Weidel: «Man redet aneinander vorbei»
AfD-Chefin bekräftigt im ZDF-Sommerinterview ihre kompromisslose Linie

AfD-Chefin Alice Weidel hat sich im ZDF-Sommerinterview am 23. August 2026 mit Blick auf die bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und die politische Zukunft der AfD selbstbewusst gezeigt. Sie kündigte an, dass ihre Partei nicht nur in einzelnen Bundesländern, sondern auch auf Bundesebene Regierungsverantwortung übernehmen werde. Gleichzeitig griff sie die CDU und andere etablierte Parteien scharf an.
Im Gespräch mit ZDF-Moderator Wulf Schmiese verteidigte Weidel zentrale Positionen der AfD zu Migration, Klimapolitik, Verbrennungsmotoren, dem Euro und dem Verhältnis Deutschlands zum Schengen-Raum. Für die Schweiz ist die Entwicklung ebenfalls relevant: Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Schweiz in Europa, und politische Veränderungen in Berlin können Auswirkungen auf Handel, Grenzverkehr und die europäische Zusammenarbeit haben.
Weidel sieht AfD auf dem Weg in die Regierung
Weidel präsentierte die AfD im Sommerinterview ausdrücklich als künftige Regierungspartei. Mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeigte sie sich zuversichtlich, dass die Partei dort politische Verantwortung übernehmen könne. Auch auf Bundesebene kündigte sie einen entsprechenden Anspruch an.
Gleichzeitig kritisierte Weidel die sogenannte Brandmauer der etablierten Parteien gegenüber der AfD. Diese bezeichnete sie als „das Undemokratischste, was es gibt“. Besonders die CDU griff sie scharf an und warf ihr vor, politische Versprechen nicht einzuhalten.
Eine grundsätzliche Absage an jede Zusammenarbeit mit anderen Parteien erteilte Weidel allerdings nicht. Auf die Frage nach möglichen politischen Bündnissen erklärte sie, sie sei bereit, mit jeder Partei zu arbeiten, sofern diese aus ihrer Sicht fähig sei.
Migration bleibt ein zentrales Thema
Ein Schwerpunkt des Interviews war die Migrationspolitik. Weidel bekräftigte die Forderung der AfD nach einer deutlich restriktiveren Politik und stellte insbesondere die öffentliche Sicherheit in den Mittelpunkt ihrer Argumentation.
Auf die Frage, wie mögliche Abschiebungen nach Syrien oder Afghanistan praktisch organisiert werden könnten und ob es dafür entsprechende Rücknahmeabkommen gebe, lieferte Weidel keine konkrete Antwort. Stattdessen verwies sie auf eine stärkere Sicherung der deutschen Grenzen und kündigte an, Deutschland könne aus dem Schengen-Abkommen austreten.
Für die Schweiz wäre eine solche Entwicklung von besonderem Interesse. Die Schweiz ist zwar nicht Mitglied der Europäischen Union, gehört aber zum Schengen-Raum. Veränderungen an den deutschen Grenzen könnten deshalb auch Auswirkungen auf den grenzüberschreitenden Personenverkehr zwischen Deutschland und der Schweiz haben.
Deutschland und die Schweiz verfügen über enge wirtschaftliche und gesellschaftliche Verbindungen. Täglich pendeln Menschen über die Grenze, während Unternehmen auf möglichst reibungslose Waren- und Personenströme angewiesen sind. Eine grundlegende Änderung der deutschen Schengen-Politik würde deshalb auch in der Schweiz aufmerksam beobachtet.
Streit über die deutsche Autoindustrie
Auch die Zukunft der deutschen Automobilindustrie war Gegenstand des Gesprächs. Weidel verteidigte die Position der AfD gegen eine staatliche Vorgabe für bestimmte Antriebstechnologien und forderte „Technologieoffenheit“.
Für die Schweiz ist die deutsche Autoindustrie ebenfalls relevant. Deutschland gehört zu den wichtigsten Handelspartnern der Schweiz, und zahlreiche Schweizer Unternehmen sind in deutsche und europäische Lieferketten eingebunden.
Eine Veränderung der deutschen Industriepolitik könnte deshalb indirekt auch Schweizer Zulieferer und Unternehmen betreffen. Dies gilt insbesondere dann, wenn sich die deutsche Automobilindustrie stärker auf bestimmte Technologien konzentriert oder ihre Lieferketten neu ausrichtet.
Weidel stellt Klimapolitik infrage
Beim Thema Klimawandel stellte Weidel die Notwendigkeit weitreichender politischer Massnahmen infrage. Sie verwies darauf, dass es Klimaveränderungen bereits in der Vergangenheit gegeben habe, und lehnte eine Politik ab, die aus ihrer Sicht zu stark in Wirtschaft und Alltag eingreift.
Die Position steht im Gegensatz zur Klimapolitik der deutschen Bundesregierung und der Europäischen Union. Für die Schweiz ist die Entwicklung relevant, weil die Schweizer Wirtschaft eng mit dem europäischen Binnenmarkt verbunden ist und viele Unternehmen von europäischen Umwelt-, Energie- und Industriepolitik betroffen sind.
