ETH Zürich sucht nach ausserirdischem Leben: So funktioniert LIFE
Vier Teleskope und ein Kombinationssatellit sollen das Licht ferner Sterne ausblenden und Atmosphären erdähnlicher Planeten analysieren. Doch LIFE ist noch nicht beschlossen.

Die vielleicht wichtigste Antwort der Astronomie könnte in einem kaum sichtbaren Wärmesignal stecken: in der Strahlung eines kleinen Planeten, der einen nahen Stern umkreist. Genau dieses Signal will die von der ETH Zürich geführte LIFE-Initiative eines Tages auffangen. Aus seinem Spektrum sollen Forschende ablesen können, ob der Planet eine Atmosphäre besitzt, ob dort flüssiges Wasser möglich wäre – und ob mehrere chemische Spuren gemeinsam auf biologische Aktivität hindeuten.
So weit ist es noch nicht. LIFE – kurz für «Large Interferometer for Exoplanets» – ist ein internationales Missionskonzept und ein Technologieprogramm, keine von der Europäischen Weltraumorganisation ESA bereits ausgewählte oder finanzierte Mission. Der Unterschied ist entscheidend: Die wissenschaftliche Idee ist konkret, zentrale Bausteine werden im Labor getestet, doch über Bau und Start wurde noch nicht entschieden.
Fünf Raumfahrzeuge bilden ein virtuelles Teleskop
Ein einzelner grosser Spiegel würde für LIFE nicht genügen. Das aktuelle Basiskonzept sieht vier frei fliegende Sammelteleskope vor, die mehrere Dutzend bis mehrere Hundert Meter voneinander entfernt arbeiten. Ein fünftes Raumfahrzeug im Zentrum führt die Lichtstrahlen zusammen. Als Formation sollen die fünf Satelliten die Auflösung eines weit grösseren Teleskops erreichen.
Gemessen werden soll im mittleren Infrarot zwischen etwa 4 und 18,5 Mikrometern. In diesem Wellenlängenbereich geben temperierte Planeten einen grossen Teil ihrer messbaren Wärmestrahlung ab. Zugleich hinterlassen Moleküle charakteristische Absorptionslinien. Aus einem solchen Spektrum lassen sich deshalb Rückschlüsse auf Temperatur, Oberfläche und Zusammensetzung einer Atmosphäre ziehen.
Das Ziel sind vor allem nahe, kleine Gesteinsplaneten: Welten, die ungefähr so gross und ähnlich temperiert wie die Erde sein könnten. «Erdähnlich» bedeutet dabei nicht automatisch bewohnbar – und schon gar nicht bewohnt. LIFE soll zunächst die physikalischen und chemischen Bedingungen dieser Planeten bestimmen.
Der Trick: Das Sternenlicht wird ausgelöscht
Das zentrale Problem ist der Kontrast. Selbst ein naher erdähnlicher Planet ist neben seinem Stern extrem lichtschwach. LIFE setzt deshalb auf Nulling-Interferometrie. Die Lichtwellen aus den vier Teleskopen werden im Kombinationssatelliten so gegeneinander verschoben, dass sich das Licht des zentralen Sterns durch destruktive Interferenz weitgehend aufhebt. Das Licht eines seitlich versetzten Planeten trifft in einer anderen Phase ein und bleibt teilweise erhalten.
Vereinfacht gesagt: Das Instrument erzeugt einen künstlichen blinden Fleck genau dort, wo der helle Stern steht. Erst dadurch soll die schwache Wärmestrahlung eines Planeten messbar werden. Dafür müssen die Raumfahrzeuge ihre Formation präzise halten und die optischen Weglängen auf winzige Bruchteile einer Lichtwellenlänge stabilisieren.

Ein Erdtest liefert einen wichtigen Realitätscheck
Ob sich mit dem geplanten Verfahren tatsächlich eine bewohnbare Welt erkennen liesse, prüfte ein Team der ETH Zürich und der Universität Zürich an dem einzigen bekannten Beispiel: der Erde. Für eine 2024 im Astrophysical Journal veröffentlichte Studie nutzten die Forschenden reale Messdaten des NASA-Erdbeobachtungssatelliten Aqua. Daraus erzeugten sie ein gemitteltes Infrarotspektrum, wie LIFE es von einer rund 30 Lichtjahre entfernten «zweiten Erde» erhalten könnte.
Die Auswertung lieferte Kohlendioxid, Wasser, Ozon und Methan sowie Oberflächenbedingungen, unter denen flüssiges Wasser möglich ist. Das Resultat blieb für verschiedene Blickwinkel auf die Erde stabil. Eine wichtige Einschränkung zeigte sich ebenfalls: Saisonale Veränderungen waren in der untersuchten Datenqualität kaum zu erkennen.
Der Test beweist weder, dass LIFE gebaut wird, noch dass jede bewohnte Welt eindeutig erkannt werden könnte. Er zeigt aber, dass das geplante Messprinzip in simulierten LIFE-Beobachtungen mit realen Erddaten die zentralen Eigenschaften unseres Planeten zurückgewinnen kann.
