
Hormus und Saudi-Pipeline unter Druck: Was der Öl-Schock die Schweiz kostet
Zwei zentrale Routen für Rohöl sind gleichzeitig gefährdet. An Schweizer Zapfsäulen und bei Heizöl dürfte der Effekt spürbar werden – aber weder sofort noch eins zu eins.
Für den Ölmarkt ist es ein Szenario, das bisher vor allem in Krisenübungen vorkam: Der Verkehr durch die Strasse von Hormus ist stark eingeschränkt, und nun steht auch Saudi-Arabiens wichtigste Ausweichroute still. Nach einem Drohnenangriff schloss Riad die rund 1200 Kilometer lange Ost-West-Pipeline vorsorglich. Sie verbindet die Fördergebiete am Persischen Golf mit dem Roten Meer und transportierte zuletzt laut Reuters vier bis fünf Millionen Fass pro Tag.
Damit geraten zwei Engpässe gleichzeitig unter Druck. Der Ölpreis stieg über 100 Dollar pro Fass. Das ist zunächst eine globale Risikoprämie, keine genaue Prognose für die nächste Schweizer Tankquittung. Doch die Kombination trifft ein Land, das praktisch alle fossilen Energieträger importiert.
Die Umgehungsroute wird selbst zum Nadelöhr
Die saudische Pipeline war gerade dafür gebaut worden, Hormus zu umgehen. Ihre vorläufige Schliessung macht sichtbar, wie begrenzt die Alternativen sind. Zusätzlich verschärfen Angriffe der Huthi im Roten Meer das Risiko an der zweiten Route. Die Internationale Energieagentur bezeichnet die laufenden Ausfälle im Nahen Osten als die grösste Ölversorgungsstörung ihrer Geschichte. Zugleich erwartet sie für 2026 einen Rückgang der weltweiten Ölnachfrage. Der Preissprung ist deshalb weniger Ausdruck eines Nachfragebooms als einer abrupt knapper gewordenen, unsicheren Versorgung.
Wie lange die Pipeline ausfällt und wie viel Rohöl tatsächlich nicht auf den Markt gelangt, ist noch offen. Auch beim jüngsten Angriff auf ein iranisches Frachtschiff nahe Hormus bleibt die Urheberschaft ungeklärt. Diese Unsicherheit ist selbst preistreibend: Händler bezahlen für das Risiko, bevor der effektive Ausfall vollständig messbar ist.

Warum Benzin nicht eins zu eins dem Rohöl folgt
An der Schweizer Zapfsäule setzt sich der Preis aus Rohöl, Raffination, Transport, Handel und Abgaben zusammen. Die Mineralölsteuer beträgt nach Angaben des Bundes 76,82 Rappen pro Liter Benzin und 79,57 Rappen pro Liter Diesel. Diese Beträge steigen nicht mit dem Weltmarktpreis. Bei einem Rohölschock wächst deshalb nur ein Teil der Rechnung. Hinzu kommt der Wechselkurs: Erdöl wird in Dollar gehandelt; ein stärkerer Franken kann einen Teil des Anstiegs abfedern, ein schwächerer verstärkt ihn.
Der Preisüberwacher weist zudem auf den intensiven Wettbewerb zwischen mehr als 3000 Tankstellen hin. Dennoch können Raffinerie- und Transportengpässe die Weitergabe beschleunigen. Diesel reagiert oft stärker, wenn auch Destillate knapp werden. Heizöl ist besonders empfindlich, weil die Mineralölsteuer hier nur 0,3 Rappen pro Liter beträgt; dafür fällt die CO₂-Abgabe von 120 Franken je Tonne an. Der volatile Warenpreis macht einen grösseren Anteil des Endpreises aus als bei Benzin.
Ein kleiner Warenkorbposten mit grosser Signalwirkung
Im Landesindex der Konsumentenpreise wiegen Benzin, Diesel und Heizöl zusammen rund 2,1 Prozent. Das begrenzt den direkten Effekt auf die Gesamtinflation. Die Erfahrung dieses Jahres zeigt aber die Dynamik: Im April lagen Diesel 19,3 Prozent und Heizöl 35,5 Prozent über dem Vorjahreswert. Die Schweizerische Nationalbank führte den Anstieg der Inflation von 0,1 Prozent im Februar auf 0,6 Prozent im Mai hauptsächlich auf Ölprodukte zurück.
Der indirekte Effekt ist schwerer zu beziffern. Höhere Diesel- und Transportkosten verteuern Lieferketten, Flugreisen und einzelne Dienstleistungen. Ob Unternehmen diese Kosten weitergeben, hängt von Konkurrenz, Lagerbeständen und Dauer der Krise ab. Ein kurzer Ausschlag belastet vor allem Autofahrer und Heizölkunden; ein monatelanger Ausfall würde breiter in die Preise einsickern.
Was Haushalte jetzt wissen sollten
Für Schweizer Haushalte ist Panikkauf keine überzeugende Strategie. Heizöltanks haben begrenzte Kapazität, und wer in eine Preisspitze hinein bestellt, fixiert womöglich gerade die Risikoprämie. Sinnvoller ist es, Angebote zu vergleichen und Teilmengen zu prüfen. Autofahrer können über den vom Bund unterstützten Preisvergleich regionale Unterschiede nutzen.
Entscheidend ist nun nicht nur, ob Hormus offen bleibt. Der Markt muss auch wissen, wann Saudi-Arabiens Umgehungsroute wieder zuverlässig funktioniert. Solange beide Fragen unbeantwortet sind, bleibt der Ölpreis eine geopolitische Rechnung – und die Schweiz bezahlt daran mit, wenn auch gedämpfter als der Blick auf den Rohölchart vermuten lässt.
Quellen
- Reuters: Saudi-Arabien schliesst Ost-West-Pipeline, 11. September 2026
- IEA: Oil Market Report, September 2026
- IEA: Middle East Maritime Chokepoints Shipping Monitor
- BFS: Landesindex der Konsumentenpreise, April 2026
- BAZG: Mineralölsteuer
- BAZG: CO₂-Abgabe
- Preisüberwachung: Treibstoffpreise
- SNB: Geldpolitische Lagebeurteilung, 18. Juni 2026



