Arktis wird zur neuen Handelsroute – was das für die Schweiz bedeutet
Kürzere Wege nach Asien locken Reedereien – doch Eis, Russland und hohe Kosten bremsen.

Das schmelzende Eis macht die Arktis für den internationalen Schiffsverkehr zugänglicher. Erste Containerfrachter testen bereits die Route zwischen Asien und Europa. Für die Schweiz könnte das neue Möglichkeiten eröffnen – vorerst bleibt der nördliche Seeweg aber vor allem ein geopolitisches und logistisches Experiment.
Ein kürzerer Weg zwischen Asien und Europa
Jahrzehntelang war die Arktis für die Handelsschifffahrt weitgehend eine natürliche Barriere. Das verändert sich. Der Rückgang des arktischen Meereises verlängert die Zeiträume, in denen Schiffe bestimmte Routen im hohen Norden befahren können. Der Weltklimarat IPCC geht davon aus, dass der Verlust des Meereises die Zugänglichkeit der arktischen Seewege bereits erhöht hat. Gleichzeitig warnt er vor erheblichen ökologischen und sicherheitspolitischen Folgen.
Besonders im Blick steht die Nordostpassage entlang der russischen Arktisküste. Sie verbindet den Pazifik mit dem Atlantik und ist auf der Strecke zwischen Ostasien und Nordeuropa deutlich kürzer als die traditionelle Route über den Suezkanal. Laut SRF kann die Distanz je nach Ausgangs- und Zielhafen um rund ein Drittel geringer sein. Weniger Seemeilen bedeuten potenziell weniger Treibstoffverbrauch und kürzere Transportzeiten.
Der praktische Beweis steht allerdings noch aus. 2026 testen unter anderem ein südkoreanisches und ein chinesisches Containerschiff die Route. Die südkoreanische PanStar Acro soll auf ihrer Fahrt nach Europa rund 40 bis 45 Tage unterwegs sein. Im Vergleich zu den jährlich rund 13'000 Schiffen, die den Suezkanal passieren, bleibt die Zahl der arktischen Transitfahrten jedoch verschwindend klein.
Warum die Abkürzung nicht automatisch billiger ist
Die kürzere Strecke hat einen entscheidenden Haken: Die Arktis bleibt ein schwieriges Fahrtgebiet. Eis kann die Route blockieren, Wetterbedingungen können sich rasch verändern und die Infrastruktur für Reparaturen, Rettung und medizinische Notfälle ist deutlich weniger entwickelt als auf den etablierten Handelswegen.
Für Reedereien entstehen dadurch zusätzliche Kosten. Schiffe müssen je nach Route und Jahreszeit über eine geeignete Eisklasse verfügen oder benötigen Unterstützung durch Eisbrecher. Auch Versicherungen können teurer sein. Bei einem Unfall in einem abgelegenen arktischen Seegebiet wären die Möglichkeiten für eine schnelle Bergung begrenzt.
Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO hat zudem den Transport von Schweröl in arktischen Gewässern verboten. Hintergrund sind die besonders schweren Folgen eines Ölunfalls in einer empfindlichen und schwer zugänglichen Region.
Das Russland-Problem
Für westliche Reedereien ist die Geografie nicht die einzige Hürde. Ein grosser Teil der Nordostpassage liegt entlang der russischen Küste. Die Nutzung der Route erfordert deshalb eine Zusammenarbeit mit russischen Behörden.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist diese Zusammenarbeit politisch heikel. Sanktionen, Versicherungsfragen und die Abhängigkeit von russischer Infrastruktur können für westliche Unternehmen ein erhebliches Risiko darstellen. China kann mit Russland enger zusammenarbeiten und nutzt die Route deshalb offensiver. Auch Russland selbst baut die Nordostpassage aus und verwendet sie zunehmend für Transporte nach Asien.
Damit wird die Arktis zu mehr als einer neuen Schifffahrtsroute. Sie entwickelt sich zu einem geopolitischen Raum, in dem Russland, China, die USA, Kanada und die europäischen Staaten ihre Interessen verfolgen.
Was die Schweiz davon hat
Für die Schweiz klingt eine neue Handelsroute zunächst nach einem Randthema. Das Land besitzt keinen eigenen Seehafen. Schweizer Unternehmen sind jedoch eng in internationale Lieferketten eingebunden. Maschinen, Pharmazeutika, Chemieprodukte und zahlreiche andere Güter werden weltweit produziert, transportiert und verkauft.
