
PISA 2025: Starkes Land, ungleiche Chancen
Schweizer Jugendliche liegen über dem OECD-Schnitt – doch Lesen und Mathematik verlieren an Boden
Schweizer 15-Jährige schneiden in Naturwissenschaften, Mathematik und Lesen weiterhin besser ab als der Durchschnitt der OECD. An der PISA-Erhebung 2025 nahmen hierzulande rund 7600 Jugendliche aus 275 Schulen teil. Das Resultat ist eine gute Nachricht – aber kein Grund zur Selbstzufriedenheit.
In der Hauptdomäne Naturwissenschaften erreichte die Schweiz 501 Punkte gegenüber 482 im OECD-Mittel. In Mathematik waren es 499 zu 463 Punkten; nur drei OECD-Länder schnitten besser ab. Beim Lesen lag die Schweiz mit 470 Punkten ebenfalls signifikant über dem OECD-Durchschnitt von 461. Im neu erhobenen modellbasierten Problemlösen erzielte sie 520 Punkte gegenüber 500.

Der Mittelwert verdeckt den Langzeittrend
Die naturwissenschaftlichen Leistungen sind über rund zehn Jahre stabil geblieben. In Mathematik und Lesen zeigt der Trend dagegen nach unten. Ein Teil dieser Entwicklung ist international: Auch der OECD-Durchschnitt ist rückläufig. Für die Schweiz ist das kein Trost. Lesekompetenz bildet die Grundlage für fast alle Fächer, berufliche Ausbildung und politische Teilhabe.
PISA misst keine einzelne Schulnote und erlaubt keine Rangliste bis auf das letzte Land. Stichproben, Übersetzungen und unterschiedliche Bildungssysteme bringen Unsicherheiten mit sich. Die Studie ist dennoch wertvoll, weil sie über Jahre vergleichbare Aufgaben verwendet und nicht nur Lehrpläne, sondern die Anwendung von Wissen prüft.
Die soziale Herkunft bleibt entscheidend
In den Naturwissenschaften zeigen sich in der Schweiz keine signifikanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Deutlich wichtiger sind soziale Herkunft, zu Hause gesprochene Sprache und Migrationshintergrund. Jugendliche aus dem sozial schwächsten Viertel erreichen im Mittel wesentlich tiefere Leistungen als Gleichaltrige aus den übrigen Gruppen.
Das bedeutet nicht, dass Herkunft das Schicksal jedes Kindes bestimmt. Es zeigt eine statistische Barriere. Familien mit Zeit, Geld und Bildung können Nachhilfe, Bücher, ruhige Lernräume oder Unterstützung bei der Berufswahl leichter bereitstellen. Schulen müssen diese Unterschiede nicht vollständig aufheben, sollten sie aber möglichst wenig verstärken.
KI ist im Klassenzimmer angekommen
Digitale Medien werden an Schweizer Schulen etwa so häufig für Lernaktivitäten eingesetzt wie im OECD-Durchschnitt. Künstliche Intelligenz nutzen Jugendliche hierzulande jedoch häufiger für schulische Aufgaben. Das eröffnet Chancen für individuelle Erklärungen und Sprachen – und Risiken durch oberflächliches Kopieren, falsche Antworten und unklare Datenverwendung.
Ein Verbot allein wäre zu kurz gegriffen. Schulen brauchen Aufgaben, bei denen Denkweg, Quellenprüfung und mündliche Erklärung zählen. Lehrpersonen benötigen Weiterbildung und verlässliche Werkzeuge. Jugendliche sollten lernen, wann KI hilft, wo sie täuscht und weshalb eigenes Lesen und Rechnen nicht delegiert werden kann.
Was das für Eltern und Politik bedeutet
Eltern müssen aus PISA keine private Prüfungssaison machen. Wirksamer sind regelmässiges Lesen, Gespräche über Inhalte, genügend Schlaf und realistische Grenzen bei der Bildschirmzeit. Laut PISA verbringt an Wochentagen fast die Hälfte der Befragten zwischen einer und drei Stunden täglich in sozialen Netzwerken; ein Drittel mehr als drei Stunden. Die Zahl beweist keine Ursache für schlechtere Leistungen, zeigt aber, wie stark Aufmerksamkeit umkämpft ist.
Für die Bildungspolitik lautet der Auftrag: gute Spitzenwerte bewahren, ohne die Mindestkompetenzen aus dem Blick zu verlieren. Frühförderung, Sprachunterstützung und attraktive Lehrberufe sind weniger spektakulär als eine Rangliste, aber entscheidender. Schweizer Qualitätsbildung zeigt sich nicht nur daran, wie hoch der Durchschnitt liegt – sondern daran, wie wenige Jugendliche am unteren Rand zurückbleiben.
Die föderale Struktur macht Vergleiche innerhalb der Schweiz besonders wichtig, aber auch anspruchsvoll. Massnahmen sollten nicht nach politischem Geschmack kopiert, sondern begleitet und ausgewertet werden. Wenn ein Kanton Leseförderung, frühe Sprachbildung oder neue Prüfungsformen ausbaut, braucht es Daten dazu, welche Gruppen profitieren. So wird PISA zum Ausgangspunkt für Lernen statt zum vierjährlichen Schlagzeilenritual.



