
Der erste IBM-Quantencomputer kommt in die Schweiz
Warum die Anlage in Lugano wichtig ist – und weshalb der Durchbruch noch nicht garantiert ist
Die Schweiz erhält erstmals einen eigenen Quantencomputer von IBM. Ende 2026 soll am Nationalen Supercomputing-Zentrum CSCS der ETH Zürich in Lugano ein IBM Quantum System Two mit einem Nighthawk-Prozessor in Betrieb gehen. Die Anlage steht in unmittelbarer Nähe zum Supercomputer «Alps». Genau diese Nachbarschaft ist wichtiger als das futuristische Etikett: Viele realistische Anwendungen werden klassische Hochleistungsrechner und Quantenprozessoren kombinieren.
Finanziert wird das Vorhaben im Rahmen eines Offset-Geschäfts zwischen dem Rüstungskonzern Lockheed Martin und dem Bundesamt für Rüstung armasuisse. IBM installiert, wartet und betreibt das System. ETH und CSCS stellen Stromversorgung, Kühlung und Sicherheit bereit und entscheiden über die Zuteilung der Rechenkapazitäten. Die Zusammenarbeit ist vorerst bis 2029 angelegt.

Was ein Quantencomputer anders macht
Ein normaler Computer verarbeitet Bits als Nullen oder Einsen. Quantencomputer nutzen Qubits, deren Zustände sich überlagern und miteinander verschränken können. Für bestimmte mathematische Probleme eröffnet das neue Rechenwege. Besonders interessant sind Simulationen von Molekülen und Materialien, Optimierungsfragen sowie einzelne Verfahren in Chemie, Physik und Finanzwirtschaft.
Das bedeutet jedoch nicht, dass E-Mail, Tabellenkalkulation oder künstliche Intelligenz morgen auf Quantenmaschinen umziehen. Heutige Systeme sind empfindlich, fehleranfällig und nur für ausgewählte Aufgaben sinnvoll. Ob sie bei einem konkreten industriellen Problem einen praktischen Vorteil gegenüber den besten klassischen Verfahren erreichen, muss jeweils nachgewiesen werden. Ein Quantencomputer ist deshalb kein besonders schneller Laptop, sondern ein hochspezialisiertes Forschungsinstrument.
Der grösste Gewinn ist zunächst das Know-how
Forschende, Start-ups und Unternehmen sollen über die ETH Zugang zum neuen Innovationszentrum und bereits während der Installation zu IBM-Systemen in der Cloud erhalten. Das verkürzt den Weg zwischen Theorie und Versuch. Wer Algorithmen entwickeln, Fehler verstehen oder hybride Anwendungen testen will, kann dies künftig mit eigener Infrastruktur und Fachwissen vor Ort tun.
Für die Schweiz ist das vor allem ein Talentprojekt. Quanteninformatik verbindet Physik, Mathematik, Informatik und Ingenieurwesen. Solche Fachleute sind knapp. Ein System in Lugano kann Studierende ausbilden, Kooperationen zwischen Hochschulen erleichtern und Firmen helfen, zwischen belastbaren Anwendungen und Marketingversprechen zu unterscheiden. Auch das Tessin gewinnt als Forschungsstandort an Gewicht.
Die strategische Seite der Anlage
Quantenrechnen ist zugleich Sicherheits- und Industriepolitik. Künftige leistungsfähige Systeme könnten heute verwendete Verschlüsselungsverfahren bedrohen. Umgekehrt verspricht die Technologie Fortschritte bei Sensorik, Werkstoffen und industrieller Optimierung. Dass ein US-Konzern die Maschine betreibt und ein Rüstungsgeschäft die Finanzierung ermöglicht, wirft deshalb legitime Fragen nach Zugangsregeln, geistigem Eigentum und langfristiger Abhängigkeit auf.
Transparente Vergabekriterien und eine breite Nutzung durch Schweizer Hochschulen sind entscheidend. Ebenso wichtig ist, parallel quantensichere Verschlüsselung voranzutreiben. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht hat Finanzinstitute bereits auf Risiken durch Quantencomputer und die nötige Migration zu neuen kryptografischen Standards hingewiesen.
Was das für die Schweiz bedeutet
Für Herr und Frau Schweizer ändert sich 2026 im Alltag wenig. Der Nutzen ist indirekt: bessere Forschung, qualifizierte Arbeitsplätze und die Chance, dass Schweizer Firmen früh lernen, wo Quantentechnik tatsächlich Mehrwert schafft. Der Staat sollte den Erfolg nicht an spektakulären Demonstrationen messen, sondern an ausgebildeten Fachleuten, öffentlich nachvollziehbaren Forschungsresultaten und Anwendungen, die klassische Methoden überprüfbar übertreffen.
Die Anlage ist damit weder ein Wundermittel noch bloss ein Prestigeobjekt. Sie ist eine teure Lernplattform in einem strategischen Feld. Ob daraus ein nachhaltiger Vorteil entsteht, entscheidet nicht die Zahl der Qubits allein, sondern wie offen, kritisch und produktiv die Schweiz die Infrastruktur nutzt.
Zur Erfolgskontrolle gehören deshalb öffentlich bekannte Kriterien: Welche Institutionen erhalten Zugang? Wie viele Projekte führen zu publizierten Ergebnissen, Patenten oder neuen Firmen? Und welcher Anteil der Rechenzeit dient unabhängiger Grundlagenforschung? Solche Kennzahlen schützen das Projekt vor überhöhten Erwartungen und machen sichtbar, ob der Nutzen über einzelne Partner hinausreicht.