NICE zeigt, wie weit die Technik ist
Eine Schlüsselfrage lautet nun, ob die nötige Sternlicht-Unterdrückung mit ausreichender Stabilität und Empfindlichkeit technisch gelingt. Dafür baut die ETH den Laborprüfstand NICE – das «Nulling Interferometry Cryogenic Experiment». Langfristig soll er bei 15 Kelvin, also rund minus 258 Grad Celsius, arbeiten. Die extreme Kälte reduziert die störende Wärmestrahlung des Instruments selbst.
Auf ihrer aktuellen Projektseite nennt die ETH einen momentanen Nullwert von ungefähr 2 × 10−5 und einen über eine Minute gemittelten Wert von etwa 5 × 10−5. Je kleiner dieser Wert, desto vollständiger wird das Sternenlicht unterdrückt. Angestrebt werden weniger als 10−5 sowie eine Stabilität der optischen Weglänge von unter einem Nanometer.
Diese Zahlen sind ein Zwischenstand, kein fertiger Missionsnachweis. Auf der Aufgabenliste stehen unter anderem höhere Lichtausbeute, gleichzeitige Unterdrückung beider Polarisationsrichtungen, Breitbandbetrieb, eine geschlossene Regelung der Strahlpositionen, ein realistisches Planetensignal und der Übergang zum kryogenen Aufbau. Parallel arbeitet die ETH an integrierten photonischen Chips, die einen Teil der sperrigen Optik ersetzen könnten.
Warum LIFE mehr leisten soll als heutige Teleskope
Das James-Webb-Weltraumteleskop kann Atmosphären bestimmter Exoplaneten bereits spektroskopisch untersuchen, häufig bei einem Transit vor dem Stern. Kleine, kühle Gesteinsplaneten um sonnenähnliche Sterne bleiben damit jedoch besonders schwierig. LIFE soll einen anderen Weg gehen: die direkte thermische Emission naher Planeten im mittleren Infrarot messen.
Das Projekt wäre damit kein Ersatz für Webb, das Extremely Large Telescope oder künftige Observatorien, sondern eine Ergänzung. Andere Instrumente sollen geeignete Zielplaneten finden und ihre Bahnen bestimmen; LIFE könnte anschliessend bei Dutzenden naher Welten Atmosphäre und Oberflächenbedingungen statistisch vergleichen.
Eine Biosignatur ist noch kein Lebensbeweis
Wasser, Kohlendioxid, Ozon oder Methan sind wissenschaftlich interessant. Doch kein einzelnes Molekül beweist ausserirdisches Leben. Gase können auch durch geologische, photochemische oder andere nicht-biologische Prozesse entstehen. Umgekehrt kann eine belebte Welt Signaturen besitzen, die aus grosser Entfernung kaum messbar sind.
Seriöse Astrobiologie sucht deshalb nach mehreren zusammenpassenden Indizien: nach Molekülkombinationen im chemischen Ungleichgewicht, nach geeigneten Temperaturen und Drücken, nach möglichem flüssigem Wasser und nach dem Strahlungsumfeld des Sterns. Selbst ein spektakulärer Kandidat müsste mit weiteren Messungen, Atmosphärenmodellen und unabhängigen Observatorien geprüft werden.
Der Zeitplan ist eine Zielmarke, kein Startversprechen
Die ETH nennt 2040 als Planungsziel für LIFE. Eine verbindliche Startzusage ist das nicht. Die ESA hat im Langfristprogramm Voyage 2050 die direkte Charakterisierung temperierter Exoplaneten im mittleren Infrarot als wissenschaftlich besonders wertvolles Thema festgehalten. Sie hat LIFE damit aber nicht als konkrete Mission ausgewählt.
Bis zu einem möglichen Start müssen das Technologierisiko sinken, die Formation der Raumfahrzeuge beherrscht, die Finanzierung gesichert und ein formelles Auswahlverfahren gewonnen werden. Der aktuelle Stand lässt sich deshalb nüchtern zusammenfassen: LIFE ist wissenschaftlich überzeugend und technisch zunehmend greifbar – aber noch weit vom Startplatz entfernt.
Was die Suche trotzdem bereits verändert
Der Wert von LIFE liegt nicht nur in der Hoffnung auf einen positiven Treffer. Eine ausreichend grosse Untersuchung ohne Biosignaturen könnte ebenfalls zeigen, wie selten bestimmte atmosphärische Bedingungen sind. Die Frage «Sind wir allein?» wird damit messbar: nicht durch eine einzelne dramatische Aufnahme, sondern durch Spektren, Vergleichsgruppen und Wahrscheinlichkeiten.
Ob LIFE eines Tages tatsächlich Spuren biologischer Aktivität findet, ist offen. Dass die ETH Zürich aus einer jahrhundertealten Frage ein konkretes Messprogramm macht, ist bereits bemerkenswert. Der wichtigste Fortschritt besteht vorerst nicht in der Entdeckung von Leben, sondern darin, exakt zu definieren, wie ein überzeugender Nachweis aussehen müsste.
Quellen und weiterführende Informationen
- LIFE Initiative: Missionskonzept und Technologie
- ETH Zürich: NICE – Nulling Interferometry Cryogenic Experiment
- Mettler et al. (2024): «Earth as an Exoplanet. III»
- ETH Zürich: «The quest to explore space»
- ESA: Wissenschaftsthemen von Voyage 2050
- NASA: Grenzen und Absicherung möglicher Biosignaturen
Stand der Recherche: 9. September 2026. Technische Leistungswerte können sich mit dem Fortschritt des NICE-Teststands ändern.



