Wissenschaft17:00 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 5 Min.0 Kommentare

Tropikalisierung des Mittelmeers: Erwärmung verändert Ökosystem

Wie der Klimawandel die Artenvielfalt im Mittelmeer umbaut

Tropikalisiertung
Bild: open AI

Das Mittelmeer wird wärmer – und die Folgen sind längst nicht mehr nur an der Wassertemperatur abzulesen. Im Sommer 2026 erreichten die Oberflächentemperaturen in Teilen des Mittelmeers aussergewöhnliche Werte. In einzelnen Regionen lagen sie während der stärksten Hitzeperiode um mehr als sechs Grad über dem langjährigen Durchschnitt. Eine aktuelle Analyse kommt zudem zum Schluss, dass der menschengemachte Klimawandel die extreme Erwärmung des Mittelmeers in diesem Sommer um rund zwei Grad verstärkt hat.

Die Entwicklung verändert zunehmend die Lebensbedingungen unter Wasser. Wärmeliebende Arten breiten sich aus, während Arten, die auf kühlere Bedingungen angewiesen sind, unter Druck geraten. Fachleute sprechen von einer «Tropikalisierung» des Mittelmeers.

Das Mittelmeer wird zum Hotspot der Meereserwärmung

Die Erwärmung betrifft nicht nur das Mittelmeer. Nach Angaben des EU-Klimadienstes Copernicus erreichten die Meeresoberflächentemperaturen im Juli 2026 weltweit einen Rekord für diesen Monat. Auch die europäischen Meere waren aussergewöhnlich warm. Besonders betroffen waren der Atlantik entlang der europäischen Küste und das westliche Mittelmeer.

Am 22. August erreichte die durchschnittliche globale Meeresoberflächentemperatur zwischen 60 Grad südlicher und 60 Grad nördlicher Breite laut Copernicus 21,1 Grad Celsius – der höchste bisher gemessene Tageswert. Die Rekordwerte zeigen, dass sich die aktuelle Erwärmung nicht auf einzelne Küstenregionen beschränkt.

Für das Mittelmeer ist die Entwicklung besonders ausgeprägt. Eine Untersuchung von World Weather Attribution (WWA) kommt zum Schluss, dass der Klimawandel die Intensität der extremen Meereswärme im östlichen und westlichen Mittelmeer in diesem Sommer um rund zwei Grad Celsius erhöht hat.

Extrem warme Meere verändern ganze Ökosysteme

Hohe Wassertemperaturen sind für Meeresökosysteme mehr als ein kurzfristiges Wetterphänomen. Arten, die an bestimmte Temperaturbereiche angepasst sind, geraten unter Druck. Andere Arten erhalten dagegen bessere Bedingungen, um sich auszubreiten.

Die WWA-Analyse zeigt, dass sich die Verbreitung von marinen Hitzewellen durch die Erwärmung deutlich verändert hat. Im westlichen Mittelmeer waren demnach rund 80 Prozent der untersuchten Region von einer marinen Hitzewelle betroffen. In einem hypothetischen Klima ohne die bisherige menschengemachte Erwärmung wären es nach der Modellierung nur etwa 40 Prozent gewesen.

Solche Hitzewellen können zu Massensterben bei Korallen, Schwämmen und Algen führen. Wenn solche Arten verschwinden, hat dies Folgen für weitere Teile der Nahrungskette. Fische, wirbellose Tiere und Meeressäuger können ebenfalls betroffen sein.

Warum immer mehr tropische Arten auftauchen

Besonders sichtbar wird die Veränderung bei den Arten. Biologe Guido Gnone vom Aquarium von Genua bezeichnet die Entwicklung als Tropikalisierung. Gemeint ist damit eine allmähliche Verschiebung der Artenzusammensetzung zugunsten wärmeliebender Arten.

Eine wichtige Rolle spielt dabei der Suezkanal. Seit seiner Eröffnung im Jahr 1869 können Arten aus dem Roten Meer und dem Indopazifik leichter ins Mittelmeer gelangen. Lange Zeit waren die unterschiedlichen Umweltbedingungen eine natürliche Barriere. Mit der Erwärmung des Mittelmeers wird diese Barriere schwächer.

Heute sind unter anderem Rotfeuerfische, Kaninchenfische, Flötenfische und Silberkugelfische im Mittelmeer anzutreffen. Einige dieser Arten können sich in den wärmer werdenden Gewässern etablieren und einheimische Arten verdrängen oder mit ihnen um Nahrung und Lebensraum konkurrieren.

Gnone erwartet deshalb keine Rückkehr zum früheren Zustand. «Das Mittelmeer wird nicht mehr so sein, wie es war», sagt der Biologe gegenüber SRF.

Auch heimische Arten geraten unter Druck

Die Veränderung betrifft nicht nur neu eingewanderte Arten. Auch Tiere, die seit Jahrhunderten zum Mittelmeer gehören, müssen sich an die neuen Bedingungen anpassen.

