Vom Ölpreis bis zur Inflation: Die Folgen des Iran-Kriegs für die Schweiz
Wie stark der Krieg die Schweiz tatsächlich trifft.

Seit sechs Monaten Krieg im Iran – und die Folgen sind auch in der Schweiz spürbar. Benzin und Diesel wurden deutlich teurer, Heizöl verteuerte sich zeitweise massiv und die Schweizer Wirtschaft verlor an Dynamik. Trotzdem blieb die allgemeine Teuerung erstaunlich niedrig. Während andere europäische Länder deutlich stärkere Preisschübe verzeichneten, kam die Schweiz bisher vergleichsweise glimpflich durch die Krise.
An der Tankstelle wurde der Krieg sichtbar
Für viele Schweizerinnen und Schweizer wurde der Krieg nicht zuerst durch Nachrichten aus dem Nahen Osten spürbar, sondern beim Tanken. Anfang 2026 kostete ein Liter Bleifrei 95 im Durchschnitt noch rund 1.65 Franken. Nach Beginn des Krieges Ende Februar stiegen die Preise deutlich. Im Mai lag der Durchschnitt zeitweise über 1.90 Franken.
Inzwischen hat sich die Situation wieder etwas entspannt. Nach aktuellen Erhebungen des TCS kostet Bleifrei 95 im Schweizer Durchschnitt rund 1.98 Franken pro Liter, Bleifrei 98 rund 2.09 Franken und Diesel rund 2.23 Franken. Damit liegen die Preise weiterhin deutlich über dem Niveau vor Kriegsbeginn. Seit Ende Februar haben sich Benzin und Diesel je nach Produkt um rund 14 bis 18 Prozent verteuert.
Warum der Preisschock nicht grösser wurde
Der entscheidende Faktor ist die internationale Energieversorgung. Der Krieg und die Einschränkungen rund um die Strasse von Hormus liessen die Ölpreise stark steigen. Die Schweiz produziert selbst kein Erdöl und muss Mineralölprodukte vollständig importieren.
Gleichzeitig verfügt die Schweiz über Pflichtlager. Für Autobenzin, Diesel und Heizöl entsprechen die Vorräte grundsätzlich dem durchschnittlichen Bedarf von rund viereinhalb Monaten. Diese Reserven sind nicht dafür gedacht, normale Preisschwankungen auszugleichen. Sie dienen vielmehr dazu, bei einer schweren Versorgungsstörung Zeit zu gewinnen.
Bislang musste die Schweiz diese letzte Stufe nicht einsetzen. Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung beurteilt die Versorgung weiterhin als gewährleistet. Angespannt bleibt die Lage allerdings, weil neben der geopolitischen Situation auch die tiefen Wasserstände des Rheins den Transport von Treibstoffen erschweren.
Die Überraschung: Kaum Teuerung
Noch bemerkenswerter ist die Entwicklung bei der allgemeinen Teuerung. Im Juli 2026 stiegen die Konsumentenpreise in der Schweiz gegenüber dem Vorjahresmonat lediglich um 0.4 Prozent. Im Juni waren es 0.5 Prozent.
Damit unterscheidet sich die Schweiz deutlich von vielen europäischen Ländern. Im Euroraum lag die jährliche Teuerung im Juli bei 2.9 Prozent. In Deutschland betrug sie 2.8 Prozent. Besonders stark schlugen dort die höheren Energiepreise durch: Kraftstoffe verteuerten sich in Deutschland im Juli gegenüber dem Vorjahr um 23 Prozent.
Warum bleibt die Schweiz trotz des höheren Ölpreises so stabil? Ein wichtiger Faktor ist der starke Franken. Erdöl wird auf dem Weltmarkt überwiegend in US-Dollar gehandelt. Ein stärkerer Franken kann deshalb einen Teil des Preisanstiegs abfedern. Gleichzeitig ist die Schweizer Wirtschaft weniger stark von fossilen Energieträgern abhängig als manche europäische Volkswirtschaften.
