Italiens Opposition ringt um Einheit – und Meloni gewinnt Zeit
Giuseppe Conte und Elly Schlein finden keine gemeinsame Linie – das spielt Regierungschefin Giorgia Meloni in die Karten.

Giorgia Meloni ist seit Herbst 2022 Regierungschefin Italiens – und ihre Regierung steht bemerkenswert stabil. In einem Land, in dem Regierungen nach dem Zweiten Weltkrieg häufig wechselten, könnte Meloni bald einen historischen Rekord aufstellen. Doch vor der Parlamentswahl 2027 zeichnet sich bereits der nächste Machtkampf ab. Entscheidend wird sein, ob die Opposition ihre Kräfte bündeln kann.
Im Zentrum steht das sogenannte «Campo largo», ein mögliches breites Mitte-links-Bündnis. Dazu gehören unter anderem Elly Schlein mit dem Partito Democratico (PD), Giuseppe Conte mit der Fünf-Sterne-Bewegung (M5S) sowie die Allianz Verdi e Sinistra. Bei einem gemeinsamen Auftritt in Neapel im Juli signalisierten die Parteien, dass sie sich nicht erneut durch gegenseitige Konkurrenz spalten lassen wollen.
Schlein und Conte: Gemeinsam gegen Meloni – aber wie?
Die beiden wichtigsten Akteure des möglichen Bündnisses sind Elly Schlein und Giuseppe Conte. Beide wollen Melonis Rechtskoalition ablösen. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten teilweise bereits.
Streit gibt es vor allem über den Weg zu einer gemeinsamen Kandidatur. Schlein drängt darauf, zunächst ein gemeinsames politisches Programm festzulegen. Erst danach soll über die Spitzenkandidatur und mögliche Vorwahlen entschieden werden. Conte hingegen möchte bei den Vorwahlen eine zentrale Rolle spielen und lehnt bestimmte Modelle für deren Durchführung ab.
Auch in der Aussen- und Sicherheitspolitik gibt es Unterschiede. Besonders die Haltung zum Krieg in der Ukraine und zur europäischen Verteidigungspolitik sorgt innerhalb des Mitte-links-Lagers für Spannungen. Die Differenzen sind nicht unüberwindbar – sie machen aber deutlich, wie schwierig es ist, aus mehreren Parteien eine gemeinsame politische Alternative zu formen.
Das Bündnis existiert – die Regeln fehlen
Von einem vollständigen Scheitern der Opposition kann allerdings keine Rede sein. Die Parteien treten bereits gemeinsam auf und arbeiten an einer möglichen Wahlstrategie. Im Juli starteten Schlein, Conte sowie Vertreter von Verdi e Sinistra in Neapel gemeinsam die politische Kampagne für die Wahl 2027.
Das Problem liegt vielmehr in den Details: Wer soll das Bündnis führen? Wie werden Kandidatinnen und Kandidaten bestimmt? Welches Programm gilt? Und wie weit darf ein möglicher Kompromiss gehen, ohne die eigene Wählerschaft zu verlieren?
Gerade die Diskussion über Vorwahlen zeigt die Schwierigkeiten. Im August wurde weiter darüber gestritten, ob es einen einzigen Wahlgang oder ein Verfahren mit Stichwahl geben soll. Gleichzeitig sind mehrere Namen für eine mögliche Spitzenkandidatur im Gespräch.
Schlein versucht inzwischen, die Personaldiskussion zurückzustellen und den politischen Inhalt stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Sie warnte zuletzt davor, zu viel Zeit mit internen Debatten zu verlieren.
Meloni bleibt die stärkste Kraft
Für Giorgia Meloni ist diese Situation politisch komfortabel. Ihre Partei Fratelli d'Italia bleibt in den Umfragen stärkste Einzelpartei. Gleichzeitig hat ihre Regierung eine für italienische Verhältnisse aussergewöhnliche Stabilität erreicht.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Meloni ohne politische Risiken ist. Die Wirtschaft wächst nur langsam, und bei wichtigen Reformen musste die Regierung Rückschläge hinnehmen. Zudem wächst rechts von Meloni eine neue Konkurrenz heran: Die Partei Futuro Nazionale des ehemaligen Generals Roberto Vannacci gewinnt in Umfragen an Gewicht.
Auch bei jungen Italienerinnen und Italienern hat die Regierung ein Problem. Umfragen zeigen eine zunehmende Unzufriedenheit mit Meloni in dieser Altersgruppe. Bei der Volksabstimmung über die Justizreform im Frühjahr beteiligten sich junge Wählerinnen und Wähler überraschend stark und lehnten die Reform mehrheitlich ab.
Eine geeinte Opposition wäre gefährlich
Genau darin liegt die politische Spannung vor der Wahl 2027. Meloni ist derzeit stärker als jede einzelne Oppositionspartei. Doch eine gemeinsame Mitte-links-Liste könnte ein ganz anderes Kräfteverhältnis schaffen.
