Ein Schweizer Familientisch mit ausgewogenen Lebensmitteln für Kinder und Jugendliche.
KI-generiert mit OpenAI
Lifestyle16:00 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 3 Min.0 Kommentare

Erste nationale Ernährungsstudie: Was Schweizer Kinder wirklich essen

menuCH-Kids liefert erstmals repräsentative Daten für 6- bis 17-Jährige. Das Bild ist besser als manche Schlagzeile – aber nicht frei von Risiken.

Was essen Kinder und Jugendliche in der Schweiz tatsächlich? Bisher stützten sich viele Debatten auf regionale Erhebungen, Verkaufsdaten oder Annahmen. Die Studie menuCH-Kids schliesst eine wichtige Lücke: Erstmals liegt eine nationale, repräsentative Untersuchung zur Ernährung der 6- bis 17-Jährigen vor.

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) befragte und untersuchte 2023 und 2024 insgesamt 1'852 zufällig ausgewählte Kinder und Jugendliche. Die Erhebungszentren in Bellinzona, Bern, Lausanne, Luzern, St. Gallen und Zürich deckten die drei grossen Sprachregionen ab. Neben detaillierten Angaben zu den Mahlzeiten wurden Körpermasse erfasst und bei einem Teil der Teilnehmenden Blut- und Urinwerte analysiert.

Kein Grund für Kulturpessimismus

Die Ergebnisse zeichnen kein Bild einer grundsätzlich schlecht ernährten Generation. Die meisten Teilnehmenden erhalten genügend Energie und frühstücken regelmässig. Im Vergleich mit Gleichaltrigen in anderen Ländern sind gewisse Risikofaktoren für chronische Krankheiten weniger häufig.

Trotzdem zeigen sich Lücken. Früchte und Gemüse kommen im Durchschnitt zu selten auf den Teller. Fleisch und andere proteinreiche Lebensmittel werden dagegen oft reichlich konsumiert. Zwischenmahlzeiten und zuckerhaltige Getränke gehören für viele zum Alltag. Mit zunehmendem Alter nimmt zudem die Bewegung ab.

Rund 13 Prozent der untersuchten Kinder und Jugendlichen sind übergewichtig oder adipös. Bei ungefähr jeder zehnten untersuchten Person weisen Blutwerte auf ein erhöhtes Risiko für Diabetes hin. Solche Zahlen verdienen Aufmerksamkeit, aber eine nüchterne Interpretation: Ein Messwert ist noch keine individuelle Diagnose, und Körpergewicht allein erklärt Gesundheit nicht.

Wie die Daten zu lesen sind

menuCH-Kids ist eine Querschnittsstudie – sie zeigt eine Lage zu einem bestimmten Zeitpunkt. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass ein einzelnes Lebensmittel eine Erkrankung verursacht. Auch Selbstauskünfte über Essen und Bewegung sind nie völlig präzise.

Gerade deshalb ist die Kombination verschiedener Methoden wertvoll. Die Teilnehmenden beschrieben ihre Ernährung in standardisierten 24-Stunden-Rückblicken, beantworteten Fragebogen und wurden vermessen. Die Studie erlaubt damit bessere Aussagen über Bevölkerungsgruppen, ersetzt aber weder die kinderärztliche Beurteilung noch eine individuelle Ernährungsberatung.

Auffällig ist auch der soziale Rahmen. Ein kleiner Teil der Kinder isst häufig allein oder vor einem Bildschirm. Gemeinsame Mahlzeiten garantieren zwar keine ausgewogene Ernährung. Sie schaffen aber Gelegenheiten für Regelmässigkeit, Austausch und ein bewussteres Essen.

Eltern tragen nicht die Verantwortung allein

Ernährung wird gern als Frage der persönlichen Disziplin behandelt. Bei Kindern greift das zu kurz. Was verfügbar, erschwinglich und im Alltag schnell zubereitet ist, beeinflusst Entscheidungen ebenso wie Werbung, Schulzeiten, Einkommen und Betreuungssituation.

Für Familien sind einfache Routinen meist wirksamer als Verbote: Wasser als Standardgetränk, Früchte oder Gemüse sichtbar und griffbereit, Süsses nicht als Belohnung und möglichst häufig eine gemeinsame Mahlzeit. Entscheidend ist ein Umgang ohne Beschämung. Dauernde Kommentare über Gewicht können das Verhältnis zum Essen belasten.

Wenn Eltern sich um Wachstum, Essverhalten oder Stoffwechselwerte sorgen, ist die Kinder- oder Hausarztpraxis die richtige erste Adresse. Eine Bevölkerungsstatistik sollte nie zur Selbstdiagnose führen.

Was die Schweiz daraus lernen kann

Die neuen Daten geben Bund, Kantonen und Gemeinden eine Grundlage, um Prävention gezielter zu gestalten. Schulen und Betreuungseinrichtungen spielen dabei eine zentrale Rolle: Trinkwasser, ausgewogene Menüs, genügend Zeit zum Essen und tägliche Bewegung erreichen auch Kinder, deren Familien wenig Ressourcen haben.

Die Studie sollte regelmässig wiederholt werden. Erst Zeitreihen zeigen, ob Massnahmen wirken und wo neue Probleme entstehen. Zudem lohnt eine genauere Betrachtung sozialer und regionaler Unterschiede, ohne einzelne Gruppen zu stigmatisieren.

menuCH-Kids liefert damit keine einfache Note für die Ernährung der Schweizer Jugend. Die wichtigste Erkenntnis ist differenzierter: Vieles funktioniert, doch gesunde Entscheidungen sind nicht für alle gleich leicht. Gute Ernährungspolitik schafft deshalb Bedingungen, unter denen die alltagstaugliche Wahl auch die naheliegende ist.

Quellen

Stand: 9. September 2026.

Artikel teilen

Fehler im Artikel melden

Vielen Dank für Ihren Hinweis. Bitte beschreiben Sie den Fehler so genau wie möglich.

PNG, JPG oder WebP, max. 5 MB

Kommentare

Melden Sie sich an, um mitzudiskutieren.

Noch keine Kommentare. Schreiben Sie den ersten.