Starlink in Vietnam: Neue Fragen für die Schweizer Netzpolitik
Starlink in Vietnam: Neue Fragen für die Schweizer Netzpolitik

Starlink in Vietnam: Neue Fragen für die Schweizer Netzpolitik
Vietnam lässt Starlink unter staatlicher Kontrolle starten. Der Satellitendienst soll abgelegene Regionen besser versorgen und als Reserve bei Netzausfällen dienen. Doch der Fall zeigt auch: Satelliteninternet bedeutet nicht automatisch mehr Internetfreiheit.
Seit August 2026 können Kundinnen und Kunden in Vietnam Starlink-Abonnemente bestellen. Der Satellitendienst von SpaceX soll vor allem Regionen erreichen, in denen die Versorgung über Glasfaser oder Mobilfunk schwieriger ist. Gleichzeitig bleibt der Internetzugang in Vietnam stark staatlich reguliert.
Das Pilotprojekt ist bis Ende 2030 befristet und auf maximal 600'000 Nutzerinnen und Nutzer begrenzt. Der günstigste Tarif für Privatkunden kostet rund 1,13 Millionen vietnamesische Dong beziehungsweise etwa 43 US-Dollar pro Monat. Für die notwendige Hardware fallen rund 8,66 Millionen Dong an.
Vietnam braucht Starlink nicht für das ganze Land
Vietnam verfügt bereits über eine vergleichsweise gut ausgebaute digitale Infrastruktur. Ende 2025 nutzten nach Regierungsangaben rund 85,6 Millionen Menschen das Internet. Rund 85 Prozent der Haushalte verfügten über Glasfaseranschlüsse, während es mehr als 110 Millionen mobile Breitbandabonnemente gab.
Starlink soll deshalb vor allem dort helfen, wo klassische Netze an ihre Grenzen kommen. Dazu gehören abgelegene Bergregionen und Inseln. Auch als Reserve bei Taifunen, Überschwemmungen oder anderen Ereignissen, bei denen terrestrische Netze ausfallen können, könnte Satelliteninternet eine Rolle spielen.
Der hohe Preis begrenzt allerdings die Verbreitung. Gerade in ländlichen Regionen dürfte sich ein eigener Starlink-Anschluss für viele Haushalte kaum lohnen. Nach Einschätzung des Wissenschaftlers Khac Giang Nguyen könnten gemeinsam genutzte Anschlüsse für Schulen, Kliniken oder Behörden deshalb wichtiger werden als individuelle Abonnements.
Mehr Internet – aber nicht mehr Freiheit
Besonders interessant ist der politische Widerspruch: Starlink erweitert den technischen Zugang zum Internet, verändert aber nicht automatisch die Regeln, unter denen dieses Internet genutzt wird.
Vietnam wird im Freedom on the Net-Bericht von Freedom House als «nicht frei» eingestuft. Behörden können Inhalte sperren lassen und verlangen von Plattformen die Entfernung bestimmter Beiträge. Facebook, YouTube und TikTok haben nach Angaben der Deutschen Welle im ersten Halbjahr 2026 mehr als 94 Prozent entsprechender staatlicher Aufforderungen umgesetzt.
Auch Starlink ist von diesen Rahmenbedingungen nicht ausgenommen. Der Dienst wird über die vietnamesische Tochtergesellschaft Starlink Services Vietnam betrieben. Für den Pilotbetrieb wurden vier Gateway-Bodenstationen und bis zu 600'000 Terminals genehmigt.
Damit zeigt Vietnam ein grundsätzliches Modell: Ein Staat kann ausländische Satellitentechnik zulassen und gleichzeitig darauf achten, dass der darüber laufende Datenverkehr innerhalb seines rechtlichen und regulatorischen Rahmens bleibt.
Die handelspolitische Seite
Die Zulassung von Starlink hat zudem eine wirtschaftspolitische Dimension. Vietnam stand wegen seines hohen Handelsüberschusses gegenüber den USA unter Druck. Die Öffnung für ein bedeutendes amerikanisches Unternehmen wurde deshalb auch als Signal an Washington interpretiert.
Die Entscheidung lässt sich allerdings nicht allein mit Handelspolitik erklären. Für Vietnam bietet Starlink auch einen praktischen Nutzen: Satelliteninternet kann die bestehende Infrastruktur ergänzen und die Widerstandsfähigkeit der Kommunikationsnetze erhöhen.
Was bedeutet das für die Schweiz?
Direkte Auswirkungen auf die Schweizer Netzpolitik gibt es durch den vietnamesischen Starlink-Start zunächst nicht. Der Fall wirft aber eine grundsätzliche Frage auf, die auch für die Schweiz interessant ist: Wie viel staatliche Kontrolle soll möglich sein, wenn private Satellitennetze zu einem Teil der digitalen Infrastruktur werden?
Für die Schweiz kann Satelliteninternet insbesondere bei der Versorgung abgelegener Gebiete, als Ergänzung zu bestehenden Netzen und als Kommunikationsmöglichkeit in Krisensituationen interessant sein. Gleichzeitig gelten hier andere rechtliche und politische Rahmenbedingungen als in Vietnam.
Damit geht es nicht nur um die Frage, ob Starlink schnelles Internet liefern kann. Es geht auch darum, wer im Krisenfall über eine solche Infrastruktur verfügt, wer sie kontrollieren kann und welche Regeln für den darüber laufenden Datenverkehr gelten.
Satelliteninternet als Teil der digitalen Infrastruktur
Der Fall Vietnam zeigt deshalb eine Entwicklung, die über Starlink hinausgeht. Satelliteninternet wird zunehmend zu einer Ergänzung klassischer Kommunikationsnetze. Gerade bei Naturkatastrophen, Stromausfällen oder beschädigten Glasfaser- und Mobilfunknetzen kann eine vom Boden unabhängige Verbindung Vorteile bieten.
Für Staaten entsteht dadurch aber ein neues Spannungsfeld: Sie wollen die Vorteile dieser Technologie nutzen, ohne die Kontrolle über kritische Kommunikationsinfrastrukturen vollständig aus der Hand zu geben.
Vietnam zeigt, dass mehr Zugang zum Internet nicht automatisch mehr Internetfreiheit bedeutet. Für die Schweiz stellt sich deshalb langfristig eine andere Frage: Wie lässt sich die Resilienz digitaler Netze stärken, ohne dabei neue Abhängigkeiten oder Kontrollmöglichkeiten zu schaffen?
Quellen
- Deutsche Welle: Starlink in Vietnam – Internetzugang ohne Internetfreiheit
- Reuters: Starlink starts taking orders for satellite internet service in Vietnam
- Reuters: Vietnam paves way for Starlink amid US trade pressure
- Freedom House: Vietnam – Freedom on the Net 2025
- Vietnam Ministry of Science and Technology: Mobile Internet Subscriptions



