BIP Schweiz: Datenlage bleibt nach BFS-Publikation unklar
Das Bundesamt für Statistik zeigt nur ein Diagramm – konkrete Zahlen fehlen

Schweizer Wirtschaft wächst – doch was kommt bei der Mittelschicht an?
Die Schweizer Wirtschaft ist 2025 um 1,6 Prozent gewachsen. Gleichzeitig stiegen die Reallöhne ebenfalls um 1,6 Prozent, während die durchschnittliche Teuerung nur 0,2 Prozent betrug. Auch im zweiten Quartal 2026 zeichnet sich mit einem vorläufigen Wachstum von 1,5 Prozent eine starke Entwicklung ab. Für viele Haushalte bleibt die Lage dennoch anspruchsvoll: Krankenkassenprämien steigen deutlich, der Wohnungsmarkt bleibt angespannt und die hohen Preise der vergangenen Jahre sind nicht wieder verschwunden.
Die neuen Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) und des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) zeichnen ein grundsätzlich positives Bild der Schweizer Wirtschaft. 2025 legte das reale Bruttoinlandprodukt um 1,6 Prozent zu. Das Wachstum setzte sich damit gegenüber 2024 fort, als das BIP um 1,5 Prozent gestiegen war.
Doch Wirtschaftswachstum allein sagt noch nicht, wie sich die Situation für die Bevölkerung entwickelt. Für Haushalte sind vor allem Einkommen, Preise, Mieten, Krankenkassenprämien und andere laufende Ausgaben entscheidend. Genau hier zeigt sich ein differenzierteres Bild.
Die Wirtschaft ist 2025 um 1,6 Prozent gewachsen
Das BFS weist für 2025 einen Anstieg des realen Bruttoinlandprodukts von 1,6 Prozent aus. Besonders stark entwickelte sich die Binnennachfrage. Sie nahm um 2,5 Prozent zu. Die Investitionen stiegen um 3,5 Prozent und leisteten damit einen wichtigen Beitrag zum Wachstum.
Auch der private Konsum entwickelte sich positiv. Die Konsumausgaben der privaten Haushalte und der privaten Organisationen ohne Erwerbszweck stiegen um 1,8 Prozent. Besonders Ausgaben für Gesundheit, Verkehr und das Gastgewerbe trugen zum Wachstum des Konsums bei.
Auch die Industrie entwickelte sich positiv. Das verarbeitende Gewerbe und die Herstellung von Waren legten insgesamt um 2,4 Prozent zu. Besonders stark entwickelte sich die chemische und pharmazeutische Industrie mit einem Wachstum von 8,1 Prozent.
Die Schweizer Wirtschaft wächst damit weiterhin, allerdings nicht in allen Bereichen gleich stark. Während Industrie, Finanzdienstleistungen und Teile des Dienstleistungssektors zulegten, verzeichneten einzelne Branchen Rückgänge.
Auch 2026 beginnt mit einem starken Signal
Noch aktueller ist der Blick auf das laufende Jahr.
Nach der am 14. August veröffentlichten Flash-Schätzung des SECO dürfte das reale Schweizer BIP im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem ersten Quartal um 1,5 Prozent gewachsen sein. Die Zahl ist saison-, kalender- und Sportevent-bereinigt.
Den entscheidenden Beitrag lieferte erneut die Industrie, insbesondere die chemisch-pharmazeutische Branche. Auch der Dienstleistungssektor entwickelte sich insgesamt positiv.
Allerdings handelt es sich bei den 1,5 Prozent noch nicht um das endgültige Ergebnis. Die Flash-Schätzung basiert teilweise auf prognostizierten Werten. Die vollständige Quartalsrechnung des SECO soll am 3. September 2026 veröffentlicht werden.
Die Löhne haben wieder deutlich an Kaufkraft gewonnen
Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist eine andere Zahl besonders wichtig: die Entwicklung der Reallöhne.
2025 stiegen die Nominallöhne in der Schweiz durchschnittlich um 1,8 Prozent. Weil die Preise im Jahresdurchschnitt lediglich um 0,2 Prozent zunahmen, ergab sich ein Reallohnwachstum von 1,6 Prozent. Die Kaufkraft der Löhne nahm damit deutlich zu.
Das ist eine deutliche Verbesserung gegenüber den Jahren zuvor. 2023 waren die Reallöhne noch um 0,4 Prozent gesunken. 2024 stiegen sie erstmals wieder um 0,7 Prozent. 2025 beschleunigte sich die Erholung auf 1,6 Prozent.
Für die Arbeitnehmer bedeutet das: Die durchschnittliche Kaufkraft der Löhne hat sich wieder verbessert. Die Schweizer Mittelschicht steht damit einkommensseitig besser da als noch während der Inflationsphase.
Die Inflation ist inzwischen kaum noch das grosse Problem
Die Schweiz hat die grosse Teuerungswelle der Jahre 2022 und 2023 weitgehend hinter sich gelassen.
