Gesundheit11:45 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 7 Min.0 Kommentare

Krankenkassenprämien 2027: Prognosen gehen weit auseinander

Bonus.ch erwartet 4,5 bis 5 Prozent höhere Prämien. Die SMSR hält dagegen eine Erhöhung von 2 bis 2,5 Prozent für angemessen.

Eine Person prüft an einem Küchentisch Unterlagen zu Krankenkassenprämien neben Taschenrechner und Schweizer Münzen.
KI-generiert mit OpenAI

Noch ist die Prämie für 2027 nicht bekannt

Für die Schweizer Versicherten zeichnet sich auch 2027 ein weiterer Anstieg der Krankenkassenprämien ab. Wie hoch dieser ausfallen wird, ist allerdings noch offen. Das Vergleichsportal bonus.ch rechnet derzeit mit einem durchschnittlichen Anstieg von 4,5 bis 5 Prozent.

Eine deutlich tiefere Einschätzung kommt von der Société médicale de la Suisse romande (SMSR). Die Westschweizer Ärztegesellschaft hält eine Erhöhung von 2 bis 2,5 Prozent für das kommende Jahr für angemessen. Sie argumentiert, die derzeit verfügbaren Kostendaten rechtfertigten keine stärkere Erhöhung. (bonus.ch)

Die offiziellen Prämien für 2027 stehen noch nicht fest. Der Bundesrat beziehungsweise das Bundesamt für Gesundheit wird die neuen Prämien im Herbst bekannt geben. Bis dahin handelt es sich bei den genannten Werten um Prognosen, nicht um die tatsächlich zu zahlenden Prämien.

Ein Stethoskop, medizinische Abrechnungen und gestapelte Schweizer Münzen stehen neben einer ansteigenden Grafik.
KI-generiert mit OpenAI

Bonus.ch erwartet erneut rund fünf Prozent

Bonus.ch sieht derzeit keine grundlegende Entspannung bei den Gesundheitskosten. Das Portal hält einen durchschnittlichen Prämienanstieg zwischen 4,5 und 5 Prozent für das wahrscheinlichste Szenario.

Bereits 2026 stiegen die Krankenkassenprämien im Durchschnitt um 4,4 Prozent. Für 2027 sprechen laut bonus.ch mehrere Faktoren dafür, dass der Kostendruck hoch bleibt. Dazu gehören die weiterhin steigenden Gesundheitsausgaben, die verzögerte Abrechnung nach der Einführung der neuen ambulanten Tarife und ein möglicher Aufholeffekt bei der Prämienberechnung. (bonus.ch)

Der nationale Durchschnitt sagt allerdings wenig darüber aus, was einzelne Versicherte tatsächlich bezahlen werden. Je nach Krankenkasse, Kanton, Prämienregion, Alter, Franchise und Versicherungsmodell können die Unterschiede erheblich sein.

Bonus.ch hält deshalb bei einzelnen Krankenkassen oder Tarifkategorien Erhöhungen von mehr als 10 Prozent für möglich. Im ungünstigsten Fall könnten einzelne Prämien sogar um bis zu 20 Prozent steigen. Das ist ausdrücklich keine Prognose für den Schweizer Durchschnitt, sondern eine Einschätzung möglicher Extremfälle. (bonus.ch)

SMSR hält 2 bis 2,5 Prozent für ausreichend

Die SMSR beurteilt die Situation deutlich zurückhaltender. Nach ihrer Einschätzung gibt es derzeit keine ausreichende Grundlage für eine erneute starke Erhöhung der Prämien.

Die Ärztegesellschaft verweist insbesondere auf die noch unvollständigen Kostendaten für 2026. Wegen der Einführung von TARDOC kommt es bei ambulanten Leistungen zu Verzögerungen bei der Abrechnung. Ein Teil der tatsächlich erbrachten Leistungen erscheint deshalb erst später in der Statistik.

