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Israel und Türkei geraten in Syrien aneinander – was das für die Schweiz bedeutet

Der Machtkampf um Syrien verschärft sich.

Israel & Türkei
Bild: open AI

Ein israelischer Luftangriff auf einen syrischen Militärflugplatz hat die Spannungen mit der Türkei verschärft. Ankara und Jerusalem verfolgen in Syrien zunehmend gegensätzliche Interessen. Für die Schweiz geht es dabei nicht nur um die Stabilität einer fragilen Region, sondern auch um humanitäre Hilfe und wichtige Beziehungen zur Türkei.

Am 18. August griff Israel den syrischen Luftwaffenstützpunkt Abu al-Duhur nahe Aleppo an. Nach Angaben syrischer Quellen wurden Start- und Landebahnen sowie Einrichtungen des Stützpunkts getroffen. Tote oder Verletzte wurden zunächst nicht gemeldet. Die Türkei verurteilte den Angriff als Verletzung der syrischen Souveränität. Washington warnte ebenfalls vor einer weiteren Eskalation.

Hinter dem Angriff steht ein grösserer Konflikt: Seit dem Sturz des Assad-Regimes Ende 2024 versuchen verschiedene Akteure, ihren Einfluss im neuen Syrien zu sichern. Die Türkei unterstützt die Regierung von Präsident Ahmed al-Sharaa und unterhält weiterhin militärische Strukturen im Norden des Landes. Israel wiederum will verhindern, dass sich potenziell feindliche Militärkräfte in seiner unmittelbaren Umgebung etablieren.

Was hinter dem Angriff steckt

Der israelische Angriff kam nach einem ungewöhnlichen direkten Kontakt zwischen Israel und der neuen syrischen Führung. Nach Angaben von Reuters sprach Mossad-Chef Roman Gofman am 14. August mit dem syrischen Aussenminister Asaad al-Shaibani. Dabei ging es um die wachsende türkische Militärpräsenz in Syrien. Israel befürchtete, dass türkische Waffen, Drohnen und möglicherweise Luftabwehrsysteme in Syrien stationiert werden könnten.

Wenige Tage später wurde Abu al-Duhur bombardiert. Israel begründete die Aktion mit der Sorge, dass die Türkei ihre militärische Präsenz dort dauerhaft ausbauen könnte. Ankara wies diese Darstellung zurück. Auch die syrische Regierung erklärte, es sei keine dauerhafte türkische Militärbasis auf dem Flugplatz geplant gewesen. Vorgesehen gewesen seien lediglich Kooperation und Ausbildung.

Damit bleibt eine entscheidende Frage offen: Ging es Israel um die Verhinderung einer unmittelbar bevorstehenden türkischen Militärstationierung – oder um ein grundsätzliches Signal an Ankara?

Syrien wird zum Schauplatz eines neuen Machtkampfs

Der Konflikt ist Teil einer grösseren Neuordnung des Nahen Ostens. Mit dem Ende der Assad-Herrschaft haben sich die regionalen Kräfteverhältnisse verändert. Der Iran ist in Syrien deutlich geschwächt, die Hisbollah hat an Einfluss verloren. Gleichzeitig versucht die Türkei, ihre Beziehungen zur neuen syrischen Führung zu vertiefen.

Ankara unterstützt den politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbau Syriens und sieht das Land auch aus sicherheitspolitischen Gründen als zentral an. Besonders die kurdischen Kräfte im Norden spielen für die Türkei eine wichtige Rolle. Ankara betrachtet die syrisch-kurdischen Volksverteidigungseinheiten und die mit ihnen verbundenen Strukturen als Sicherheitsrisiko.

Israel verfolgt andere Ziele. Jerusalem will verhindern, dass Syrien erneut zu einer Plattform für Angriffe gegen Israel oder für den Aufbau gegnerischer militärischer Infrastruktur wird. Gleichzeitig versucht Israel, seine militärische Bewegungsfreiheit gegenüber Iran zu erhalten.

Damit treffen zwei Sicherheitsinteressen aufeinander – und zwar in einem Land, das selbst noch keine stabile Nachkriegsordnung gefunden hat.

Washington steckt zwischen zwei Verbündeten

Besonders schwierig ist die Situation für die USA. Sowohl Israel als auch die Türkei gehören zu den wichtigsten Partnern Washingtons in der Region. Die Türkei ist zudem NATO-Mitglied.

Der US-Sondergesandte für Syrien und Botschafter in der Türkei, Tom Barrack, kritisierte den israelischen Angriff als unnötige Eskalation. Gleichzeitig bemühen sich die USA um einen Mechanismus, der direkte Zusammenstösse zwischen Israel, der Türkei und Syrien verhindern soll.