Die durchschnittliche Jahresteuerung betrug 2023 noch 2,1 Prozent und 2024 1,1 Prozent. 2025 fiel sie auf lediglich 0,2 Prozent. Auch 2026 bleibt die Teuerung sehr niedrig. Im Juli lagen die Konsumentenpreise nur 0,4 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Gegenüber Juni sanken sie sogar um 0,1 Prozent.
Damit ist die Schweiz derzeit weit von den hohen Inflationsraten entfernt, die viele Haushalte noch vor wenigen Jahren belasteten.
Allerdings bedeutet eine niedrige Inflation nicht, dass die Preise wieder auf das frühere Niveau zurückgefallen sind. Inflation misst die Veränderung der Preise. Wenn die Teuerung auf 0,4 Prozent sinkt, steigen die Preise nur noch langsam weiter – die bereits erreichten Preissteigerungen bleiben jedoch bestehen.
Warum sich das Leben trotzdem nicht unbedingt günstiger anfühlt
Für einen Haushalt ist die durchschnittliche Inflationsrate nur ein Teil der Rechnung. Entscheidend ist, wofür das Einkommen tatsächlich ausgegeben wird.
Wer einen grossen Teil seines Einkommens für Miete, Krankenkasse, Energie, Lebensmittel und andere notwendige Ausgaben verwendet, kann eine deutlich andere Kostenentwicklung erleben als der durchschnittliche Warenkorb des Landesindexes der Konsumentenpreise.
Das zeigt sich besonders bei den Krankenkassenprämien.
Krankenkassen steigen deutlich stärker als die allgemeine Inflation
Die mittlere Krankenkassenprämie steigt 2026 um durchschnittlich 4,4 Prozent auf 393,30 Franken pro Monat. Für Erwachsene beträgt die mittlere Monatsprämie 465,30 Franken, für junge Erwachsene 326,30 Franken und für Kinder 122,50 Franken.
Damit liegt die Entwicklung der Krankenkassenprämien deutlich über der allgemeinen Teuerung von 0,2 Prozent im Jahr 2025 beziehungsweise 0,4 Prozent im Juli 2026.
Das BAG erklärt den Anstieg unter anderem mit höheren Gesundheitskosten. Dazu gehören die Alterung der Bevölkerung, neue Behandlungsmöglichkeiten und Medikamente, eine steigende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen sowie höhere Tarife im stationären und ambulanten Bereich.
Für Haushalte sind die Prämien deshalb ein besonderer Kostenfaktor: Sie steigen unabhängig davon, ob eine Familie tatsächlich mehr medizinische Leistungen in Anspruch nimmt.
Auch beim Wohnen bleibt der Druck bestehen
Ein weiterer zentraler Kostenblock ist das Wohnen.
Der Mietwohnungsmarkt bleibt in vielen Regionen angespannt. Gleichzeitig hat sich der für Mietzinsanpassungen wichtige hypothekarische Referenzzinssatz inzwischen wieder auf 1,25 Prozent reduziert. Er liegt seit September 2025 auf diesem Niveau und blieb auch 2026 bisher unverändert.
Die sinkenden Finanzierungskosten können grundsätzlich zu Mietzinssenkungen führen, wenn die entsprechenden Voraussetzungen erfüllt sind. So ergab die Senkung des Referenzzinssatzes von 1,5 auf 1,25 Prozent im September 2025 grundsätzlich einen Senkungsanspruch von 2,91 Prozent, sofern der Mietzins auf einem Referenzzinssatz von 1,5 Prozent beruhte.
Die Realität des Wohnungsmarktes ist jedoch komplizierter. Das Bundesamt für Wohnungswesen weist weiterhin auf einen angespannten Mietwohnungsmarkt und ein knappes Angebot hin. Gleichzeitig dürfte sich die Entwicklung des Mietpreisindex 2026 aufgrund der gesunkenen Referenzzinssätze abschwächen.
Für Mieterinnen und Mieter bedeutet das: Der Referenzzinssatz sorgt inzwischen eher für Entlastung, während die allgemeine Knappheit bei Wohnungen weiterhin ein Problem darstellt.
Die Mittelschicht steht zwischen Kaufkraftgewinn und hohen Fixkosten
Damit ergibt sich ein widersprüchliches Bild.
Auf der einen Seite sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen günstig: Das BIP wächst, die Inflation ist niedrig und die Reallöhne steigen. 2025 nahm die Kaufkraft der Löhne durchschnittlich um 1,6 Prozent zu.
Auf der anderen Seite bleiben wichtige Haushaltskosten hoch. Krankenkassenprämien steigen 2026 um 4,4 Prozent. Der Wohnungsmarkt ist weiterhin angespannt. Und die Preise, die während der Inflationsjahre deutlich gestiegen sind, fallen nicht automatisch wieder auf das frühere Niveau zurück.
Genau deshalb können zwei Aussagen gleichzeitig richtig sein: Die Schweizer Bevölkerung gewinnt durchschnittlich wieder Kaufkraft – und viele Haushalte fühlen sich finanziell trotzdem weiterhin unter Druck.
