestehende Streitkräftestrukturen. Eine steigende Nachfrage führt deshalb nicht unmittelbar zu einer entsprechend höheren Zahl einsatzbereiter Systeme.

Gerade bei hochkomplexen Waffen ist die Produktionskapazität zudem begrenzt. Wenn mehrere Staaten gleichzeitig bestellen, können sich Liefertermine über Jahre verschieben.

Rüstungsbeschaffung ist auch Geopolitik

Für Staaten geht es deshalb nicht nur um den Preis eines Waffensystems. Entscheidend sind auch Lieferfristen, verfügbare Produktionskapazitäten, Ersatzteile, Wartung und die langfristige Versorgungssicherheit.

Hinzu kommt ein geopolitisches Risiko: In einer internationalen Krise kann ein Herstellerstaat andere Kunden priorisieren. Genau das zeigt sich derzeit bei verschiedenen Luftverteidigungssystemen. Wer in einer angespannten Marktsituation bestellt, kann nicht davon ausgehen, dass die ursprünglich erwartete Lieferfrist unverändert bleibt.

Für kleinere Länder ist das besonders relevant. Sie verfügen meist nicht über eigene Produktionskapazitäten für alle wichtigen Waffensysteme und sind deshalb auf ausländische Hersteller angewiesen.

Die Schweiz wartet jahrelang auf Patriot

Die Schweiz erlebt diesen Zielkonflikt derzeit selbst. Besonders deutlich zeigt sich das bei der Beschaffung des Luftverteidigungssystems Patriot.

Die USA haben die Auslieferung der Patriot-Systeme im Zusammenhang mit der Unterstützung der Ukraine neu priorisiert. Dadurch verzögert sich die Lieferung an die Schweiz erheblich.

Ursprünglich war von einer Verzögerung von vier bis fünf Jahren die Rede. Im Mai 2026 teilte das VBS mit, dass inzwischen mit fünf bis sieben Jahren Verzögerung gerechnet werden müsse. Der Zeitplan ist damit deutlich länger als ursprünglich vorgesehen.

Das VBS hielt deshalb zeitweise Zahlungen zurück und prüfte alternative Optionen. Im Juni 2026 beschloss der Bundesrat, die Zahlungen für Patriot wieder aufzunehmen, um das Projekt mit möglichst geringer Verzögerung und möglichst tiefen Mehrkosten weiterzuführen. Gleichzeitig nahm die Schweiz Verhandlungen mit Herstellern aus Frankreich, Israel und Südkorea für ein zweites System auf.

Die Patriot-Beschaffung zeigt damit exemplarisch, dass hohe Verteidigungsausgaben allein keine sofortige Verfügbarkeit garantieren. Die Schweiz kann bezahlen – sie kann die internationale Produktionskapazität aber nicht selbst erhöhen.

Die Kosten des Wartens steigen ebenfalls

Verzögerungen haben zudem finanzielle Folgen. Beim Schweizer Patriot-Projekt sind nicht nur die Liefertermine unsicher. Auch die Kosten sind gestiegen.

Anfang September 2026 berichtete SRF, dass ein ursprünglich geprüfter Deal mit Deutschland gescheitert ist. Dadurch fallen für die Schweiz voraussichtlich zusätzliche Kosten von mindestens 700 Millionen Franken an; die Lieferung verschiebt sich bis in die 2030er-Jahre.

Das zeigt einen weiteren Effekt des weltweiten Rüstungsbooms: Wenn Produktionskapazitäten knapp werden, können Verzögerungen nicht nur die militärische Planung erschweren, sondern auch Beschaffungsprojekte verteuern.

Masse und Hightech werden gleichzeitig gebraucht

Die steigende Nachfrage betrifft allerdings nicht alle Waffensysteme gleich. Die Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine zeigen, dass Streitkräfte sowohl grosse Mengen relativ günstiger Systeme als auch hochkomplexe Waffen benötigen.

Kleine Drohnen können in grosser Zahl eingesetzt und vergleichsweise schnell ersetzt werden. Gleichzeitig bleiben Systeme zur Abwehr ballistischer Raketen, moderne Kampfflugzeuge und weitreichende Präzisionswaffen technologisch anspruchsvoll und teuer.

Deshalb drängen neben den etablierten Rüstungskonzernen zunehmend kleinere Unternehmen auf den Markt – insbesondere mit Drohnen, Software und Anwendungen künstlicher Intelligenz.

Ob diese neuen Anbieter die bestehenden Engpässe tatsächlich entschärfen können, ist allerdings offen. Auch neue Technologien benötigen Fachkräfte, Elektronik, Produktionsanlagen und belastbare Lieferketten.

Der Rüstungsboom verändert auch die Beschaffung

Für die Streitkräfte bedeutet die neue Situation einen grundlegenden Wandel. Jahrzehntelang konnten viele Staaten davon ausgehen, dass moderne Waffensysteme bei Bedarf bestellt werden können. Die heutige Lage zeigt die Grenzen dieses Modells.

Produktionskapazitäten, Lagerbestände und Lieferketten werden selbst zu einem Teil der Sicherheitspolitik. Wer im Ernstfall auf ein System angewiesen ist, muss nicht nur dessen technische Leistungsfähigkeit kennen, sondern auch wissen, wie schnell Ersatz geliefert werden kann.

Für die Schweiz ist das besonders relevant. Das Land bleibt bei vielen zentralen Waffensystemen auf ausländische Lieferanten angewiesen. Vollständige industrielle Unabhängigkeit wäre unrealistisch – eine zu starke Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern kann jedoch zum strategischen Risiko werden.

Mehr Geld löst den Engpass nicht sofort

Der weltweite Rüstungsboom ist deshalb weniger widersprüchlich, als es auf den ersten Blick scheint. Staaten geben Rekordsummen aus, während gleichzeitig Waffen fehlen, weil die Nachfrage schneller wächst als die industrielle Fähigkeit, bestimmte Systeme zu produzieren.

Der Aufbau neuer Kapazitäten braucht Zeit. Fabriken müssen erweitert, Fachkräfte ausgebildet, Zulieferer aufgebaut und Produktionsprozesse hochgefahren werden. Bei komplexen Waffensystemen können Jahre vergehen, bevor zusätzliche Kapazitäten tatsächlich verfügbar sind.

Der entscheidende Engpass ist deshalb nicht nur Geld. Es geht um Produktionskapazität, Zeit und die Kontrolle über Lieferketten.

Genau deshalb kann ein Land heute deutlich mehr für seine Armee ausgeben und trotzdem jahrelang auf die bestellten Waffen warten.

Quellen

  • SIPRI, «Trends in World Military Expenditure, 2025», April 2026.
  • SIPRI, «Global military spending rise continues as European and Asian expenditures surge», 27. April 2026.
  • SRF, «Globaler Rüstungsboom – Billionen fürs Militär – doch Waffen bleiben knapp», 7. September 2026.
  • VBS, «Bodengestützte Luftverteidigung grösserer Reichweite Patriot: Schweiz prüft US-Optionen», 13. Mai 2026.
  • VBS, «Bodengestützte Luftverteidigung grösserer Reichweite: VBS nimmt Verhandlungen für zweites System auf», 24. Juni 2026.
  • SRF, «'Patriot-Deal' mit Deutschland gescheitert – Mehrkosten steigen», 4. September 2026.

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