Xylitkristalle, Kaugummis und ein transparentes Herzmodell stehen in einem medizinischen Forschungslabor.
JournalPlus / KI-generiertes Symbolbild
GesundheitAnalyse08:15 UhrJournalPlus RedaktionLesezeit: 3 Min.0 Kommentare

Xylit und Herzrisiko: Was die neue Studie wirklich zeigt

Ein statistisches Warnsignal ist noch kein Beweis gegen den Zuckerersatz

Zuckerfrei gilt im Supermarkt schnell als gesund. Eine neue Auswertung stellt diese einfache Gleichung infrage: Personen mit besonders hohen Xylitwerten im Blut erlitten in den folgenden Jahren häufiger schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse. Xylit, auch Birkenzucker genannt, steckt in Kaugummis, Süssigkeiten, Zahnpflegeprodukten und manchen Lebensmitteln für eine kohlenhydratreduzierte Ernährung.

Auf dem Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie wurden Daten aus grossen Bevölkerungsgruppen vorgestellt. Menschen mit den höchsten gemessenen Xylitwerten hatten nach statistischer Bereinigung ein um 57 Prozent höheres Risiko für Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall über sechs Jahre. Eine bereits 2024 im «European Heart Journal» publizierte Studie fand ebenfalls einen Zusammenhang und Hinweise darauf, dass Xylit die Aktivität von Blutplättchen und die Gerinnungsneigung beeinflussen könnte.

Infografik zur Xylit-Studie mit relativem Zusammenhang, Beobachtungszeitraum und Hinweis auf fehlenden Kausalbeweis.
Eigene Darstellung der im Artikel genannten Daten. · JournalPlus Redaktion

Zusammenhang ist nicht Ursache

Die Zahl von 57 Prozent klingt dramatisch, ist aber ein relatives Risiko. Sie sagt ohne Kenntnis des Ausgangsrisikos nicht, wie viele zusätzliche Ereignisse tatsächlich auftraten. Vor allem handelt es sich um Beobachtungsdaten. Sie zeigen eine statistische Verbindung, können jedoch nicht beweisen, dass gegessener Xylit die Ursache war.

Der Körper bildet Xylit auch selbst. Hohe Blutwerte könnten teilweise Stoffwechselprozesse oder Krankheiten widerspiegeln, die ihrerseits das Herzrisiko erhöhen. Forschende versuchen solche Unterschiede rechnerisch zu berücksichtigen, doch unbekannte Einflussfaktoren bleiben möglich. Für einen Kausalnachweis wären kontrollierte Langzeitstudien nötig.

Der Mechanismus ist plausibel, aber noch offen

Laborversuche und eine kleine Untersuchung mit zehn Personen zeigten nach Xylitkonsum vorübergehend hohe Blutspiegel und eine erhöhte Reaktionsbereitschaft von Blutplättchen. Das macht einen biologischen Mechanismus denkbar. Eine Gruppe von zehn Personen ist jedoch zu klein, um Aussagen über Herzinfarkte im Alltag zu treffen. Dosierung, Häufigkeit und individuelle Vorerkrankungen müssen genauer untersucht werden.

Auch die Form des Produkts ist relevant. Ein zuckerfreier Kaugummi liefert eine andere Menge als ein Dessert, dessen Zucker weitgehend durch Xylit ersetzt wurde. Xylit kann in grösseren Mengen zudem Blähungen oder Durchfall auslösen – ein bereits bekannter Effekt, der mit dem möglichen Herzrisiko nichts zu tun hat.

Was Konsumentinnen und Konsumenten tun können

Die Daten sind kein Grund, Zahnpflegeprodukte oder ärztlich empfohlene Anwendungen abrupt abzusetzen. Wer gelegentlich einen xylithaltigen Kaugummi nutzt, lässt sich aus den Studien nicht als gefährdet einstufen. Vorsichtiger sollten Menschen sein, die grosse Mengen hochkonzentrierter Produkte täglich konsumieren – besonders bei bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung, Diabetes oder erhöhtem Thromboserisiko.

Sie können die Zutatenliste prüfen, die tägliche Menge überschlagen und das Thema bei der nächsten ärztlichen oder ernährungsmedizinischen Beratung ansprechen. «Zuckerfrei» sollte nicht mit «unbegrenzt» verwechselt werden. Gleichzeitig bleibt hoher Zuckerkonsum ein gut belegter Risikofaktor für Übergewicht, Diabetes und Zahnschäden; ihn einfach wieder zu erhöhen wäre die falsche Reaktion.

Was das für die Schweiz bedeutet

Xylit ist in der Schweiz als Zusatzstoff E 967 zugelassen. Eine einzelne Beobachtungsstudie führt nicht automatisch zu einer Neubeurteilung. Zuständige Behörden sollten die neue Evidenz aber verfolgen und bei Bedarf Höchstmengen, Warnhinweise oder die Datengrundlage prüfen. Hersteller wiederum können transparent angeben, wie viel Xylit eine Portion enthält.

Für Herr und Frau Schweizer bleibt eine vertraute, aber oft unbequeme Empfehlung: Entscheidend ist das gesamte Ernährungs- und Risikoprofil, nicht ein einzelner Inhaltsstoff. Die Studie ist ein ernstzunehmendes Signal für weitere Forschung. Sie ist weder ein Freispruch für unbegrenzten Konsum noch ein Beweis, dass jeder xylithaltige Kaugummi das Herz gefährdet.

Quellen

Artikel teilen

Fehler im Artikel melden

Vielen Dank für Ihren Hinweis. Bitte beschreiben Sie den Fehler so genau wie möglich.

PNG, JPG oder WebP, max. 5 MB

Kommentare

Melden Sie sich an, um mitzudiskutieren.

Noch keine Kommentare. Schreiben Sie den ersten.