Das Wachstum kommt nicht bei allen Haushalten gleich an
Das BIP misst die Wirtschaftsleistung der gesamten Schweiz. Es sagt nicht direkt aus, wie viel Geld ein einzelner Haushalt am Monatsende zur Verfügung hat.
Ein Haushalt mit stark steigenden Löhnen und einer günstigen Wohnsituation kann vom aktuellen Umfeld deutlich profitieren. Für eine Familie mit mehreren Kindern, hohen Krankenkassenprämien und einer teuren Mietwohnung kann der finanzielle Spielraum dagegen wesentlich kleiner sein.
Auch die regionale Situation spielt eine Rolle. Die Kosten für Wohnen und Krankenkassen unterscheiden sich je nach Kanton und Wohnregion erheblich. Die durchschnittliche Entwicklung der Schweiz kann deshalb die persönliche Situation eines einzelnen Haushalts nur begrenzt abbilden.
Die Schweiz steht wirtschaftlich vergleichsweise stabil da
Im internationalen Vergleich bleibt die Schweiz damit in einer relativ komfortablen Lage. Die Inflation ist niedrig, die Löhne steigen real wieder und die Wirtschaft wächst.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Schweiz ein günstiges Land geworden ist. Das Preisniveau bleibt hoch. Für die Mittelschicht ist deshalb weniger die Frage entscheidend, ob die Inflation bei 0,4 oder 0,8 Prozent liegt. Wichtiger ist, ob die Einkommen langfristig schneller wachsen als jene Ausgaben, die sich kaum vermeiden lassen.
Besonders relevant sind dabei Wohnen, Gesundheit, Energie, Lebensmittel und bestimmte Dienstleistungen.
Was jetzt entscheidend wird
Die kommenden Monate werden zeigen, ob das starke zweite Quartal 2026 nachhaltig ist. Die definitive BIP-Zahl für das zweite Quartal wird am 3. September veröffentlicht. Danach dürfte sich besser beurteilen lassen, wie stark die Schweizer Wirtschaft tatsächlich in der ersten Jahreshälfte gewachsen ist.
Für die Haushalte wird gleichzeitig entscheidend sein, wie sich die Löhne, Krankenkassenprämien und Wohnkosten weiterentwickeln.
Eine besonders günstige Kombination wäre eine Fortsetzung des Wirtschaftswachstums bei gleichzeitig niedriger Inflation und steigenden Reallöhnen. Dann könnte die Kaufkraft der Mittelschicht weiter zunehmen.
Bleiben dagegen die Preise für wichtige Fixkosten deutlich stärker als die Löhne, könnte sich die finanzielle Belastung vieler Haushalte trotz einer niedrigen Gesamtinflation weiterhin hoch anfühlen.
Fazit: Gute Wirtschaftsdaten, aber kein Freipass für die Haushalte
Die aktuellen Zahlen sprechen grundsätzlich für eine robuste Schweizer Wirtschaft. 2025 wuchs das BIP um 1,6 Prozent. Die Reallöhne stiegen ebenfalls um 1,6 Prozent. Gleichzeitig betrug die durchschnittliche Inflation nur 0,2 Prozent.
Auch das zweite Quartal 2026 liefert ein positives Signal. Die vorläufige SECO-Schätzung weist auf ein Wachstum von 1,5 Prozent hin. Die definitive Zahl steht allerdings noch aus.
Für die Bevölkerung ist das zunächst eine gute Nachricht. Die Kaufkraft der durchschnittlichen Löhne steigt wieder und die allgemeine Teuerung ist weitgehend verschwunden.
Doch die Entwicklung der Haushaltsbudgets ist komplizierter. Krankenkassenprämien steigen 2026 um 4,4 Prozent, während der Wohnungsmarkt trotz des inzwischen wieder niedrigeren Referenzzinssatzes angespannt bleibt.
Die Schweiz wächst also wieder – die entscheidende Frage ist nun, wie viel von diesem Wachstum tatsächlich bei der Bevölkerung ankommt.
Quellen
- Bundesamt für Statistik (BFS): «Bruttoinlandprodukt – 1996–2025», 25. August 2026.
- Bundesamt für Statistik (BFS): «Lohnentwicklung 2025», 21. April 2026.
- Bundesamt für Statistik (BFS): «Die Konsumentenpreise sind im Juli um 0,1% gefallen», 3. August 2026.
- Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO): «Das Wachstum des Schweizer BIP ist 2025 stabil geblieben», 25. August 2026.
- Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO): «Flash-BIP für das 2. Quartal 2026: Starkes Wachstum der Schweizer Wirtschaft», 14. August 2026.
- Bundesamt für Gesundheit (BAG): «Krankenkassenprämien erhöhen sich durchschnittlich um 4,4 Prozent», 23. September 2025.
- Bundesamt für Wohnungswesen (BWO): Entwicklung des hypothekarischen Referenzzinssatzes, Stand Juni 2026.