Ein Beispiel ist der Grosse Tümmler. Wenn sich seine Beutetiere wegen der höheren Wassertemperaturen in tiefere Bereiche zurückziehen, wird die Nahrungssuche für den Delfin schwieriger. Sein Lebensraum verändert sich damit nicht nur geografisch, sondern auch über die Verfügbarkeit von Nahrung.

Andere Arten profitieren dagegen zumindest vorübergehend. Die Unechte Karettschildkröte etwa breitet ihr Verbreitungsgebiet nach Norden aus. Sie nistet inzwischen auch im Ligurischen Meer, obwohl ihre traditionellen Brutgebiete weiter südöstlich liegen.

Die Entwicklung bedeutet deshalb nicht, dass jede Art vom Klimawandel gleichermassen geschädigt wird. Es entsteht vielmehr eine neue Zusammensetzung des Ökosystems – mit Gewinnern und Verlierern.

Schweizer Forscher untersucht die Veränderungen

Auch die Schweizer Forschung ist an der Untersuchung dieser Entwicklung beteiligt. Der Klimaforscher Thomas Frölicher von der Universität Bern gehört zu den Autoren der aktuellen WWA-Analyse.

Die Forschenden verglichen Beobachtungsdaten mit Klimamodellen, um zu untersuchen, welchen Anteil die menschengemachte Erwärmung an den aussergewöhnlichen Meerestemperaturen hat. Das Ergebnis ist deutlich: In den beiden untersuchten Mittelmeerregionen beträgt die der menschlichen Klimaerwärmung zugeschriebene zusätzliche Erwärmung rund zwei Grad.

Frölicher warnt damit nicht vor einer isolierten Mittelmeerentwicklung. Die Veränderungen reichen vom Atlantik vor Irland bis zum Mittelmeer. Nach Angaben der Forschenden sind die europäischen Meere schneller wärmer geworden als es allein aufgrund natürlicher Schwankungen zu erwarten wäre.

Die Folgen reichen bis an die Küsten

Die Erwärmung des Meeres betrifft nicht nur Fische und andere Meerestiere. Wärmeres Meerwasser kann auch die Bedingungen an Land verändern. Eine höhere Meeresoberflächentemperatur führt zu mehr Verdunstung und kann die Luft über den Küstenregionen erwärmen und mit zusätzlicher Feuchtigkeit anreichern.

Damit kann die Meereserwärmung auch die menschliche Gesundheit und die Küstenwirtschaft beeinflussen. Hinzu kommen mögliche Folgen für Fischerei, Aquakultur und Tourismus. Besonders problematisch sind länger anhaltende marine Hitzewellen, weil sich die Ökosysteme von extremen Temperaturen nur langsam erholen können.

Eine Rückkehr zum früheren Mittelmeer ist nicht in Sicht

Die aktuellen Daten zeichnen ein deutliches Bild: Das Mittelmeer erwärmt sich, und der Klimawandel verstärkt die extremen Temperaturen. Gleichzeitig verändert sich die Zusammensetzung der Arten.

Wie stark diese Entwicklung weitergeht, hängt wesentlich von der weiteren Erwärmung des Klimas ab. Die WWA-Analyse kommt zum Schluss, dass die untersuchten extremen Meerestemperaturen in einer nochmals um 1,4 Grad wärmeren Welt weitere 1,3 bis 1,9 Grad höher ausfallen könnten.

Schutz und Anpassung können die Folgen begrenzen. Dazu gehören der Schutz empfindlicher Lebensräume, eine Anpassung von Fischerei und Aquakultur sowie bessere Überwachungssysteme für marine Hitzewellen. Die grundlegende Ursache der Erwärmung lässt sich damit jedoch nicht beseitigen.

Das Mittelmeer ist damit nicht nur ein beliebtes Ferienziel, sondern auch ein sichtbarer Indikator des Klimawandels. Was heute wie ungewöhnlich warmes Badewasser erscheint, kann unter der Oberfläche eine tiefgreifende Veränderung des marinen Lebens bedeuten.

Quellen

  • SRF: «Immer wärmere Ozeane – Wie die Tropikalisierung das Mittelmeer verändert», 27. August 2026.
  • World Weather Attribution: «Climate change is driving unprecedented European ocean temperatures, with severe impacts for marine life», 19. August 2026.
  • Copernicus Climate Change Service: Meeresoberflächentemperaturen Juli und August 2026.
  • Copernicus Marine Service: Aktuelle Mess- und Beobachtungsdaten zur Meeresoberflächentemperatur im Mittelmeer.
  • Universität Bern, Oeschger-Zentrum: Forschung von Thomas Frölicher zur Ozeanerwärmung und zum Klimawandel.

Artikel teilen

Fehler im Artikel melden

Vielen Dank für Ihren Hinweis. Bitte beschreiben Sie den Fehler so genau wie möglich.

PNG, JPG oder WebP, max. 5 MB

Kommentare

Melden Sie sich an, um mitzudiskutieren.

Noch keine Kommentare. Schreiben Sie den ersten.