
Weniger Kinder, ältere Schweiz: Die stille Rechnung
Warum die rekordtiefe Geburtenrate weit über die Familienpolitik hinausreicht
In der Schweiz leben seit 2025 erstmals mehr Menschen im Rentenalter als unter 20-Jährige. Dahinter stehen die höhere Lebenserwartung und eine Geburtenrate, die 2024 zum ersten Mal unter 1,3 Kinder pro Frau gefallen ist. Zum rechnerischen Erhalt einer Generation wären langfristig etwa 2,1 Kinder nötig.
Ein neues Working Paper der Eidgenössischen Finanzverwaltung ordnet die Entwicklung aus finanzpolitischer Sicht ein. Es ist keine Prognose eines plötzlichen Zusammenbruchs. Es beschreibt eine langsame Verschiebung, deren Folgen sich über Jahrzehnte auf Arbeitsmarkt, AHV, Gesundheitssystem, Steuern und Investitionen verteilen.

Die Folgen beginnen auf dem Arbeitsmarkt
Weniger Geburten bedeuten später weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter. Das inländische Arbeitskräfteangebot wächst langsamer, während mehr ältere Personen Leistungen der Altersvorsorge und des Gesundheitswesens beanspruchen. Ohne höhere Produktivität, längere Erwerbsphasen oder Zuwanderung kann sich der Fachkräftemangel verschärfen.
Für öffentliche Haushalte wirkt die Entwicklung auf beiden Seiten. Langsameres Wirtschaftswachstum dämpft langfristig Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Gleichzeitig steigen altersabhängige Ausgaben. Dadurch können Bildung, Infrastruktur oder Klimaschutz stärker um finanzielle Mittel konkurrieren. Das ist keine Rechnung, die Familien allein begleichen sollen; sie betrifft die Architektur des gesamten Staates.
Warum Menschen weniger Kinder haben
Die Forschung nennt keine einzelne Ursache. Direkte Kosten für Betreuung, Wohnen und Ausbildung spielen ebenso eine Rolle wie entgangenes Erwerbseinkommen. Hinzu kommen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, kurze Elternzeiten, steuerliche Fehlanreize für Zweitverdienende und eine weiterhin ungleiche Verteilung unbezahlter Arbeit.
Ebenso wichtig sind veränderte Lebensentwürfe. Menschen gründen später Familien, Ansprüche an Elternschaft sind gestiegen und ein Leben ohne Kinder wird gesellschaftlich stärker akzeptiert. Das ist Ausdruck persönlicher Freiheit. Der Staat darf daraus kein Soll für private Lebensentscheidungen ableiten.
Geld allein löst das Problem nicht
Viele Länder setzen auf Elternurlaub, Zulagen, subventionierte Betreuung oder Steuerentlastungen. Solche Massnahmen können Familien spürbar entlasten und die Erwerbsbeteiligung erhöhen. Die vom Bund ausgewertete Forschung zeigt jedoch, dass ihr Effekt auf die Geburtenrate meist klein oder vorübergehend bleibt. Einzelne Babyprämien sind deshalb keine nachhaltige Demografiepolitik.
Erfolgversprechender sind verlässliche Pakete über die gesamte Kinderphase: bezahlbare Betreuung, planbare Arbeitsmodelle, faire Steuern und genügend familiengerechter Wohnraum. Ihr Wert sollte nicht allein daran gemessen werden, ob die Geburtenrate steigt. Sie können auch Armut senken, Chancengleichheit verbessern und Eltern ermöglichen, so zu leben und zu arbeiten, wie sie es wünschen.
Was das für Herr und Frau Schweizer bedeutet
Selbst ein rascher Anstieg der Geburten würde den Arbeitsmarkt erst ungefähr zwei Jahrzehnte später entlasten. Die Schweiz muss sich daher gleichzeitig anpassen: das Potenzial von Frauen und älteren Erwerbstätigen besser nutzen, Weiterbildung stärken, Produktivität fördern und arbeitsmarktorientierte Zuwanderung ermöglichen. Zudem werden Reformen bei Altersvorsorge und Gesundheitskosten dringlicher.
Für Familien zählt im Alltag weniger eine nationale Kennzahl als die Frage, ob Betreuung verfügbar, Wohnen bezahlbar und Erwerbsarbeit vereinbar ist. Für die Politik lautet die Lektion: Kinder sind keine finanzpolitische Ressource. Wer Familien stärkt, sollte ihre Freiheit und Lebensrealität verbessern. Wer die Staatsfinanzen stabilisieren will, muss Systeme bauen, die auch mit dauerhaft tiefen Geburtenraten funktionieren.
Auch Unternehmen haben eine Rolle. Planbare Teilzeitmodelle, Rückkehrmöglichkeiten nach einer Familienpause und faire Karrierechancen für beide Elternteile entscheiden mit darüber, wie hoch die indirekten Kosten eines Kindes ausfallen. Solche Arbeitsbedingungen ersetzen keine öffentliche Familienpolitik, können aber verhindern, dass sich Erwerbs- und Kinderwunsch unnötig ausschliessen.



