Statistische Auswertungen und Karten auf einem Schreibtisch gehen in leere Seiten über.
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SchweizRecherche08:15 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 4 Min.0 Kommentare

Die Schweiz streicht Daten zu Bauernhöfen – und misst Wohnen und Umwelt seltener

Der Bund streicht Erhebungen und verlängert Messabstände. Dadurch verschwinden Zahlen nicht immer vollständig – doch Veränderungen werden später sichtbar.

Eine Statistik verschwindet selten mit einem lauten Knall. Meist wird sie zuerst seltener erhoben, später aktualisiert oder durch eine kleinere Ersatzlösung weitergeführt. Genau das geschieht nun beim Bundesamt für Statistik (BFS). Der Bundesrat hat am 9. September 2026 die Verordnung über die Durchführung statistischer Erhebungen revidiert. Hinter der technischen Anpassung steht eine politische Entscheidung: Der Bund spart an der Infrastruktur, mit der sich das Land selbst beobachtet.

Ein Sparprogramm mit Folgen über das Amt hinaus

Das BFS weist ein strukturelles Defizit von rund 20 Millionen Franken aus. Bis 2028 soll es jährlich rund 13 Millionen Franken sparen und etwa 40 Vollzeitstellen abbauen. Zum Vergleich: 2025 lagen die laufenden Ausgaben des Amtes bei 190,9 Millionen Franken. Das Sparziel entspricht damit knapp sieben Prozent dieses Aufwands.

Nicht jede betroffene Zahl verschwindet vollständig. Manche Reihen werden langsamer, andere wechseln den Träger. Für Politik und Forschung ist das dennoch relevant: Je grösser die Zeitabstände und je häufiger Methoden oder Zuständigkeiten wechseln, desto schwieriger werden zeitnahe Vergleiche.

Landwirtschaft: weniger Wissen über neue Fragen

Das BFS verzichtet auf Ergänzungs- und Zusatzerhebungen bei Landwirtschaftsbetrieben. Die landwirtschaftliche Grundstatistik bleibt bestehen. Weg fällt jedoch ein Instrument, mit dem neue Themen vertieft werden konnten – etwa Energieverbrauch, Bewässerung oder ökologische Produktionsweisen.

Gerade dort wächst der Informationsbedarf. Agroscope untersucht den künftigen Wasserbedarf der Landwirtschaft bereits mit Modellen, weil flächendeckende direkte Messungen fehlen. Modelle sind wertvoll, beruhen aber auf Annahmen. Ohne regelmässige Betriebsdaten wird schwieriger zu prüfen, wie stark sich die Praxis tatsächlich verändert und ob Förderprogramme wirken.

Wohnbau: Der Markt wird langsamer sichtbar

Ebenfalls gestrichen wird die vierteljährliche Baustatistik. Gebäude- und Wohnungsdaten verschwinden damit nicht aus der Bundesstatistik, doch kurzfristige Wendepunkte werden später erkennbar.

Das ist kein akademisches Problem. Gemeinden planen Schulraum und Verkehr, Kantone beurteilen Richtpläne, Investoren reagieren auf Leerstände und Bautätigkeit. In einem angespannten Wohnungsmarkt kann eine Verzögerung von mehreren Monaten bedeuten, dass Entscheidungen auf einem Bild beruhen, das bereits überholt ist.

Umwelt: grössere Abstände zwischen den Messpunkten

Die Statistik der Umweltschutzausgaben soll nur noch alle vier statt alle zwei Jahre erstellt werden. Der geplante schnellere Rhythmus der Arealstatistik wird nicht umgesetzt; es bleibt bei neun Jahren. Auch Umwelt- und Ökosystemrechnungen werden verzögert.

Damit fehlen nicht sämtliche Daten. Aber die Lücken zwischen zwei Messpunkten werden grösser. Bei Bodenverbrauch, Siedlungsentwicklung oder öffentlichen Umweltinvestitionen kann das entscheidend sein: Politische Massnahmen lassen sich schlechter während ihrer Laufzeit korrigieren, wenn belastbare Resultate erst Jahre später vorliegen.

Wohnungsbau, landwirtschaftliche Bewässerung und Schweizer Landschaft werden durch verblassende Datenlinien verbunden.
Weniger und langsamere Statistiken erschweren den Blick auf Wohnbau, Landwirtschaft und Umwelt. · JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild

Bibliotheken: Ersatz mit kleinerer Abdeckung

Die Bibliotheksstatistik gehört künftig nicht mehr zum Angebot des BFS. Bibliosuisse und die ZHAW führen eine Branchenlösung weiter. Das verhindert einen vollständigen Datenabbruch, zeigt aber auch die Grenzen des Ersatzes.

Im ersten Jahr der Verbandsstatistik beteiligten sich 1095 Bibliotheken – rund 400 weniger als zuvor in der BFS-Erhebung. Die jüngste Publikation weist 983 öffentliche Bibliotheken aus. Diese Zahlen dürfen nicht unbesehen als Rückgang der Bibliotheken interpretiert werden: Ein Teil der Differenz kann durch Teilnahme und Abgrenzung entstehen. Genau darin liegt das Problem. Wenn der Kreis der Erfassten oder die Methode wechselt, wird der Langzeitvergleich unsicherer.

Reiseverhalten: eine offene Frage

Im Sparprogramm von 2025 war auch das Ende der Erhebung zum Reiseverhalten der Schweizer Wohnbevölkerung angekündigt. In der Mitteilung zur nun beschlossenen Umsetzung wird sie nicht mehr erwähnt. Die jüngste veröffentlichte Ausgabe bezieht sich auf 2024. Ob und in welcher Form die Reihe weitergeführt wird, bleibt öffentlich unklar.

Die Unklarheit ist selbst ein Transparenzproblem: Wer Statistiken nutzt, muss nicht nur wissen, welche Zahlen existieren, sondern auch, ob die nächste Ausgabe noch geplant ist.

Gespart wird auch an der Einordnung

Das BFS reduziert zudem erklärende Publikationen und stellt das Indikatorensystem zur Wohlfahrtsmessung ein. Rohdaten und Tabellen allein beantworten aber selten die entscheidende Frage: Was bedeutet eine Veränderung, und wie belastbar ist sie?

Der Bund argumentiert, gesetzlich zwingende Statistiken und zentrale Datenreihen würden priorisiert. Das ist nachvollziehbar. Doch der Nutzen einer Statistik hängt nicht allein davon ab, ob sie noch existiert. Entscheidend sind Aktualität, Kontinuität, Dokumentation und unabhängiger Zugang.

Ein zweites Massnahmenpaket zu Registerdaten, Finanzierung und weiteren Entlastungen ist noch offen. Damit ist die Debatte nicht beendet. Die entscheidende Frage lautet nun nicht nur, welche Erhebung gestrichen wird, sondern welche politischen Entscheidungen künftig mit älteren, lückenhafteren oder methodisch weniger vergleichbaren Daten getroffen werden müssen.

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