Wirtschaft12:13 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 5 Min.0 Kommentare

Swiss Life streicht 600 Stellen – obwohl der Gewinn steigt

Der Versicherer verdient im ersten Halbjahr 2026 deutlich mehr und kündigt gleichzeitig einen Stellenabbau bis Ende 2028 an. Rund 300 Arbeitsplätze dürften in der Schweiz betroffen sein. Zudem kauft Swiss Life eigene Aktien für 250 Millionen Franken zurück.

Swiss Life streicht 600 Stellen
Bild: open AI

Wie JournalPlus.ch bereits berichtet hatte, plant Swiss Life einen Abbau von rund 600 Stellen. Nun liegen die Halbjahreszahlen des Konzerns vor – und sie machen den Zusammenhang zwischen Wachstum und Sparprogramm besonders deutlich.

Mehr Gewinn, weniger Personal

Im ersten Halbjahr 2026 erzielte Swiss Life einen Reingewinn von 649 Millionen Franken. Das entspricht einem Plus von 8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Betriebsgewinn stieg in Lokalwährungen ebenfalls um 8 Prozent auf 967 Millionen Franken.

Besonders stark entwickelte sich das sogenannte Fee-Geschäft. Das Ergebnis aus Gebühren und Dienstleistungen erhöhte sich um 11 Prozent auf 430 Millionen Franken. Auch die Prämieneinnahmen legten zu und erreichten 12,3 Milliarden Franken.

Die Entwicklung zeigt: Der Stellenabbau ist nicht die unmittelbare Folge einer Krise oder eines Einbruchs beim Geschäft. Swiss Life verdient mehr Geld. Der Konzern will vielmehr seine Strukturen verändern und die Effizienz langfristig erhöhen.

Rund 300 Stellen in der Schweiz betroffen

Bis Ende 2028 sollen gruppenweit rund 600 Stellen wegfallen. Etwa die Hälfte davon betrifft Swiss Life in der Schweiz. Die andere Hälfte entfällt auf Swiss Life Asset Managers, vor allem an internationalen Standorten.

Für die betroffenen Mitarbeitenden bedeutet das nicht automatisch eine Kündigung. Swiss Life will einen grossen Teil des Abbaus über die natürliche Fluktuation erreichen. Rund 100 Stellen wurden bereits reduziert, indem frei werdende Positionen selektiv nicht mehr besetzt wurden. Bis Ende 2026 sollen weitere rund 100 Stellen wegfallen.

Damit dürften rund 200 der insgesamt 600 Stellen bereits bis Ende dieses Jahres beziehungsweise über die bisherigen Massnahmen abgebaut werden. Der restliche Abbau soll schrittweise bis Ende 2028 erfolgen.

Digitalisierung verändert die Versicherungsbranche

Swiss Life begründet den Umbau unter anderem mit der zunehmenden Digitalisierung. Viele Prozesse, die früher manuell erledigt wurden, lassen sich heute automatisieren. Hinzu kommen neue Möglichkeiten durch künstliche Intelligenz, Datenanalyse und digitale Kundenplattformen.

Für Versicherer entsteht dadurch ein schwieriger Balanceakt: Sie wollen mehr Leistungen anbieten und gleichzeitig Kosten senken. Gerade bei grossen Unternehmen können schon kleine Effizienzgewinne erhebliche Auswirkungen auf die Zahl der benötigten Arbeitsplätze haben.

CEO Matthias Aellig betont, dass Swiss Life auch über das Strategieprogramm «Swiss Life 2027» hinaus profitabel wachsen wolle. Dafür müsse das Unternehmen seine Position und seine Effizienz stärken und die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen.

Das Schweizer Geschäft wächst

Interessant ist dabei der Blick auf den Heimatmarkt. In der Schweiz stiegen die Prämieneinnahmen im ersten Halbjahr um 7 Prozent auf 6,75 Milliarden Franken. Das Segmentergebnis verbesserte sich um 2 Prozent auf 469 Millionen Franken.

Der Stellenabbau lässt sich deshalb auch im Schweizer Geschäft nicht einfach mit einer schwachen Nachfrage erklären. Vielmehr geht es um die Frage, wie viele Mitarbeitende künftig für ein wachsendes Geschäft benötigt werden.

Genau darin liegt die gesellschaftlich interessante Seite der Entwicklung: Ein Unternehmen kann wachsen und gleichzeitig Arbeitsplätze abbauen. Wachstum und Beschäftigung verlaufen in einer digitalisierten Wirtschaft nicht mehr zwangsläufig parallel.

