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Frontex wirft Belarus Tunnelbau in die EU vor

Lettland meldet ersten Tunnel – was bedeuten die Vorwürfe für die Schweiz?

Belarus Tunnelbau
Bild: Valsts robezsardze

Frontex warnt vor neuen Tunnelrouten von Belarus in die EU

Die europäische Grenzschutzagentur Frontex geht davon aus, dass Belarus die illegale Migration in die EU zunehmend über unterirdische Tunnel unterstützt. Eine interne Analyse, die WDR und NDR ausgewertet haben, kommt zum Schluss, dass solche Tunnel auf belarusischer Seite kaum ohne Kenntnis und Unterstützung der dortigen Dienste gebaut werden könnten. In Lettland wurden inzwischen bereits zwei solcher Tunnel entdeckt.

Die Entwicklung zeigt, wie sich die Migrationsrouten an der östlichen EU-Aussengrenze verändern. Nachdem Litauen, Lettland und Polen ihre Grenzen zu Belarus mit Zäunen, Kameras und weiteren Überwachungssystemen gesichert haben, versuchen Schleuser und Migranten offenbar zunehmend, die Grenzanlagen auf anderem Weg zu überwinden.

Frontex vermutet Unterstützung durch belarusische Dienste

Nach Informationen von WDR und NDR analysiert Frontex die Tunnel als Teil einer zunehmend ausgefeilten Vorgehensweise. In der internen Analyse kommt die Agentur zu dem Schluss, dass solche Tunnel auf der belarusischen Seite der Grenze nicht ohne Kenntnis und Unterstützung der belarusischen Dienste gebaut würden.

Frontex hält dem Bericht zufolge ausserdem für möglich, dass das Regime von Machthaber Aljaksandr Lukaschenka Spezialisten für den Bau der Tunnel einsetzen oder Migranten zum Graben heranziehen könnte. Gleichzeitig geht die Agentur davon aus, dass die unterirdischen Routen auch künftig genutzt werden könnten, solange der Migrationsdruck aus Belarus anhält.

Wichtig ist die Einordnung: Die Frontex-Analyse ist eine nachrichtendienstlich beziehungsweise behördenintern geprägte Einschätzung. Sie ist kein öffentlich vorgelegter Beweis dafür, dass die belarusische Regierung jeden einzelnen Tunnel selbst bauen lässt. Der Vorwurf richtet sich vielmehr gegen eine mutmassliche staatliche Unterstützung und Duldung der Routen.

Zwei Tunnel in Lettland entdeckt

Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung in Lettland. Am 10. August entdeckten lettische Grenzschützer nahe Silene einen unterirdischen Tunnel, durch den 15 Personen aus Belarus nach Lettland gelangt waren. Der Ausgang des Tunnels lag rund zehn Meter von der Grenzanlage entfernt.

Die lettische Grenzschutzbehörde bezeichnete den Fund als den ersten bekannten Fall, in dem ein solcher Tunnel für einen illegalen Grenzübertritt nach Lettland genutzt wurde. Die 15 Personen wurden aufgegriffen und nach Belarus zurückgeführt. Die Behörden hatten zuvor bereits Hinweise auf den Bau eines Tunnels in diesem Gebiet erhalten.

Nur wenige Tage später wurde ein weiterer Tunnel entdeckt. Am 20. August stoppten lettische Behörden 28 Personen, die ebenfalls über einen unterirdischen Durchgang aus Belarus gekommen sein sollen. Damit sind in Lettland inzwischen mindestens zwei solche Tunnel bekannt.

Die lettischen Behörden haben daraufhin ihre Kontrollen an der Grenze verstärkt. Unter anderem kommen zusätzliche Soldaten, Drohnen und weitere Überwachungstechnik zum Einsatz.

Auch Litauen und Polen betroffen

Die Tunnel sind kein ausschliesslich lettisches Phänomen. Laut der von WDR und NDR ausgewerteten Frontex-Analyse wurden bereits zuvor mehrere unterirdische Verbindungen zwischen Belarus und Litauen sowie zwischen Belarus und Polen entdeckt.