Die SMSR argumentiert, dass ein möglicherweise vorübergehender Kostenschub nicht automatisch vollständig an die Versicherten weitergegeben werden sollte. Unter Berücksichtigung der übrigen Kosten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung hält sie eine Prämienerhöhung von 2 bis 2,5 Prozent für ein vertretbares Maximum. (smsr.ch)

TARDOC erschwert die Prognose

Ein wesentlicher Grund für die ungewöhnlich grosse Unsicherheit ist die Umstellung des ambulanten Tarifsystems. Seit Anfang 2026 werden ambulante Leistungen unter anderem über TARDOC und ambulante Pauschalen abgerechnet.

Die bisherigen Kostenzahlen zeigen deshalb ein widersprüchliches Bild. Im ersten Quartal 2026 stiegen die Kosten der Grundversicherung gegenüber dem Vorjahr um 2,9 Prozent. Im zweiten Quartal betrug der Anstieg dagegen nur noch 0,4 Prozent.

Dieser geringe Wert bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sich die Gesundheitskosten entsprechend stark beruhigt haben. Die Einführung der neuen Tarife führte zu Verzögerungen bei der Rechnungsstellung. Laut bonus.ch sanken die verbuchten ambulanten Kosten im zweiten Quartal deshalb vorübergehend um rund 16 Prozent. Später eingehende Rechnungen können diese Statistik noch deutlich verändern. (medinside.ch)

Wie stark die Verzerrung ausfällt, zeigt der Blick auf einzelne Leistungsgruppen. Im zweiten Quartal stiegen die Kosten für Spitex-Leistungen gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent. Bei Psychologen und Psychotherapeuten betrug der Anstieg 11 Prozent, bei ambulanten Ärzten und in der Physiotherapie jeweils 7 Prozent. Gleichzeitig gingen die gesamten verbuchten ambulanten Kosten zurück. (bonus.ch)

KOF erwartet weiterhin steigende Gesundheitskosten

Eine dritte Orientierung liefert die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich. Ihre jüngste Prognose geht davon aus, dass die Gesundheitskosten pro versicherte Person 2026 um rund 4,5 Prozent und 2027 um weitere 4 Prozent steigen.

Damit liegt die KOF-Prognose für die Kostenentwicklung zwischen den beiden aktuellen Positionen: Sie erwartet weiterhin ein deutliches Wachstum, aber eine leichte Verlangsamung gegenüber 2026. Von einer grundlegenden Trendwende geht die KOF nicht aus. (bonus.ch)

Die wichtigsten Prognosen für 2027

  • SMSR: 2 bis 2,5 Prozent Prämienanstieg als vertretbares Maximum
  • KOF: rund 4 Prozent Kostenwachstum pro versicherte Person
  • Bonus.ch: 4,5 bis 5 Prozent durchschnittlicher Prämienanstieg
  • Bund: offizielle Prämien für 2027 noch nicht bekannt

Die Reserven der Krankenkassen sind wieder gestiegen

Ein weiterer Streitpunkt sind die Reserven der Krankenversicherer. Anfang 2026 verfügten die Kassen über insgesamt rund 8,6 Milliarden Franken. Ein Jahr zuvor waren es rund 7,3 Milliarden Franken gewesen.

Die finanzielle Situation hat sich damit verbessert. Nach Angaben von bonus.ch erzielten die Versicherer 2025 einen Gesamtüberschuss von knapp 569 Millionen Franken, der vollständig den Reserven zugeführt wurde. Die SMSR sieht darin einen Grund, weshalb die Reserven zumindest vorübergehend stärker als Puffer eingesetzt werden könnten. (bonus.ch)

Bonus.ch beurteilt die Wirkung allerdings zurückhaltender. Die Reserven könnten den Prämiendruck zwar begrenzen, einen dauerhaften Anstieg der Gesundheitsausgaben von 4 bis 5 Prozent pro Jahr könnten sie jedoch nicht dauerhaft ausgleichen. (medinside.ch)

Die unterschiedliche Beurteilung zeigt, worum es beim Streit letztlich geht: Die SMSR will die Reserven stärker als kurzfristigen Puffer nutzen. Bonus.ch hält dagegen, dass die Prämien langfristig der tatsächlichen Kostenentwicklung folgen müssen.