Dass Washington zwischen seinen beiden Partnern vermitteln muss, zeigt, wie kompliziert die neue Lage geworden ist. Ein direkter militärischer Konflikt zwischen Israel und der Türkei erscheint weiterhin unwahrscheinlich. Doch je häufiger beide Seiten ihre roten Linien in Syrien austesten, desto grösser wird das Risiko eines Fehlkalküls.

Für Syrien steht viel auf dem Spiel

Für die syrische Bevölkerung ist die Entwicklung besonders problematisch. Das Land befindet sich nach Jahren des Bürgerkriegs weiterhin in einer fragilen Übergangsphase. Mehr als 16 Millionen Menschen sind nach Angaben der Schweiz weiterhin auf humanitäre Hilfe angewiesen. Gleichzeitig versucht die neue Regierung, staatliche Strukturen wieder aufzubauen und die Wirtschaft zu stabilisieren.

Neue militärische Auseinandersetzungen könnten diesen Prozess erheblich erschweren. Jede weitere Eskalation birgt zudem das Risiko neuer Vertreibungen.

Was bedeutet das für die Schweiz?

Die direkten militärischen Folgen sind für die Schweiz zunächst begrenzt. Trotzdem hat die Entwicklung für Bern mehrere Dimensionen.

Erstens ist die Schweiz humanitär stark in der Region engagiert. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten hat seine Präsenz in Syrien 2026 sogar ausgebaut. Anfang Juli wurde das bisherige humanitäre Büro in Damaskus zu einem Kooperationsbüro aufgewertet. Damit will Bern den politischen Übergangsprozess und die wirtschaftliche Stabilisierung stärker unterstützen.

Die Schweiz hat zudem 2026 zusätzliche Millionenbeträge für humanitäre Hilfe in Syrien und den Nachbarländern bereitgestellt. Eine weitere Eskalation würde den Bedarf an internationaler Unterstützung erhöhen.

Zweitens betrifft der Konflikt einen wichtigen Partner der Schweiz: die Türkei. Die bilateralen Beziehungen sind eng. 2024 belief sich das Handelsvolumen zwischen beiden Ländern auf mehr als 10 Milliarden Franken; ohne Gold waren es rund 4 Milliarden. Schweizer Unternehmen haben zudem rund 4 Milliarden Franken in der Türkei investiert.

Eine stärkere regionale Instabilität könnte deshalb indirekte Folgen für Handel, Investitionen und Reiseverkehr haben. Noch gibt es allerdings keinen Hinweis darauf, dass der aktuelle Streit zwischen Israel und der Türkei den Schweizer Handel unmittelbar beeinträchtigt.

Kein unmittelbarer Konflikt – aber ein gefährliches Muster

Die jüngsten Ereignisse bedeuten nicht, dass Israel und die Türkei vor einem Krieg stehen. Beide Seiten haben ein Interesse daran, eine direkte Konfrontation zu vermeiden. Gleichzeitig wächst das Misstrauen.

Israel beobachtet die türkische Präsenz in Syrien zunehmend mit Sorge. Ankara wiederum betrachtet israelische Militäraktionen auf syrischem Gebiet als Verletzung der syrischen Souveränität. Die neue syrische Führung steht zwischen diesen Interessen.

Hinzu kommt die Rolle der USA. Washington muss verhindern, dass zwei seiner wichtigsten Partner in der Region in einen militärischen Konflikt geraten. Die jüngsten Gespräche zwischen Syrien und Israel unter US-Vermittlung zeigen, dass dieser Versuch bereits läuft.

Die Schweiz setzt auf Stabilität

Für Bern liegt deshalb vor allem eines im Interesse: eine Stabilisierung Syriens und eine weitere Eskalation zu verhindern. Die Schweiz verfügt zwar nicht über den politischen Einfluss der USA oder der Türkei. Sie kann aber über humanitäre Hilfe, Diplomatie und ihre langjährige Erfahrung mit Dialogformaten einen Beitrag leisten.

Von einer Schweizer Vermittlungsinitiative zwischen Israel und der Türkei ist derzeit nichts bekannt. Entsprechend wäre es falsch, Bern bereits eine konkrete Vermittlerrolle zuzuschreiben.

Der Angriff auf Abu al-Duhur zeigt vor allem, wie fragil die neue Ordnung in Syrien ist. Der Machtkampf zwischen Israel und der Türkei dürfte deshalb nicht nur die Region beschäftigen. Für die Schweiz steht viel auf dem Spiel: humanitäre Hilfe, regionale Stabilität und die Beziehungen zu einem wichtigen Handelspartner.

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