Eine zusätzliche Verbindung zwischen Asien und Europa könnte langfristig interessant werden, wenn sie zuverlässig, wirtschaftlich und politisch berechenbar wird. Kürzere Transportzeiten könnten insbesondere bei zeitkritischen Lieferketten Vorteile bringen. Gleichzeitig könnten Unternehmen ihre Transporte stärker diversifizieren und dadurch weniger abhängig von einzelnen Engpässen wie dem Suezkanal werden.
Das ist gerade in einer Zeit relevant, in der geopolitische Konflikte traditionelle Handelswege immer wieder beeinträchtigen. Die Angriffe auf die Schifffahrt im Roten Meer haben gezeigt, wie schnell sich eine wichtige Handelsroute verteuern oder verändern kann. Die Arktis könnte deshalb langfristig als zusätzliche Option interessant werden – nicht unbedingt als Ersatz für den Suezkanal, sondern als eine weitere Verbindung im globalen Logistiknetz.
Die Schweiz beobachtet die Entwicklung
Bern beschäftigt sich mit der Arktis bereits seit längerem. Die Schweiz besitzt seit 2017 Beobachterstatus im Arktischen Rat. Das EDA bezeichnet die Polarregionen als strategisch, ökologisch und wirtschaftlich zunehmend wichtig. Die Schweiz setzt sich dort für eine friedliche, stabile und nachhaltige Entwicklung ein und bringt unter anderem ihre wissenschaftliche Expertise ein.
Damit hat die Schweiz auch ein eigenes Interesse daran, wie sich die neuen Seewege entwickeln. Die Frage ist nicht nur, ob Schweizer Unternehmen irgendwann Güter über die Arktis transportieren. Entscheidend ist auch, welche Regeln dort gelten, wer die Routen kontrolliert und wie Umwelt- und Sicherheitsstandards durchgesetzt werden.
Der Klimawandel öffnet die Route – und verschärft das Problem
Die vielleicht grösste Ironie der neuen Handelsroute liegt darin, dass ihre wirtschaftliche Attraktivität durch eine Entwicklung zunimmt, die gleichzeitig enorme Risiken verursacht: den Klimawandel.
Der IPCC stellt fest, dass das arktische Meereis seit Jahrzehnten deutlich zurückgeht. Die Erwärmung verändert Ökosysteme, Lebensräume und die Lebensgrundlagen indigener Bevölkerungen. Gleichzeitig schafft das zurückgehende Eis neue Möglichkeiten für Schifffahrt und Rohstoffgewinnung.
Mehr Schiffsverkehr würde wiederum neue Umweltbelastungen bringen. Dazu gehören Unterwasserlärm, zusätzliche Emissionen, das Risiko von Unfällen und die mögliche Einschleppung gebietsfremder Arten. Der IPCC sieht deshalb sowohl wirtschaftliche Chancen als auch erhebliche ökologische und geopolitische Risiken.
Noch keine Konkurrenz zum Suezkanal
Von einer Revolution des Welthandels kann deshalb noch keine Rede sein. Die Zahl der Schiffe ist gering, die Infrastruktur unzureichend und die politischen Risiken sind hoch.
Doch die Entwicklung ist strategisch interessant. Wenn sich die eisfreien Zeiträume verlängern, die Schifffahrtstechnik verbessert und die Infrastruktur ausgebaut wird, könnte die Nordostpassage langfristig an Bedeutung gewinnen. Für die Schweiz wäre das vor allem eine Frage der Lieferketten, Versorgungssicherheit und geopolitischen Diversifizierung.
Die Arktis wird damit zu einem neuen Schauplatz des globalen Handels. Für Schweizer Unternehmen ist die Route heute noch keine Alternative, die man einfach buchen kann. Aber sie könnte in Zukunft eine zusätzliche Option werden – vorausgesetzt, Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und internationale Regeln halten mit dem schmelzenden Eis Schritt.
Quellen
- SRF: «Neue Handelsrouten – Durch die Arktis gibt’s interessante Abkürzungen»
- IPCC: Berichte zu Polarregionen, Meereis und arktischer Schifffahrt
- EDA: Informationen der Schweiz zu den Polarregionen
- Reuters: Testfahrt eines südkoreanischen Containerschiffs über die Nordostpassage
- Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit: Schweizer Aussenhandelsstatistik



