Alpine Solaranlagen: Ausbau kommt voran – doch die Gesamtbilanz fehlt
Mehrere Grossprojekte sind inzwischen am Netz oder im Bau. Eine aktuelle schweizweite Bilanz über realisierte Anlagen und ihre tatsächliche Stromproduktion gibt es jedoch weiterhin nicht.

Warum alpine Solarenergie im Winter interessant ist
Photovoltaikanlagen in höheren Lagen können im Winter pro installierter Leistung mehr Strom erzeugen als vergleichbare Anlagen im Flachland. Gründe sind unter anderem die dünnere Atmosphäre, weniger Nebel und die Reflexion des Sonnenlichts durch Schnee. Das Bundesamt für Energie weist allerdings darauf hin, dass der tatsächliche Ertrag stark von Standort und Ausrichtung abhängt.
Für die Schweizer Stromversorgung ist dieser Unterschied relevant. Die Nachfrage nach Elektrizität ist im Winter besonders hoch, während die Produktion vieler Photovoltaikanlagen im Mittelland wegen kürzerer Tage, tieferem Sonnenstand und häufiger Bewölkung deutlich zurückgeht.
Alpine Anlagen setzen deshalb nicht einfach auf möglichst viel Jahresproduktion. Ihr besonderer Wert liegt darin, einen überdurchschnittlichen Anteil ihrer Energie dann zu erzeugen, wenn Strom in der Schweiz besonders gefragt ist.

Der Bund setzt seit 2026 einen zusätzlichen Anreiz
Seit dem 1. Januar 2026 gilt für grosse Photovoltaikanlagen ein neuer Winterstrombonus. Voraussetzung ist, dass eine Anlage im Winterhalbjahr mehr als 500 Kilowattstunden pro Kilowatt installierter Leistung produziert.
Der Bonus ersetzt den bisherigen Höhenbonus. Damit wird nicht mehr allein die Höhenlage einer Anlage berücksichtigt. Entscheidend ist vielmehr, ob tatsächlich eine erhöhte Winterstromproduktion erreicht wird. Der Fördermechanismus soll damit gezielter Anlagen begünstigen, die einen Beitrag zur Stromversorgung im Winter leisten.
Die Regelung gilt für Anlagen, die ab dem 1. Januar 2026 in Betrieb genommen werden. Für grosse Photovoltaikanlagen gelten daneben weitere rechtliche Voraussetzungen, insbesondere im Zusammenhang mit Standort, Bewilligung und Winterproduktion.
Madrisa zeigt, dass die Projekte tatsächlich ans Netz kommen
Ein wichtiger Referenzpunkt ist Madrisa Solar oberhalb von Klosters im Prättigau. Die Anlage auf rund 2000 Metern über Meer begann Ende September 2025 mit der Einspeisung ins Stromnetz und war damit die erste alpine Freiflächenanlage im Rahmen des Solarexpress, die Strom produzierte.
Im Endausbau soll Madrisa Solar rund 17 Gigawattstunden pro Jahr erzeugen. Mehr als 40 Prozent davon sollen im Winterhalbjahr anfallen. Die Anlage verfügt im Endausbau über rund 3200 Solartische mit insgesamt rund 20'000 bifazialen Modulen.
Der erste Winter lieferte zudem einen konkreten Praxistest. Nach Angaben der Betreiber produzierte Madrisa Solar im ersten Winter mehr Strom als prognostiziert. Zu diesem Zeitpunkt waren rund 3600 Solarmodule in Betrieb. Der weitere Ausbau soll schrittweise erfolgen; die vollständige Inbetriebnahme ist bis Ende 2027 vorgesehen.
Madrisa ist damit mehr als ein Modell auf dem Papier. Gleichzeitig lässt sich aus den Erfahrungen dieser einen Anlage nicht direkt auf alle alpinen Projekte schliessen. Höhenlage, Ausrichtung, Schneeverhältnisse, Verschattung und lokale Wetterbedingungen beeinflussen den Ertrag.