Allein in Litauen sollen 2026 bereits fünf Tunnel entdeckt worden sein. Durch drei davon gelangten nach Angaben im Frontex-Bericht mindestens 86 Migranten aus Afghanistan, Pakistan, Irak und Indien in die EU. Zwei weitere Tunnel wurden demnach entdeckt, bevor sie für Grenzübertritte genutzt werden konnten.

Für Frontex sind die Tunnel ein Hinweis darauf, dass sich die Methoden an der Grenze verändern. Wenn Zäune und andere oberirdische Sperren schwerer zu überwinden sind, verlagern sich die Routen teilweise unter die Erde.

Belarus Tunnelbau in die EU
Bild: Valsts robezsar

Weniger Grenzübertritte – aber neue Methoden

Die Entwicklung bedeutet allerdings nicht, dass die irreguläre Migration an der östlichen EU-Aussengrenze insgesamt zunimmt. Nach den im Frontex-Bericht genannten Zahlen ist die Zahl der registrierten irregulären Grenzübertritte in der Region im ersten Halbjahr 2026 deutlich zurückgegangen.

Gleichzeitig hat sich die Route innerhalb der Region verschoben. Besonders Lettland verzeichnete zuletzt deutlich mehr versuchte Grenzübertritte. Die lettischen Behörden meldeten allein an einzelnen Tagen mehr als hundert Versuche.

Damit entsteht ein widersprüchliches Bild: Insgesamt gehen die registrierten Grenzübertritte zurück, während die Methoden derjenigen, die dennoch versuchen, die Grenze zu überwinden, offenbar komplexer werden.

Belarus und die Instrumentalisierung von Migration

Der Streit über die Rolle von Belarus reicht bis ins Jahr 2021 zurück. Seit damals werfen Polen, Litauen und Lettland der Regierung in Minsk vor, Migranten gezielt an die EU-Grenze zu bringen und den Migrationsdruck als politisches Druckmittel einzusetzen.

Die EU bezeichnet die Vorgänge seit Jahren als Instrumentalisierung von Migration. Belarus weist die Vorwürfe zurück.

Auch die lettischen Behörden gehen inzwischen von einem organisierten Vorgehen aus. Nach den jüngsten Entwicklungen leitete die lettische Generalstaatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Verantwortliche des belarusischen Grenzdienstes ein. Die lettische Grenzschutzbehörde hatte zuvor eine entsprechende Beschwerde eingereicht. Darin wird ein seit 2021 anhaltender und systematischer Migrationsdruck beschrieben.

Warum die Tunnel für Europa ein Sicherheitsproblem sind

Die unterirdischen Routen stellen die europäischen Grenzschutzbehörden vor eine besondere Herausforderung. Ein Zaun kann einen oberirdischen Grenzübertritt verhindern, einen mehrere Meter unter der Erde verlaufenden Tunnel jedoch nicht ohne Weiteres.

Die Behörden setzen deshalb zunehmend auf technische Überwachung. Nach Angaben von Frontex beziehungsweise den von WDR und NDR ausgewerteten Informationen können elektronische Systeme eingesetzt werden, um grössere Hohlräume im Erdreich aufzuspüren.

Für die Sicherheitsbehörden geht es dabei nicht nur um Migration. Die östliche EU-Aussengrenze wird zunehmend als Teil einer umfassenderen hybriden Bedrohung betrachtet. Lettland bezeichnet den Migrationsdruck aus Belarus als Teil dieser Sicherheitsproblematik.

Welche Rolle spielt Frontex?

Frontex unterstützt die EU-Mitgliedstaaten beim Schutz der gemeinsamen Aussengrenzen. Auch an der lettisch-belarusischen Grenze sind Frontex-Mitarbeiter und Experten im Einsatz.

Die lettische Grenzschutzbehörde meldete im August eine weitere Rotation von Frontex-Experten im Rahmen einer gemeinsamen europäischen Operation. Die Zusammenarbeit soll die Überwachung und den Schutz der EU-Aussengrenze verbessern.

