Earthships: Autarke Häuser aus Recyclingmaterial in den Niederlanden
Nachhaltiges Wohnkonzept mit Potenzial für die Schweiz

In den Niederlanden entstehen verstärkt Earthships – selbstversorgende Häuser, die vollständig aus recycelten Materialien gebaut werden. Die Gebäude nutzen alte Autoreifen als tragende Strukturelemente, Glasflaschen als Füllmaterial und Dosen für die Wandkonstruktion. Sie versorgen sich durch Solarpanels mit Strom, sammeln Regenwasser für den Haushalt und produzieren Lebensmittel in integrierten Gewächshäusern.
Ursprung und Verbreitung in Europa
Das Konzept wurde in den 1970er-Jahren vom amerikanischen Architekten Michael Reynolds entwickelt. Reynolds baute die ersten Earthships in der Wüste von New Mexico. Mittlerweile gibt es weltweit über 3000 solcher Gebäude. In Europa finden sich Earthships vor allem in Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Die niederländische Gemeinde Olst-Wijhe hat 2017 das erste vollständig genehmigte Earthship des Landes realisiert.
Die Bauweise folgt sechs Grundprinzipien: thermische Masse für Temperaturregulierung, natürliche und erneuerbare Energien, Wassergewinnung und -aufbereitung, Abwasserbehandlung, natürliche Baumaterialien sowie Nahrungsmittelproduktion. Ein durchschnittliches Earthship kostet zwischen 150'000 und 400'000 Euro, abhängig von Grösse und Ausstattung.
Herausforderungen im Alpenraum
Für die Schweiz stellt sich die Frage der Übertragbarkeit. Die klimatischen Bedingungen im Alpenraum unterscheiden sich deutlich von jenen in den Niederlanden oder New Mexico. Wintertemperaturen unter null Grad und weniger Sonnenstunden erfordern zusätzliche Isolationsmassnahmen. Zudem sind Schweizer Bauvorschriften strenger als in vielen anderen Ländern.
Das Bundesamt für Energie (BFE) sieht das Prinzip der Energieautarkie und des nachhaltigen Bauens als passend zur Schweizer Nachhaltigkeitsstrategie. Allerdings müssten die Konstruktionen an lokale Gegebenheiten angepasst werden. Insbesondere die Verwendung recycelter Materialien könnte auf rechtliche Hürden stossen, da diese den schweizerischen Brandschutz- und Statikanforderungen genügen müssen.
Potenzial für alternatives Wohnen
Befürworter sehen in Earthships eine Antwort auf steigende Energiekosten und Ressourcenknappheit. Die Gebäude verursachen minimale laufende Kosten und reduzieren den ökologischen Fussabdruck erheblich. In den Niederlanden werden die Häuser vor allem von Menschen gewählt, die sich von konventionellen Infrastrukturen unabhängig machen möchten.
Kritiker weisen auf die aufwendige Bauweise hin. Der Bau eines Earthships erfordert spezialisiertes Wissen und viel Handarbeit. Die thermische Masse aus gestampften Reifen macht die Konstruktion arbeitsintensiv. Zudem bleiben Fragen zur Langlebigkeit und Wartung offen.
Ob sich das Konzept in der Schweiz durchsetzt, hängt von mehreren Faktoren ab: Bereitschaft der Behörden zur Genehmigung alternativer Bauformen, Anpassung an alpine Klimabedingungen und Verfügbarkeit qualifizierter Bauunternehmen. Erste Interessengruppen in der Schweiz prüfen bereits die Machbarkeit von Pilotprojekten.