Auch andere Anlagen liefern bereits Strom
Madrisa ist nicht das einzige alpine Solarprojekt, das inzwischen den Betrieb aufgenommen hat. Bei Sedrun Solar und der Anlage Sidenplangg wurde Ende 2025 ebenfalls erstmals alpiner Solarstrom ins Netz eingespeist.
Bei beiden Projekten waren zu Beginn allerdings erst rund 13 Prozent der vorgesehenen Leistung in Betrieb. Die Anlagen werden deshalb nicht mit ihrer späteren Gesamtproduktion betrieben.
Das zeigt ein grundsätzliches Problem bei der aktuellen Bilanzierung: «in Betrieb» bedeutet bei einem Grossprojekt nicht automatisch, dass die geplante Leistung bereits vollständig verfügbar ist. Viele Anlagen werden schrittweise gebaut und angeschlossen.
39 alpine Projekte in der aktuellen VSE-Übersicht
Einen aktuellen Überblick über die Projektlandschaft liefert der Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen. In seiner Übersicht vom 26. Juni 2026 sind schweizweit 39 geplante alpine Photovoltaik-Freiflächenanlagen aufgeführt.
Der VSE erfasst dabei insgesamt 153 grössere Ausbauprojekte für erneuerbare Energien. Werden alle aufgeführten Grossprojekte realisiert, könnten sie zusammen rund 5,2 Terawattstunden Jahresproduktion erreichen. Der mögliche zusätzliche Winterstrom wird mit mindestens 4,3 Terawattstunden angegeben.
Diese Zahlen dürfen allerdings nicht mit der heutigen Produktion gleichgesetzt werden. Es handelt sich um das Potenzial der erfassten Projekte und nicht um Strom, der bereits tatsächlich ins Schweizer Netz fliesst.
Gerade bei den alpinen Photovoltaikanlagen ist dieser Unterschied entscheidend: Zwischen einer Projektidee, einer Baubewilligung, einer Anlage im Bau, einer teilweisen Inbetriebnahme und dem vollständigen Betrieb können mehrere Jahre liegen.
Die Fachhochschulen sahen 2024 ein grosses Potenzial
Einen früheren Zwischenstand lieferten vier Fachhochschulen. Die Berner Fachhochschule, die Ostschweizer Fachhochschule, die SUPSI und die ZHAW lancierten im Juli 2024 die Plattform alpine-pv.ch. Die Erhebung erfasste damals geplante, verworfene und bereits realisierte alpine Photovoltaikprojekte.
Die erfassten Vorhaben kamen zusammen auf ein potenzielles Jahresproduktionsvolumen von rund 939 Gigawattstunden. Davon entfielen 563 Gigawattstunden auf Projekte in aktiver Planung. Für zurückgezogene oder abgelehnte Projekte wurden 373 Gigawattstunden ausgewiesen.
Verglichen mit dem Schweizer Ausbauziel von 18,7 Terawattstunden Photovoltaik pro Jahr entsprach das damalige Potenzial rund fünf Prozent. Alpine Photovoltaik ist damit mengenmässig kein Ersatz für den gesamten Solarausbau. Ihre Bedeutung liegt vielmehr in der zusätzlichen Winterproduktion.
Albigna liefert wichtige Referenzwerte
Noch bevor der Solarexpress eine grössere Zahl neuer Projekte hervorbrachte, lieferte die Photovoltaikanlage an der Staumauer Albigna im Bündner Bergell wichtige Erfahrungen. Die Anlage ist seit September 2020 in Betrieb.
Die Begleitforschung ermittelte für die ersten drei Betriebsjahre einen spezifischen Ertrag von 1269 Kilowattstunden pro Kilowatt installierter Leistung. Der durchschnittliche Anteil des Winterhalbjahres an der gesamten Produktion lag bei 47,8 Prozent.
Die Werte zeigen, welches Produktionsprofil an einem geeigneten alpinen Standort möglich ist. Sie sind jedoch nicht automatisch auf andere Projekte übertragbar. Eine Anlage an einem anderen Standort kann wegen Ausrichtung, Höhe, Verschattung oder lokaler Wetterbedingungen deutlich andere Ergebnisse erzielen.
