WirtschaftAnalyse08:00 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 4 Min.0 Kommentare

Anthropics KI-Szenarien treffen auf Schweizer Arbeitsmarktdaten

Anthropic modelliert drei mögliche US-Welten bis 2030 – keine davon ist eine Prognose. Schweizer Daten zeigen bereits Druck in exponierten Wissensberufen, aber keinen Einbruch des Gesamtarbeitsmarkts.

Schweizer Wissensarbeitende in einem modernen Büro zwischen KI-Unterstützung und leeren Arbeitsplätzen.
JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild

15 Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr und zugleich Arbeitslosigkeit wie in einer schweren Rezession: Anthropics neues Szenarienmodell liefert eine zugespitzte Kombination.

Das Anthropic-Papier hält ausdrücklich fest, dass die drei Pfade keine Prognosen sind und keine Eintrittswahrscheinlichkeiten erhalten. Die 15-Prozent-Zahl in der Euronews-Schlagzeile gibt den extremen Modellpfad korrekt wieder; ohne diesen Kontext wirkt sie jedoch wie eine Erwartung. Gefragt wird vielmehr: Was müsste geschehen, damit künstliche Intelligenz bis 2030 Wachstum, Beschäftigung und Einkommen grundlegend verändert?

Drei Rechnungen, keine Kristallkugel

Der im September 2026 datierte technische Bericht «Working Paper 2026-02» modelliert drei US-Pfade bis 2030. Im zurückhaltenden Szenario liegt das Bruttoinlandprodukt 2030 lediglich 1,6 Prozent über einer Entwicklung ohne KI. Im mittleren Szenario beträgt der Abstand 8,3 Prozent. Erst der extreme Pfad führt zu einer historischen Beschleunigung: Im Jahr 2030 erreicht die jährliche Wachstumsrate 15 Prozent; das BIP liegt dann 32,4 Prozent über dem Vergleichspfad.

Dafür setzt das Modell aussergewöhnliche Bedingungen voraus. KI müsste bei fast allen kognitiven Aufgaben produktiver sein als Menschen, einen grossen Teil davon autonom erledigen, rasch in den Unternehmen eingesetzt werden und kaum neue Wissensarbeit für Menschen schaffen. Anthropic verbindet dieses Szenario mit sich selbst verbessernden Systemen. Das ist ein Gedankenexperiment am Rand des Möglichen, kein Erwartungswert.

Gerade deshalb ist die Verteilungsrechnung interessant. Im extremen US-Szenario wäre fast jede fünfte Person in einem kognitiven Beruf arbeitslos. Der Anteil der Arbeitseinkommen an der modellierten Gesamtwirtschaft fiele von 60 auf 45,2 Prozent. Eine deutlich grössere Volkswirtschaft wäre somit nicht automatisch eine Wirtschaft, in der die Beschäftigten gewinnen.

In der Schweiz ist die Verschiebung bereits messbar

Die US-Zahlen lassen sich wegen Unterschieden bei Branchenstruktur, Berufsbildung und sozialer Absicherung nicht auf die Schweiz übertragen. Dennoch gibt es erste Signale, die zum Mechanismus des Modells passen. Eine KOF-Studie der ETH Zürich vergleicht Berufe mit hoher und niedriger Exposition gegenüber Sprachmodellen. Seit Ende 2022 stieg die Zahl der registrierten Stellensuchenden in stark exponierten Berufen im Vergleich zu gering exponierten Berufen relativ um bis zu 27 Prozent stärker. Gleichzeitig gingen die Online-Stelleninserate dort deutlicher zurück. Betroffen waren unter anderem Softwareentwicklung, Journalismus, Werbung und Marketing. Die Kurzfassung weist zur relativen Differenz von 27 Prozent keine absolute Personenzahl aus; sie darf nicht als Zunahme aller Stellensuchenden gelesen werden.

Ein Beweis für allgemeine KI-Arbeitslosigkeit ist das nicht. Die Studie misst Unterschiede zwischen Berufsgruppen vor und nach der Veröffentlichung von ChatGPT; konjunkturelle oder branchenspezifische Faktoren lassen sich nicht vollständig ausschliessen. Im März 2026 schätzte die KOF für die Zeit seit Ende 2022, der technologische Wandel könne mit 7'000 bis 10'000 weggefallenen Stellen zusammenhängen und höchstens ein Fünftel des jüngsten Anstiegs der Arbeitslosigkeit erklären. Es handelt sich um eine modellgestützte Grössenordnung, nicht um eine amtliche Zählung.

