Eine Saisonarbeiterin betritt mit Gepäck eine kleine Unterkunft in einem Schweizer Wintersportort.
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ReisenRecherche11:45 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 3 Min.0 Kommentare

Der Personalmangel der Ferienorte beginnt beim Wohnraum

Eine neue Studie zeigt, weshalb Saisonkräfte Stellen nicht allein nach dem Lohn auswählen. Bezahlbare Zimmer und passende Mietverträge werden zur touristischen Infrastruktur.

Ein Hotelbett lässt sich verkaufen, wenn dahinter genügend Menschen putzen, kochen und Gäste empfangen. Doch für diese Beschäftigten fehlt in vielen Ferienorten ein anderes Bett: ein bezahlbares für die Monate ihrer Saison. Eine neue Untersuchung im Auftrag des Bundesamts für Wohnungswesen (BWO) macht sichtbar, dass der Personalmangel im Tourismus nicht nur auf Löhne und Arbeitszeiten zurückzuführen ist. Er beginnt häufig bei der Wohnungssuche.

Forschende der Universität Lausanne führten 95 Interviews, darunter 84 mit Saisonarbeitenden, in Adelboden, Leysin, Saas-Fee und Villars-sur-Ollon. Die Auswahl deckt Orte in den Kantonen Bern, Waadt und Wallis ab, aber nicht sämtliche Schweizer Destinationen. Die Studie ist qualitativ: Sie erklärt Erfahrungen und Mechanismen, liefert jedoch keine nationale Leerstandsquote für Personalwohnungen.

Eine kompakte Unterkunft mit zwei Betten, Arbeitskleidung und einem Mietvertrag in einem Bergort.
Saisonarbeitende gewichten bezahlbare Mieten, Nähe zum Arbeitsplatz, Privatsphäre und flexible Verträge besonders stark. · JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild

Vier Anforderungen, die selten gleichzeitig erfüllt sind

Aus den Gesprächen ergeben sich vier Prioritäten. Erstens muss die Miete bezahlbar sein. Viele Saisonkräfte kommen in die Berge, um während einiger Monate Geld zu verdienen und einen Teil davon zu sparen. Eine hohe Miete untergräbt dieses Ziel. Zweitens zählt die Nähe zum Arbeitsplatz, weil Dienste früh beginnen, spät enden oder durch Zimmerstunden geteilt werden. Drittens erwarten die Beschäftigten saubere, funktionale Räume und ein Mindestmass an Privatsphäre. Viertens müssen Beginn und Ende des Mietvertrags zur Saison passen.

Gerade die Kombination ist schwierig. Eine günstige Wohnung im Tal hilft wenig, wenn nach einem Spätdienst kein öffentlicher Verkehr mehr fährt. Ein möbliertes Zimmer kann praktisch sein, aber unattraktiv, wenn es nur mit einem ganzjährigen Vertrag erhältlich ist. Und eine vom Arbeitgeber bereitgestellte Unterkunft löst die Suche, verknüpft aber Arbeitsplatz und Zuhause: Endet das Arbeitsverhältnis, kann gleichzeitig die Wohnung wegfallen.

Warum sich der Engpass auf das touristische Angebot überträgt

Die Studie dokumentiert, dass die Wohnsituation beeinflusst, ob Beschäftigte eine Stelle annehmen und in der nächsten Saison zurückkehren. Daraus entsteht für Betriebe eine Kette von Kosten: Sie müssen häufiger rekrutieren, neue Mitarbeitende einarbeiten oder selbst Wohnungen beschaffen und bewirtschaften. Können Stellen nicht besetzt werden, bleiben Zimmer geschlossen, Öffnungszeiten werden gekürzt oder das Angebot wird vereinfacht.

Ob und um wie viel dadurch Restaurant- oder Hotelpreise steigen, wurde nicht gemessen. Ein direkter Preisaufschlag lässt sich aus den Interviews deshalb nicht ableiten. Ökonomisch ist aber klar, dass die Zusatzkosten irgendwo anfallen: beim Personal durch hohe Mieten, beim Betrieb durch Unterkünfte und Rekrutierung oder beim Gast über höhere Preise und ein kleineres Angebot.

Nicht jeder Ferienort hat dasselbe Problem

Die vier Destinationen unterscheiden sich bei Erreichbarkeit, Zweitwohnungsanteil, Saisondauer und Wohnungsangebot in den Nachbargemeinden. Genau deshalb warnt die Untersuchung vor einer einzigen Patentlösung. Ein Ort mit guten Busverbindungen kann Wohnraum ausserhalb des Zentrums erschliessen. In einem abgelegenen Tal sind Unterkünfte nahe beim Betrieb wichtiger. Wo viele Wohnungen touristisch genutzt werden, konkurrieren Saisonkräfte zudem mit lukrativeren Kurzzeitvermietungen.

Auch ein pauschaler Ruf nach Neubauten greift zu kurz. Saisonarbeit erzeugt Spitzen: Im Winter kann die Nachfrage hoch sein, zwischen den Saisons leerstehen. Sinnvoller können je nach Ort flexible Mietmodelle, gemeinsam von Betrieben betriebene Personalhäuser, die Zwischennutzung bestehender Gebäude oder kommunale Vermittlungsstellen sein. Entscheidend ist, dass Qualität, Mietpreis und Vertragsdauer gemeinsam geplant werden.

Wohnraum wird Teil der Personalpolitik

Für Arbeitgeber verändert sich damit die Stellenbeschreibung. Ein Lohnangebot ohne realistische Unterkunft kann in einem angespannten Markt faktisch unvollständig sein. Betriebe, die verlässlichen Wohnraum anbieten, gewinnen einen Rekrutierungsvorteil. Gleichzeitig braucht es Regeln, damit Beschäftigte bei Konflikten nicht zugleich Arbeit und Dach über dem Kopf verlieren.

Für Gemeinden ist Personalwohnen keine blosse Sozialfrage. Es bestimmt mit, wie viele Hotels, Restaurants, Bergbahnen und Geschäfte während der Saison tatsächlich funktionieren. Ein Ort kann über volle Gästebetten verfügen und dennoch touristische Kapazität verlieren, wenn die Menschen hinter dem Angebot keinen Platz zum Wohnen finden.

Die neue Studie beziffert den Mangel nicht für die ganze Schweiz. Ihr Wert liegt anderswo: Sie verschiebt die Debatte von der abstrakten «Arbeitskräfteknappheit» zu konkreten Entscheidungen über Miete, Distanz, Privatsphäre und Vertragsdauer. Wer das Personalproblem lösen will, muss deshalb nicht nur Stellen vermitteln – sondern Wohnraum als Teil der touristischen Infrastruktur behandeln.

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