Die Stimmung steigt – doch der Kaufwille sinkt
Der Konsumentenindex erholt sich, während Haushalte bei ihrer Zukunft und grösseren Anschaffungen vorsichtiger werden. Das ist weniger widersprüchlich, als es scheint.

Die Schweizer Wirtschaft sendet derzeit Signale, die im Portemonnaie nicht zusammenpassen wollen. Das Bruttoinlandprodukt wächst, die Inflation bleibt moderat und die Konsumstimmung hat sich gegenüber dem Vorjahr verbessert. Trotzdem beurteilen die Haushalte ihre künftige finanzielle Lage skeptischer – und sind bei grösseren Anschaffungen zurückhaltender.
Der monatliche Konsumentenstimmungsindex des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) lag im August 2026 bei –33 Punkten. Das sind sieben Punkte mehr als ein Jahr zuvor. Hinter dem Gesamtwert bewegen sich die Teilindikatoren jedoch in verschiedene Richtungen: Positiver beurteilt wurden die erwartete allgemeine Wirtschaftsentwicklung und die vergangene finanzielle Lage. Schlechter fielen die Erwartungen zur eigenen finanziellen Zukunft sowie die Einschätzung aus, ob jetzt ein guter Zeitpunkt für grössere Anschaffungen sei.

Ein Gesamtindex verdeckt zwei verschiedene Fragen
Der scheinbare Widerspruch beginnt bei der Messung. Wer glaubt, die Konjunktur werde sich bessern, muss deshalb noch keine Waschmaschine, kein Auto und keine neue Einrichtung kaufen. Der Gesamtindex bündelt Einschätzungen zur Volkswirtschaft, zum eigenen Haushalt und zu Kaufentscheiden. Steigt ein Teil stark, kann der Gesamtwert besser aussehen, obwohl ein anderer Teil schwächer wird.
Hinzu kommt die Ausgangslage: –33 Punkte sind weiterhin ein negativer Wert. Die Verbesserung gegenüber dem Vorjahr zeigt eine Aufhellung, aber keinen allgemeinen Optimismus. Und die Befragung misst Stimmungen, nicht die tatsächlich an der Kasse ausgegebenen Franken. Für den privaten Konsum ist deshalb nicht nur wichtig, in welche Richtung der Index läuft, sondern welche seiner Komponenten sich verändern.
Das Wachstum kommt nicht gleichmässig bei den Haushalten an
Auf den ersten Blick wären die Bedingungen für mehr Zuversicht günstig. Die Schweizer Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal 2026 sporteventbereinigt um 1,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal – der stärkste Anstieg seit dem dritten Quartal 2021. Einen erheblichen Beitrag leistete allerdings die Pharmaindustrie. Solches exportgetriebenes Wachstum erhöht das BIP, verändert aber nicht sofort die Einkommens- oder Arbeitsplatzperspektive jedes Haushalts.
Auch die Preisentwicklung hat sich beruhigt. Im August lag die Jahresteuerung bei 0,8 Prozent. Die Reallöhne stiegen 2025 gemäss Bundesamt für Statistik durchschnittlich um 1,6 Prozent. Diese Durchschnittswerte sagen jedoch wenig darüber aus, ob eine einzelne Familie nach Miete, Krankenkasse und laufenden Rechnungen genügend Spielraum für eine grössere Ausgabe sieht.
Der Arbeitsmarkt liefert ebenfalls ein gemischtes Bild. Die Beschäftigung lag im zweiten Quartal 2,0 Prozent über dem Vorjahresniveau. Gleichzeitig waren im August 3,0 Prozent der Erwerbspersonen arbeitslos; die Zahl der registrierten Arbeitslosen lag 7,1 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Mehr Beschäftigung insgesamt und grössere Sorge um den eigenen Arbeitsplatz können daher gleichzeitig existieren.
Vorsicht ist nicht dasselbe wie Konsumverzicht
Aus den Daten folgt nicht, dass der private Konsum unmittelbar einbrechen wird. Haushalte können alltägliche Ausgaben weiterführen und lediglich langlebige Güter verschieben. Gerade eine grosse Anschaffung lässt sich oft einige Monate aufschieben, wenn die eigene Einkommensentwicklung unsicher erscheint. Das erklärt, weshalb der entsprechende Teilindikator empfindlicher reagiert als der Blick auf die allgemeine Wirtschaft.
Für Detailhandel, Möbelhäuser und Anbieter langlebiger Konsumgüter ist diese Unterscheidung zentral. Ein besserer Schlagzeilenwert beim Konsumentenindex ist noch kein Umsatzversprechen. Unternehmen dürften stärker spüren, ob sich die erwartete persönliche Finanzlage stabilisiert – und ob die Arbeitslosigkeit wieder sinkt.
Der private Aufschwung braucht Vertrauen in das eigene Budget
Das Schweizer Konsumrätsel löst sich somit auf, wenn man Gesamtwirtschaft und Haushaltsrechnung trennt. Menschen können anerkennen, dass sich die Konjunktur verbessert, und dennoch vernünftig entscheiden, eine Ausgabe aufzuschieben. Für einen breit getragenen Aufschwung genügt es deshalb nicht, wenn Pharmaexporte und BIP steigen. Er muss auch in der Erwartung ankommen, dass das eigene verfügbare Einkommen morgen verlässlich reicht.
Ob dies geschieht, zeigen die kommenden Erhebungen weniger am Gesamtindex als an zwei unscheinbaren Reihen: der erwarteten finanziellen Lage und der Bereitschaft zu grösseren Käufen. Erst wenn beide drehen, wird aus besserer Stimmung eher auch mehr Nachfrage.