Auch regional dürften die Unterschiede gross sein

Der nationale Durchschnitt verdeckt erhebliche Unterschiede zwischen den Kantonen. Die aktuellen Kostendaten für das zweite Quartal 2026 reichen laut bonus.ch von einem Anstieg von 9,6 Prozent in Schaffhausen bis zu einem Rückgang von 8,7 Prozent in Zug.

Auch andere Kantone zeigen deutlich unterschiedliche Entwicklungen. Glarus, Graubünden, Jura und Zürich verzeichneten im zweiten Quartal steigende Kosten, während unter anderem Solothurn, Basel-Stadt, Bern, Thurgau und Genf rückläufige Werte aufwiesen. (bonus.ch)

Diese Zahlen lassen allerdings noch keinen direkten Schluss auf die späteren Prämien in den einzelnen Kantonen zu. Die Prämien hängen neben der Kostenentwicklung auch von der jeweiligen Krankenkasse, Prämienregion, Altersgruppe und Versicherungsform ab.

Warum die Prognosen so weit auseinanderliegen

Die grosse Spannbreite zwischen 2 und 5 Prozent lässt sich vor allem mit unterschiedlichen Annahmen erklären. Bonus.ch geht davon aus, dass sich die derzeitigen Kostensteigerungen nach den Abrechnungsverzögerungen stärker in den Daten zeigen werden und ein gewisser Aufholeffekt bei den Prämien eintritt.

Die SMSR hält dagegen, dass die Daten für 2026 noch unvollständig sind und ein Teil der Kostenentwicklung durch die Tarifumstellung verzerrt wird. Zudem sollen die Reserven der Versicherer gerade dazu dienen, Schwankungen abzufedern.

Keine der beiden Zahlen ist deshalb bereits die Prämienprognose des Bundes. Entscheidend wird sein, wie sich die tatsächlichen Kosten in den kommenden Monaten entwickeln und welche Daten dem Bund bei der Berechnung der Prämien 2027 zur Verfügung stehen.

Was das für die Versicherten bedeutet

Für Versicherte bedeutet die aktuelle Lage vor allem eines: Die Unsicherheit ist ungewöhnlich gross. Zwischen der SMSR-Prognose von 2 bis 2,5 Prozent und der Einschätzung von bonus.ch von 4,5 bis 5 Prozent liegt ein erheblicher Unterschied.

Hinzu kommt, dass der nationale Durchschnitt wenig über die individuelle Prämie aussagt. Entscheidend sind unter anderem Wohnkanton, Prämienregion, Alter, Franchise, Versicherungsmodell und Krankenkasse. Einzelne Versicherte könnten laut bonus.ch deshalb deutlich stärker betroffen sein als der nationale Durchschnitt.

Eine definitive Aussage über die Prämien 2027 ist derzeit jedoch noch nicht möglich. Erst mit der offiziellen Bekanntgabe im Herbst wird feststehen, wie stark die durchschnittlichen Prämien tatsächlich steigen.

Eine Entspannung ist noch nicht absehbar

Die aktuellen Prognosen zeichnen kein einheitliches Bild. Die SMSR sieht Spielraum für eine deutlich moderatere Prämienentwicklung, während bonus.ch und die KOF weiterhin von einem erheblichen Kostendruck ausgehen.

Fest steht derzeit vor allem, dass die Einführung der neuen ambulanten Tarife die Beurteilung erschwert. Die kommenden Monate werden zeigen, welche Kosten nachträglich verbucht werden und ob sich der erwartete Aufholeffekt tatsächlich einstellt.

Für die Versicherten bleibt deshalb vorerst offen, ob 2027 eine erneute starke Prämienrunde bevorsteht oder ob die verbesserte finanzielle Situation der Krankenkassen und die noch unvollständigen Kostendaten eine deutlich moderatere Entwicklung ermöglichen.

Die offizielle Antwort liefert der Bund erst im Herbst.

Quellen

  • bonus.ch, Prognose zu den Krankenkassenprämien 2027, 8. September 2026
  • Société médicale de la Suisse romande (SMSR), Einschätzung zu den Prämien 2027, 1. September 2026
  • Medinside, «Prognose: Prämien könnten nochmals fast 5 Prozent steigen», 8. September 2026
  • KOF der ETH Zürich, Prognosen zur Entwicklung der Gesundheitskosten

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