Auch die Aktionäre profitieren

Parallel zum Sparprogramm will Swiss Life weiteres Kapital an die Aktionäre zurückgeben. Ab dem 1. Oktober 2026 startet ein Aktienrückkaufprogramm über bis zu 250 Millionen Franken. Es soll bis Ende März 2027 laufen.

Erst Ende Mai hatte Swiss Life bereits ein Rückkaufprogramm im Umfang von 750 Millionen Franken abgeschlossen. Der neue Rückkauf ist deshalb bemerkenswert: Während der Konzern seine Kostenstruktur überprüft und Stellen abbaut, fliesst gleichzeitig zusätzliches Geld an die Aktionäre.

Finanziell kann sich Swiss Life diesen Schritt leisten. Die Eigenkapitalrendite stieg im ersten Halbjahr von 17,6 auf 20,2 Prozent und liegt damit über der für «Swiss Life 2027» angestrebten Bandbreite von 17 bis 19 Prozent. Die geschätzte Solvenzquote lag Ende Juni bei rund 215 Prozent.

Kein Einzelfall in der Versicherungsbranche

Der Stellenabbau bei Swiss Life steht zudem in einem grösseren Zusammenhang. Die Schweizer Versicherungsbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Umbau.

Auch die Fusion von Helvetia und Baloise führt zu einem erheblichen Abbau von Arbeitsplätzen. Der Zusammenschluss soll weltweit Tausende Stellen verändern beziehungsweise abbauen. Unternehmen versuchen damit, Doppelspurigkeiten zu beseitigen, Strukturen zu vereinfachen und digitale Prozesse stärker zu nutzen.

Für die Beschäftigten bedeutet diese Entwicklung eine neue Realität: Selbst profitable Unternehmen überprüfen laufend, welche Tätigkeiten künftig noch in der bisherigen Form benötigt werden.

Was bedeutet das für die Schweiz?

Für die Schweizer Wirtschaft ist die Entwicklung ambivalent. Einerseits sind hohe Gewinne und Investitionen in Digitalisierung Zeichen einer leistungsfähigen Branche. Effizientere Unternehmen können international konkurrenzfähig bleiben und langfristig neue Geschäftsfelder erschliessen.

Andererseits stellt sich die Frage, was mit den Arbeitsplätzen passiert, die durch Automatisierung und Digitalisierung verschwinden. Wenn Versicherungen, Banken und andere grosse Arbeitgeber ihre Prozesse mit weniger Personal bewältigen können, verändert das auch den Schweizer Arbeitsmarkt.

Für Swiss Life dürfte deshalb entscheidend sein, wie viele der betroffenen Mitarbeitenden innerhalb des Unternehmens neue Aufgaben übernehmen können. Denn Digitalisierung bedeutet nicht zwingend weniger Arbeit – aber häufig eine andere Art von Arbeit.

Ein Signal für die Branche

Der Fall Swiss Life zeigt damit mehr als nur eine Personalentscheidung. Er steht exemplarisch für einen Wandel, der derzeit viele Schweizer Unternehmen beschäftigt: Wie lässt sich weiter wachsen, ohne dass die Kosten im gleichen Ausmass steigen?

Swiss Life beantwortet diese Frage mit Digitalisierung, Effizienzsteigerungen und einer schlankeren Organisation. Gleichzeitig zeigt der Konzern mit dem Aktienrückkauf, dass die finanzielle Situation stark genug ist, um Aktionäre am Erfolg zu beteiligen.

Für die Mitarbeitenden fällt die Bilanz dagegen weniger eindeutig aus. Rund 600 Stellen sollen bis 2028 verschwinden – obwohl der Versicherer mehr verdient als ein Jahr zuvor.

Genau darin liegt die eigentliche Geschichte hinter den Zahlen: Die Schweizer Versicherungsbranche wächst weiter. Aber sie braucht dafür offenbar zunehmend weniger Menschen.

Quellen

  • Swiss Life: Halbjahreszahlen 2026 und Ankündigung des Stellenabbaus
  • Swiss Life: Angaben zum Aktienrückkaufprogramm über 250 Millionen Franken
  • SRF: Berichterstattung zum Stellenabbau bei Swiss Life
  • finews: Analyse der Halbjahreszahlen und des geplanten Stellenabbaus

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