
Medtech wächst – doch die Schweizer Stellen stagnieren
Die Branche meldet steigende Umsätze und Exporte, schafft im Inland aber kaum neue Arbeitsplätze. Hinter der glänzenden Bilanz steht eine Standortfrage.
Die Schweizer Medtech-Branche verkauft mehr, exportiert Milliarden und investiert weiterhin viel in Forschung. Trotzdem ist ihr Beschäftigungsmotor im Inland fast zum Stillstand gekommen. Genau darin liegt die wichtigere Nachricht der neuen Branchenstudie: Nicht das Wachstum verschwindet, sondern seine Verbindung zu zusätzlichen Schweizer Arbeitsplätzen wird schwächer.
Nach Angaben von Swiss Medtech stieg der Umsatz der Branche in den vergangenen zwei Jahren durchschnittlich um 5,5 Prozent pro Jahr. Rund 1400 Unternehmen beschäftigten zuletzt etwa 72’000 Personen. Die Exporte beliefen sich auf 12 Milliarden Franken, der Handelsbilanzüberschuss auf 5,5 Milliarden. Gleichzeitig entstanden netto nur rund 200 zusätzliche Stellen. Swiss Medtech stellt dem einen langfristigen Durchschnitt von etwa 1500 neuen Stellen pro Jahr gegenüber.

Ein abrupter Bruch mit dem jüngsten Wachstum
Wie stark sich die Dynamik verändert hat, zeigt ein Vergleich mit der vorangegangenen Erhebung. Für die Jahre 2021 bis 2023 meldete die Branche noch rund 4200 zusätzliche Arbeitsplätze. Damals lag die Beschäftigung gemäss der vom Bund zusammengefassten Verbandsstudie bei 71’700 Personen. Die heutigen Zahlen sind nicht auf die einzelne Stelle genau vergleichbar: Stichprobe, Erhebungszeitpunkt und Abgrenzung können sich unterscheiden. Die Grössenordnung lässt dennoch einen klaren Schluss zu: Der Aufbau von Arbeitsplätzen hat sich stark verlangsamt.
Das ist keine Schrumpfung. Auch bedeutet es nicht automatisch, dass Firmen ihre Produktion massenhaft verlagern. Umsatz und Beschäftigung können sich aus mehreren Gründen auseinanderentwickeln: höhere Preise, Produktivitätsfortschritte, eine andere Zusammensetzung der verkauften Produkte oder Wachstum an ausländischen Standorten. Die Studie weist den Trend aus, kann dessen Ursachen aber nicht kausal trennen.
Die Investitionszahlen sind das ernstere Warnsignal
Mehr Gewicht erhält die Standortfrage durch die Zukunftspläne der befragten Firmen. 43 Prozent geben an, derzeit keine Investitionen zu planen. Mehr als die Hälfte beurteilt die Attraktivität der Schweiz schlechter als vor fünf Jahren. Zugleich gingen laut Studie die Investitionen in Produktion sowie Forschung und Entwicklung zurück. Gerade für die Medizintechnik ist das relevant: Forschung, Zulassung, hochpräzise Fertigung und klinische Zusammenarbeit bilden ein Netz. Wird ein Teil davon dauerhaft ins Ausland verlegt, lässt er sich nicht ohne Weiteres zurückholen.
Allerdings ist Swiss Medtech Interessenvertreterin der Branche. Ihre Erhebung, gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Helbling erstellt, liefert wertvolle Unternehmensdaten, verbindet sie aber auch mit politischen Forderungen. Aussagen zu Regulierung, Kosten oder Marktzugang müssen deshalb als Position des Verbands gelesen werden, nicht als unabhängiger Nachweis einer einzelnen Ursache.
Die Gesamtwirtschaft liefert keinen einfachen Sündenbock
Ein Blick auf die amtlichen Beschäftigungsdaten macht die Entwicklung bemerkenswert. In der Schweizer Gesamtwirtschaft lag die Beschäftigung im zweiten Quartal 2026 gemäss Bundesamt für Statistik 2,0 Prozent höher als ein Jahr zuvor; im industriellen Sektor betrug das Plus 1,2 Prozent. Das sind keine direkten Medtech-Werte, weil die amtlichen Wirtschaftszweige nicht deckungsgleich mit der Verbandsdefinition sind. Sie zeigen aber: Die schwache Stellenentwicklung der Medtech lässt sich nicht bloss mit einem landesweiten Beschäftigungseinbruch erklären.
Für die Politik folgt daraus eine unangenehme Aufgabe. Der Standort sollte weder anhand einer Exportzahl gesundgerechnet noch aufgrund einer Verbandsumfrage abgeschrieben werden. Entscheidend sind künftig drei messbare Fragen: Wo entstehen neue Forschungs- und Produktionskapazitäten? Wie viele qualifizierte Stellen bleiben in der Schweiz? Und welcher Anteil der Wertschöpfung wird tatsächlich hier erbracht?
Wachstum allein genügt nicht
Für Beschäftigte und Hochschulabsolventinnen ist die Branche weiterhin attraktiv. Doch wenn Umsatzwachstum zunehmend ohne zusätzliche Stellen, Labors oder Produktionslinien in der Schweiz stattfindet, verliert die Volkswirtschaft mehr als Lohnsummen. Es schwinden Lernkurven, Zulassungskompetenz und die Nähe zwischen Forschung und Fabrik.
Die neuen Zahlen sind deshalb weder Krisenbeweis noch Entwarnung. Sie markieren einen Prüfpunkt: In zwei Jahren wird nicht allein zählen, ob die Medtech-Branche erneut mehr verkauft hat. Entscheidend wird sein, ob ein grösserer Teil dieses Erfolgs wieder in Schweizer Investitionen und Arbeitsplätze übersetzt wurde.