Wissensarbeit, Pflege, Elektro- und Bauarbeit als unterschiedlich von KI betroffene Tätigkeitsfelder in der Schweiz.
Während KI vor allem Wissensarbeit verändert, bleiben Pflege, Handwerk und Bau stark auf Menschen angewiesen. · JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild

Der Gesamtarbeitsmarkt zeigt gleichzeitig in die andere Richtung. Im zweiten Quartal 2026 zählte die Schweiz 5,698 Millionen Beschäftigte, 2,0 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Auch die Zahl der offenen Stellen nahm um 2,7 Prozent zu. Laut der gemeinsamen Quartalsstatistik von SECO und BFS meldeten 33,9 Prozent der Unternehmen weiterhin Schwierigkeiten bei der Rekrutierung qualifizierter Arbeitskräfte. KI kann folglich einzelne Laufbahnen unter Druck setzen, während die Wirtschaft insgesamt zusätzliche Beschäftigung schafft.

Der Engpass ist der Wechsel zwischen Berufen

Anthropics Modell unterteilt die Arbeit grob in kognitive und andere Tätigkeiten. Wer seine Stelle verliert, muss im Modell in einen weniger exponierten Beruf wechseln. In der Realität ist dieser Übergang schwierig. Anschaulich wird das bei Berufswechseln: Eine Softwareentwicklerin wird nicht kurzfristig Elektrikerin, und ein Übersetzer kann nicht ohne Ausbildung in die Pflege wechseln. Tempo und Kosten dieser Neuorientierung entscheiden darüber, ob höhere Produktivität in längere Arbeitslosigkeit mündet.

Für die Schweiz verschärft die Demografie diesen Widerspruch. Während KI die Nachfrage in gewissen Büroberufen senken kann, gehen geburtenstarke Jahrgänge in Pension. In Pflege, Bau, Gastgewerbe und technischen Berufen bleiben Fachkräfte knapp. Ein landesweiter Beschäftigungseinbruch ist deshalb weniger plausibel als eine ungleichzeitige Entwicklung: Überangebot bei einzelnen Wissensberufen, Engpässe anderswo.

Der ILO-Bericht von 2025 und der OECD Employment Outlook 2026 zeichnen ein differenziertes Bild. Laut ILO arbeitet weltweit ein Viertel der Beschäftigten in Berufen mit einer gewissen Exposition gegenüber generativer KI – das heisst: Aufgaben können sich verändern, ohne dass die Stelle verschwindet. Die OECD findet bislang keine breite KI-bedingte Entlassungswelle, aber frühe Nachteile für jüngere Beschäftigte in besonders exponierten Berufen.

Welche Konjunktur- und Verteilungsrisiken das Modell ausblendet

Anthropics Modell lässt Konjunkturzyklen, politische Reaktionen, Nachfrageschocks und Finanzmarktstörungen weitgehend ausser Acht. Es verfolgt keine einzelnen Erwerbsbiografien und stammt von einem KI-Unternehmen. Als Szenarienrechner macht es Annahmen sichtbar; eine unabhängige Prognose ist es nicht.

Für die Schweiz folgt daraus kein Grund für Alarmismus, aber ein präziser Beobachtungsauftrag. Gesamtzahlen zur Beschäftigung reichen nicht. Früh erkennbar wird ein Strukturbruch erst, wenn monatliche Stellensuchendenzahlen nach Beruf, offene Einstiegsstellen, Löhne und Weiterbildungswechsel gemeinsam ausgewertet werden. Ob Menschen aus schrumpfenden Tätigkeitsfeldern tatsächlich in Berufe mit Nachfrage wechseln können, wird damit zur Schlüsselfrage. Die nächste belastbare Standortbestimmung liefern die monatlichen SECO-Arbeitsmarktdaten und die nächste BFS-Beschäftigungsstatistik. Der kritische Wettlauf verläuft nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen dem Tempo der Automatisierung und dem Tempo, mit dem neue berufliche Möglichkeiten erreichbar werden.

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