Kritik am Euro und mögliche Folgen für die Schweiz
Auch die europäische Währungspolitik war Thema des Interviews. Weidel verteidigte die Position der AfD, die einen Austritt Deutschlands aus dem Euro weiterhin als politische Option betrachtet. Sie bezeichnete den Euro als instabile Währung und stellte die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands vor der Einführung der Gemeinschaftswährung positiv heraus.
Für die Schweiz wäre eine grundlegende Veränderung der deutschen oder europäischen Währungspolitik von erheblicher Bedeutung. Deutschland ist die grösste Volkswirtschaft der Eurozone und gleichzeitig ein zentraler Handelspartner der Schweiz.
Ein ernsthafter politischer Konflikt um die Zukunft des Euro könnte zu erheblichen Bewegungen an den Finanzmärkten führen. In einem solchen Szenario könnte auch der Schweizer Franken stärker unter Aufwertungsdruck geraten. Für Schweizer Exporteure wäre das relevant, weil ein stärkerer Franken ihre Produkte im Ausland verteuert.
Ob ein solches Szenario tatsächlich eintreten könnte, hängt allerdings von zahlreichen Faktoren ab. Weidels Äusserungen im Sommerinterview stellen keine konkrete Ankündigung eines deutschen Euro-Austritts dar.
Schengen: Ein Thema mit direkter Schweizer Relevanz
Besonders interessant für die Schweiz ist Weidels Forderung nach einem möglichen deutschen Austritt aus dem Schengen-Raum. Die Schweiz ist seit 2008 Teil des Schengen-Raums und hat dadurch die systematischen Personenkontrollen an den Grenzen zu den anderen Schengen-Staaten weitgehend abgeschafft.
Deutschland ist für die Schweiz dabei besonders wichtig. Die gemeinsame Grenze ist rund 360 Kilometer lang und verbindet zahlreiche Regionen mit engem wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Austausch.
Ein deutscher Austritt aus Schengen würde nicht automatisch bedeuten, dass die Schweiz ihre eigene Schengen-Mitgliedschaft beendet. Er könnte jedoch zu zusätzlichen Grenzkontrollen und neuen administrativen Anforderungen im Verkehr zwischen Deutschland und seinen Nachbarstaaten führen.
Für Grenzgänger, Tourismus und Unternehmen wären mögliche Auswirkungen deshalb von grossem Interesse. Wie weitreichend diese wären, würde von den konkreten Regelungen abhängen, die Deutschland im Falle eines Austritts mit seinen europäischen Nachbarn vereinbaren würde.
Die AfD und die Schweiz
Die politische Entwicklung in Deutschland wird in der Schweiz traditionell aufmerksam verfolgt. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Schweiz und spielt auch für die europäische Wirtschaftspolitik eine zentrale Rolle.
Ein stärkerer Einfluss der AfD auf die deutsche Politik könnte deshalb für Bern und die Schweizer Wirtschaft relevant werden – insbesondere bei Themen wie Migration, Personenfreizügigkeit, Energiepolitik, Handel und den Beziehungen zwischen der Schweiz und der Europäischen Union.
Gleichzeitig sollte zwischen politischen Positionen und konkreten politischen Entscheidungen unterschieden werden. Die AfD befindet sich derzeit in der Opposition. Welche ihrer Forderungen tatsächlich umgesetzt werden könnten, hängt von Wahlergebnissen, möglichen Koalitionen und politischen Mehrheiten ab.
Sachsen-Anhalt als wichtiger Test
Das Timing des Sommerinterviews ist politisch besonders relevant. Am 6. September 2026 findet die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt statt. Die AfD liegt dort in den Umfragen deutlich vorn und könnte bei einem sehr starken Ergebnis ihren Anspruch auf Regierungsverantwortung unterstreichen.
Für die AfD steht die Wahl deshalb symbolisch für den Versuch, sich von einer Oppositionspartei zu einer möglichen Regierungspartei zu entwickeln. Ein starkes Ergebnis könnte die Diskussion über den Umgang der etablierten Parteien mit der AfD weiter verschärfen.
Was für die Schweiz jetzt wichtig wird
Für die Schweiz sind vor allem drei Entwicklungen relevant: die Stärke der AfD bei den deutschen Wahlen, ein möglicher Wandel der deutschen Europapolitik und konkrete Veränderungen bei Migration und Grenzkontrollen.
Solange die AfD keine Regierungsverantwortung auf Bundesebene trägt, bleiben viele ihrer Forderungen politische Positionen. Sollte sich ihre politische Macht jedoch deutlich erhöhen, könnten Themen wie Schengen, Euro, Migration und die deutsche Industriepolitik auch für die Schweiz an Bedeutung gewinnen.
Das ZDF-Sommerinterview war deshalb nicht nur ein Blick auf den deutschen Wahlkampf. Es zeigte auch politische Positionen, deren mögliche Auswirkungen über Deutschland hinausreichen. Für die Schweiz dürfte insbesondere die Frage entscheidend sein, ob aus den heutigen Forderungen der AfD künftig konkrete Regierungspolitik wird.