Bei der entscheidenden Frage geht es deshalb weniger darum, ob Conte oder Schlein allein stärker ist. Entscheidend ist, ob es ihnen gelingt, ihre Parteien, kleinere progressive Kräfte und möglicherweise weitere politische Gruppen auf einen gemeinsamen Kurs zu bringen.
Das ist keine einfache Aufgabe. Ein Bündnis kann zusätzliche Wählerinnen und Wähler mobilisieren – es kann aber auch Teile der eigenen Anhängerschaft abschrecken. Besonders bei der Ukraine, bei Verteidigungsfragen, bei der Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie beim Verhältnis zur Europäischen Union liegen die Akzente der Parteien teilweise auseinander.
Auch das Wahlrecht spielt eine Rolle
Die Auseinandersetzung wird zusätzlich durch die geplante Reform des italienischen Wahlrechts beeinflusst. Das Parlament hat im Juli eine umstrittene Reform verabschiedet, die von der Opposition als Versuch kritisiert wird, Melonis Chancen auf eine weitere Amtszeit zu verbessern.
Die konkrete Ausgestaltung des Wahlrechts kann entscheidend dafür sein, ob sich grosse Wahlbündnisse lohnen oder ob Parteien stärker auf eigene Listen setzen. Damit wird die Frage nach der Einheit der Opposition nicht nur zu einem politischen, sondern auch zu einem strategischen Problem.
Warum die Entwicklung für Europa wichtig ist
Italien ist die drittgrösste Volkswirtschaft der Eurozone und ein zentraler Mitgliedstaat der Europäischen Union. Was in Rom politisch entschieden wird, hat deshalb Auswirkungen über die Landesgrenzen hinaus.
Meloni hat sich während ihrer Amtszeit pragmatischer gegenüber der EU gezeigt, als manche Beobachter zu Beginn ihrer Regierung erwartet hatten. Gleichzeitig verfolgt sie in Fragen wie Migration, Sicherheit und nationaler Souveränität eine deutlich konservative Linie.
Eine neue Regierung würde deshalb nicht nur die Innenpolitik Italiens verändern. Auch die italienische Position bei Migration, Verteidigung, EU-Finanzen und der Unterstützung der Ukraine könnte sich verschieben.
Was bedeutet das für die Schweiz?
Auch für die Schweiz ist die Entwicklung relevant. Italien ist ein wichtiger Handelspartner und Nachbar. Besonders eng sind die Beziehungen zwischen dem Tessin und der Lombardei. Tausende Grenzgänger überqueren täglich die Grenze. Dazu kommen Güterverkehr, Tourismus, Energie und der grenzüberschreitende Bahnverkehr.
Für Bern und insbesondere für das Tessin ist deshalb eine stabile und berechenbare Regierung in Rom von grosser Bedeutung. Veränderungen in der italienischen Steuer-, Verkehrs- oder Migrationspolitik können sich unmittelbar auf die Grenzregion auswirken.
Eine politische Neuordnung in Rom könnte zudem die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und Italien in europäischen und bilateralen Fragen beeinflussen. Entscheidend wird sein, ob nach der Wahl eine Regierung entsteht, die über eine klare Mehrheit verfügt und langfristig handlungsfähig bleibt.
Der Machtkampf hat erst begonnen
Noch ist die Wahl nicht entschieden – und selbst der genaue Zeitpunkt steht noch nicht fest. Bis 2027 bleibt der Opposition Zeit, ihre Differenzen zu überwinden.
Meloni kann sich deshalb nicht einfach zurücklehnen. Ihre Regierung ist zwar ungewöhnlich stabil, gleichzeitig zeigen Umfragen und politische Entwicklungen, dass sich das Kräfteverhältnis verändern könnte.
Die eigentliche Frage lautet damit nicht, ob Italiens Opposition derzeit zerstritten ist. Sie lautet: Schafft es Schlein gemeinsam mit Conte und den anderen Oppositionskräften, aus dieser Vielfalt rechtzeitig eine wählbare Alternative zu machen?
Wenn dies gelingt, könnte die italienische Parlamentswahl 2027 deutlich offener werden, als die derzeitige Stärke Giorgia Melonis vermuten lässt. Wenn nicht, dürfte die Regierungschefin von der Zersplitterung ihrer Gegner profitieren.
Quellen
- Reuters: New stability record for Italy's Meloni may prove fleeting
- Reuters: Italian regional votes show no sign of opposition breakthrough
- Sky TG24: Campo largo a Napoli – Auftakt zur Kampagne 2027
- RaiNews: Campo largo – Streit über Primaries und Programm
- ANSA: Schlein stellt Primaries-Debatte zurück
- Reuters: Meloni und die jungen Wähler
- Reuters/Internazionale: Italienisches Parlament billigt umstrittene Wahlrechtsreform