Die aktuellen Entwicklungen zeigen damit auch, weshalb die EU ihre Grenzschutzagentur zunehmend als Teil ihrer Sicherheitsarchitektur betrachtet. Die Herausforderungen reichen inzwischen von klassischer illegaler Migration über Schleuserkriminalität bis zu möglichen staatlich unterstützten hybriden Operationen.

Was bedeutet die Entwicklung für die Schweiz?

Die Schweiz ist nicht Mitglied der Europäischen Union, gehört aber zum Schengen-Raum und arbeitet eng mit den europäischen Staaten beim Grenz- und Migrationsschutz zusammen.

Eine direkte Tunnelroute von Belarus in die Schweiz gibt es nicht. Auch die vorliegenden Berichte liefern keinen Hinweis darauf, dass solche Tunnel für eine Migration in die Schweiz genutzt werden.

Indirekte Auswirkungen sind jedoch möglich. Wenn sich Migrationsrouten an der EU-Aussengrenze verändern, kann dies auch die weiteren Bewegungen innerhalb Europas beeinflussen. Für die Schweiz sind deshalb insbesondere die Entwicklungen an den Schengen-Aussengrenzen und bei den sekundären Migrationsbewegungen relevant.

Die aktuelle Entwicklung zeigt zudem, wie stark der europäische Grenzschutz inzwischen von der Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Staaten abhängt. Die Schweiz ist als Schengen-Mitglied Teil dieses Systems, obwohl sie keine EU-Aussengrenze zu Belarus oder Russland besitzt.

Eine neue Form des Grenzschutzes

Die Tunnel an der Grenze zu Belarus sind deshalb mehr als eine ungewöhnliche Methode der illegalen Einreise. Sie zeigen, wie sich Grenzübertritte verändern, wenn Staaten ihre sichtbaren Grenzen immer stärker absichern.

Für die europäischen Behörden bedeutet das einen Wettlauf zwischen neuen Schutztechnologien und neuen Methoden der Schleusernetzwerke. Frontex geht davon aus, dass Tunnel weiterhin eine Rolle spielen könnten, solange der Migrationsdruck aus Belarus anhält.

Fazit

Die Zahl der irregulären Grenzübertritte an der östlichen EU-Aussengrenze ist zwar rückläufig, gleichzeitig werden die Methoden der Grenzüberquerung offenbar ausgefeilter. Die Entdeckung von inzwischen mindestens zwei Tunneln in Lettland und mehreren weiteren Tunneln in Litauen und Polen unterstreicht diese Entwicklung.

Besonders brisant ist die Einschätzung von Frontex, wonach solche Tunnel auf belarusischer Seite nicht ohne Kenntnis und Unterstützung der dortigen Dienste gebaut werden könnten. Damit erhält die Debatte über die Instrumentalisierung von Migration eine neue Dimension.

Ob die belarusischen Behörden tatsächlich systematisch am Bau einzelner Tunnel beteiligt sind, lässt sich aus den öffentlich zugänglichen Informationen nicht abschliessend beweisen. Fest steht jedoch: Die europäischen Grenzschutzbehörden rechnen damit, dass unterirdische Routen auch künftig genutzt werden könnten.

Für die Schweiz besteht derzeit keine unmittelbare Bedrohung durch die Tunnel. Als Schengen-Mitglied bleibt die Entwicklung an der östlichen EU-Aussengrenze jedoch auch für die Schweiz relevant.

Quellen

  • Tagesschau / WDR / NDR: «Tunnel in EU-Staaten – Frontex erhebt schwere Vorwürfe gegen Belarus», 19. August 2026.
  • Staatlicher Grenzschutz Lettlands: «Border guards detect 15 persons who illegally crossed the State border through an underground tunnel», 11. August 2026.
  • Staatlicher Grenzschutz Lettlands: Meldung über die Entdeckung eines zweiten Tunnels und 28 aufgegriffene Personen, 21. August 2026.
  • Euronews: «Latvia has stopped 28 migrants who crossed the eastern EU border from Belarus using a tunnel», 21. August 2026.
  • Reuters: Bericht über den ersten Tunnel an der lettisch-belarusischen Grenze, 11. August 2026.

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