Was 2026 bekannt ist – und was nicht
Die Datenlage hat sich gegenüber 2024 verbessert. Das Bundesamt für Energie stellt inzwischen einen Datensatz zu den gemeldeten grossen Photovoltaikanlagen zur Verfügung. Dieser enthält Informationen zu geplanten und realisierten Anlagen.
Auch die Projektübersichten des VSE und die Angaben einzelner Betreiber ermöglichen einen aktuellen Blick auf den Ausbau. Daraus lässt sich eindeutig erkennen: Alpine Photovoltaik ist 2026 nicht mehr nur ein Planungsprojekt. Erste Anlagen produzieren bereits Strom, weitere befinden sich im Bau.
Was weiterhin fehlt, ist eine einfach verständliche, schweizweit konsolidierte Bilanz, die für alle alpinen Anlagen gleichzeitig ausweist, welche Projekte vollständig oder teilweise in Betrieb sind und wie viel Strom sie tatsächlich produzieren.
Genau diese Unterscheidung ist für die politische Bewertung entscheidend. Eine Liste geplanter Projekte zeigt das mögliche Potenzial. Eine Liste bewilligter Projekte zeigt den rechtlichen Fortschritt. Eine Liste der in Betrieb genommenen Anlagen zeigt den Ausbau. Erst die tatsächlich gemessene Produktion zeigt aber, welchen Beitrag alpine Solarenergie bereits zur Schweizer Stromversorgung leistet.
Der Ausbau ist real – sein Beitrag bleibt begrenzt
Die bisherigen Daten sprechen weder für einen Misserfolg noch für einen bereits abgeschlossenen Ausbau. Alpine Solaranlagen werden tatsächlich gebaut und liefern inzwischen Strom. Gleichzeitig befindet sich ein grosser Teil des möglichen Potenzials noch in verschiedenen Stadien der Planung oder Realisierung.
Auch mengenmässig darf die alpine Photovoltaik nicht überschätzt werden. Die 39 vom VSE erfassten Projekte sind Teil eines viel grösseren Schweizer Ausbaus erneuerbarer Energien. Sie können einen zusätzlichen Beitrag zum Winterstrom leisten, werden die Schweizer Stromversorgung aber nicht allein absichern.
Entscheidend ist deshalb weniger die Zahl der angekündigten Projekte als die Frage, wie viele davon tatsächlich gebaut werden, wann sie vollständig ans Netz gehen und wie viel Strom sie im Winter produzieren.
Die entscheidende Bilanz kommt erst mit der Produktion
Der alpine Solarausbau hat 2026 einen wichtigen Schritt gemacht: Die ersten Grossanlagen sind am Netz, weitere werden gebaut und der Bund hat die Förderung stärker auf tatsächlichen Winterstrom ausgerichtet.
Eine abschliessende Bilanz lässt sich daraus aber noch nicht ziehen. Das Potenzial ist inzwischen gut sichtbar, die tatsächlich realisierte Leistung und die effektive Stromproduktion aller Projekte hingegen weniger.
Für die Beurteilung des Solarexpresses wird deshalb letztlich nicht entscheidend sein, wie viele Projekte angekündigt wurden. Entscheidend wird sein, wie viele Anlagen tatsächlich vollständig gebaut werden und wie viel zusätzlichen Strom sie im Winter liefern.
Alpine Solarenergie ist damit ein realer Bestandteil der Schweizer Energiewende geworden – aber noch kein messbar grosser Teil ihrer Stromversorgung.
Quellen
- Bundesamt für Energie (BFE): Informationen und Datensatz zu Photovoltaik-Grossanlagen.
- Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE): Übersicht der Ausbauprojekte, Stand 26. Juni 2026.
- EKZ / Madrisa Solar: Angaben zur Teilinbetriebnahme, Produktion und zum weiteren Ausbau.
- Energie Wasser Bern (ewb): Projektstand Sedrun Solar und Sidenplangg.
- Berner Fachhochschule, Ostschweizer Fachhochschule, SUPSI und ZHAW: Erhebung zu alpinen Photovoltaikanlagen, Juli 2024.
- BFE: Erläuternder Bericht zur Revision der Energieförderungsverordnung und zum Winterstrombonus.