Heizöl trifft Haushalte stärker
Ganz ohne Folgen bleibt die Krise allerdings nicht. Besonders beim Heizöl waren die Ausschläge erheblich. Anfang Jahr kosteten 100 Liter Heizöl in der Schweiz etwas mehr als 90 Franken. Nach Beginn des Krieges stieg der Preis zeitweise auf über 160 Franken.
Inzwischen hat sich der Markt wieder beruhigt. Der Preis lag zuletzt bei ungefähr 110 Franken pro 100 Liter. Für Haushalte bedeutet das: Der schlimmste Preisschock ist vorerst vorbei – von einer Rückkehr zu den Preisen vom Jahresbeginn kann aber keine Rede sein.
Auch die Wirtschaft bekommt den Krieg zu spüren
Die Energiepreise wirken nicht nur auf Autofahrer und Hauseigentümer. Sie verteuern Transporte, Reisen und energieintensive Produktionsprozesse. Der Bund hat deshalb seine Wachstumserwartungen für die Schweizer Wirtschaft gesenkt. Für 2026 rechnet die Expertengruppe des Bundes mit einem Wachstum von 0.9 Prozent.
Das KOF der ETH Zürich ist mit 0.8 Prozent noch etwas pessimistischer. Gleichzeitig gehen die Ökonomen davon aus, dass die Auswirkungen auf die Inflation in der Schweiz begrenzt bleiben. Der starke Franken und die schwache Binnennachfrage wirken als Gegengewichte.
Die Schweiz hat aus früheren Krisen gelernt
Dass die Schweiz bisher ohne Treibstoffmangel durch die Krise kommt, ist deshalb kein Zufall. Pflichtlager, diversifizierte Transportwege und ein ausgeprägtes Krisenmanagement gehören seit Jahrzehnten zur Schweizer Versorgungspolitik.
Auch die Erfahrungen aus der Ölkrise der 1970er-Jahre und dem Energiepreisschock nach dem russischen Angriff auf die Ukraine haben gezeigt, dass Versorgungssicherheit nicht erst organisiert werden kann, wenn die Lieferketten bereits zusammenbrechen.
Der Bund kann im Ernstfall Pflichtlager freigeben und den Verbrauch reduzieren. Noch ist dieser Schritt nicht notwendig. Die Behörden beobachten die Situation jedoch laufend.
Im europäischen Vergleich steht die Schweiz gut da
Der Vergleich mit den Nachbarländern zeigt die Besonderheit der Schweiz. Während die Energiekrise in Deutschland und anderen EU-Staaten deutlich stärker auf die Konsumentenpreise durchschlägt, bleibt die Schweizer Gesamtteuerung niedrig.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Schweiz immun gegen einen weiteren Energieschock wäre. Sollte die Strasse von Hormus dauerhaft blockiert bleiben oder würden weitere wichtige Förder- und Transportinfrastrukturen ausfallen, könnten die Preise erneut stark steigen.
Die bisherige Bilanz ist deshalb zweigeteilt: Der Krieg ist an der Schweizer Zapfsäule angekommen, aber noch nicht im Portemonnaie in jenem Ausmass, wie es die internationalen Energiemärkte zunächst befürchten liessen.
Für die Schweiz ist das eine gute Nachricht – aber keine Entwarnung. Die Versorgung funktioniert, die Inflation bleibt niedrig und die Pflichtlager geben zusätzliche Sicherheit. Gleichzeitig zeigen die höheren Treibstoff- und Heizölpreise, wie abhängig auch die Schweiz von globalen Energie- und Transportwegen bleibt.
Quellen
- Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung: Aktuelle Versorgungslage
- Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung: Pflichtlager
- SRF: Entwicklung von Benzin- und Heizölpreisen
- Bundesamt für Statistik: Konsumentenpreise
- Eurostat: Inflation in Europa
- SECO: Konjunkturprognose Schweiz
- KOF ETH Zürich: Konjunkturprognose



