Hybrider Krieg gegen Deutschland: Was die Schweiz daraus lernt
Deutschland ringt mit russischer Einflussnahme. Die Schweiz verfolgt die Lage genau – auch wegen ihrer eigenen Rolle.

Der Begriff «hybrider Krieg» ist in der sicherheitspolitischen Debatte allgegenwärtig. Er beschreibt Angriffe, die unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Konflikts bleiben: Cyberattacken auf Regierungsnetze, Desinformationskampagnen, Spionage, Sabotage an kritischer Infrastruktur und wirtschaftlicher Druck. In Deutschland hat diese Bedrohungslage in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Für die Schweiz, deren Wohlstand eng mit Deutschland verbunden ist, stellt sich die Frage, ob sie sich auf ähnliche Szenarien einstellen muss.
Deutschland im Visier russischer Operationen
Russland gilt in deutschen Sicherheitskreisen als eine der grössten Bedrohungen für die Innere Sicherheit. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach in seiner Regierungserklärung vom 27. Februar 2022 im Bundestag von einer «Zeitenwende»: «Wir erleben eine Zeitenwende.» Die Regierung reagierte mit einem Sondervermögen für die Bundeswehr und einer Neuausrichtung der Sicherheitspolitik. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Abwehr hybrider Angriffe, die oft erst nach langer Zeit als solche erkannt werden.
Besonders deutlich wird die Bedrohung im Cyberraum. Das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnt seit Jahren vor gezielten Angriffen auf Behörden, Parteien und Unternehmen. Im Jahr 2015 wurde der Bundestag selbst Opfer eines schweren Cyberangriffs, der russischen Hackern zugeschrieben wird. Seither sind weitere Vorfälle bekannt geworden, bis hin zu mutmasslichen Sabotageakten an der Bahninfrastruktur. Diese Angriffe sind selten spektakulär, aber sie untergraben das Vertrauen in staatliche Institutionen.
Die deutsche Antwort auf die Bedrohung
Die Bundesregierung versucht, mit einer Mischung aus technischen Abwehrmassnahmen und diplomatischen Instrumenten zu reagieren. Ein zentrales Element ist die «Nationale Sicherheitsstrategie», die im Jahr 2023 verabschiedet wurde. Sie definiert hybride Bedrohungen als Teil der sicherheitspolitischen Agenda und schafft Zuständigkeiten. Verteidigungsminister Boris Pistorius formulierte im Januar 2023 die Haltung der Bundeswehr in diesem Zusammenhang auf eine knappe Formel: «Wir müssen kriegstüchtig werden.»
Doch die Abwehr hybrider Angriffe ist komplex. Denn die Urheber bewegen sich im Graubereich zwischen Krieg und Frieden, und die Beweislage ist oft schwierig. Deutschland setzt deshalb auf eine Kombination aus öffentlicher Benennung, diplomatischen Konsequenzen und dem Ausbau eigener Fähigkeiten. Dazu gehören etwa mehr Personal für die Cybersicherheit, aber auch eine Sensibilisierung der Bevölkerung, um Desinformationen besser zu erkennen.
Was die Schweiz von Deutschland lernen kann
Die Schweiz ist kein direktes Ziel russischer Vergeltungsmassnahmen – zumindest nicht in vergleichbarer Intensität. Doch die enge wirtschaftliche und gesellschaftliche Verflechtung mit Deutschland macht sie verwundbar. Wenn in Deutschland etwa die Logistik oder die Energieversorgung angegriffen würde, hätten diese Störungen rasch Auswirkungen auf die Schweiz. Zudem ist die Schweiz selbst regelmässig von Cyberangriffen betroffen, wie die Lageberichte des Bundesamts für Cybersicherheit (BACS, früher MELANI) zeigen.
Die Schweizer Sicherheitsarchitektur setzt traditionell auf Neutralität und bewaffnete Neutralität. Hybride Bedrohungen machen jedoch nicht an Staatsgrenzen Halt. Deshalb verfolgen Schweizer Behörden die deutschen Erfahrungen genau. Ein besonderes Augenmerk gilt der Frage, wie sich Demokratien wehren können, ohne die eigenen Werte zu verraten. Transparenz im Umgang mit Desinformation und eine wehrhafte Zivilgesellschaft sind hier zentrale Stichworte.
Die Auseinandersetzung wird dauern. Deutschland und die Schweiz stehen vor ähnlichen Herausforderungen: dem Schutz kritischer Infrastruktur, der Resilienz ihrer Gesellschaften und der Zusammenarbeit mit Partnern. Wer einen hybrider Krieg führen will, zielt nicht in erster Linie auf Territorium, sondern auf Vertrauen. Die Demokratie kann diesen Angriff nur überstehen, wenn sie die Gefahr benennt – ohne in Hysterie zu verfallen. Genau das versucht Deutschland, mit Schwächen, aber auch mit zunehmender Professionalität. Für die Schweiz ist das ein Modell, das es zu beobachten lohnt.



